Für NRWision geht 2026 eine lange Etappe zu Ende: Der nicht-kommerzielle TV- und Medienkanal wird nach 17 Jahren eingestellt. Verantwortlich ist das Institut für Journalistik der TU Dortmund unter der Leitung von Journalistik-Professor und TV-Moderator Michael Steinbrecher. Der Grund liegt in einer Förderentscheidung: Die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) wird NRWision ab 2027 nicht mehr unterstützen.

Das Projekt sucht zwar nach anderen Finanzierungspartnern, bislang ohne Erfolg. Auch wie Bürgermedien in Nordrhein-Westfalen künftig gefördert werden, ist noch ungeklärt. „NRWision Perspektive 2027“ heißt deshalb nicht zufällig eine der aktuellen Linien des Projekts: Gesucht wird eine Möglichkeit, die Plattform möglichst umfassend weiterzuführen.

17 Jahre Bürgerfernsehen, Audio und Online-Videos

Gestartet wurde NRWision 2009 von der LfM und der TU Dortmund – zunächst als „TV-Lernsender.NRW“. Seitdem ist daraus eine der erfolgreichsten Bürgermedienplattformen Deutschlands geworden. Bürgerinnen aus Nordrhein-Westfalen finden dort einen professionellen Ort für eigene Themen und Beiträge. Die Mediathek umfasst inzwischen rund 46.000 Beiträge.

Mehr als 1.500 Gruppen und Einzelpersonen haben sich bislang mit Audio- und Videobeiträgen beteiligt. In 17 Jahren entstanden zahlreiche TV-Eigenproduktionen mit Studierenden und Bürgerinnen aus NRW. Seit 2017 gehören neben TV- und Online-Videos auch Audiobeiträge zum Angebot. 2025 verzeichnete NRWision so viele Seitenaufrufe wie nie zuvor, und auch 2026 bleibt das Interesse hoch.

Das Spektrum reicht von selbst produzierten Filmen und Sendungen bis zu Podcasts. Zu den jüngeren Formaten zählt „Lass uns reden“, ein lokales Diskussionsformat, das Bürgerinnen zusammenbringt und ihre Themen aufgreift. Zu Gast waren unter anderem die Journalistinnen Christine Westermann, Sabine Heinrich und Manfred Breuckmann sowie die Politikerinnen Franz Müntefering, Nathanael Liminski und Hannelore Kraft.

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Wer etwas einreicht, bekommt redaktionelles und technisches Feedback und kann sich bei Fragen an die Redaktion wenden. NRWision prüft die Beiträge medienrechtlich und ermöglicht die Nutzung GEMA-freier Musik. Chefredakteurin Leonie Krzistetzko beschreibt das Projekt als geschützten Raum, in dem Bürgerinnen sich medial ausprobieren können – begleitet von einer professionellen Redaktion.

Bis Dezember läuft der Sendebetrieb weiter

Noch ist der Sender nicht weg. Bis Ende 2026 bleibt NRWision unverschlüsselt und kostenlos im digitalen Kabelnetz von Vodafone, NetCologne und NetAachen empfangbar. Dazu kommen IPTV bei 1&1 und MagentaTV, die kostenlose TV-App Zattoo, ein Livestream auf der Website sowie ein Alexa-Skill für Echo Show und Fire TV. Mit dem Ende des Sendebetriebs fallen diese Empfangswege weg.

Das Team will bis zum Jahresende weiter senden und Produzierende unter anderem mit medienrechtlicher Beratung und redaktionellem Feedback unterstützen. Das Herbstprogramm und das übliche Winterprogramm entfallen allerdings. Ab dem 1. Dezember 2026 soll stattdessen ein Sonderprogramm zum 17-jährigen Bestehen laufen.

Produzierende können bis zum 8. November kurze Videos im Querformat einreichen, in denen sie ihre Erfahrungen mit NRWision schildern. Neue Audio- und Videobeiträge lassen sich bis einschließlich 18. November hochladen. Die eingereichten Clips sollen im Sonderprogramm und in der Mediathek erscheinen.

In sozialen Medien reagierten Nutzerinnen und Nutzer überwiegend traurig und bedankten sich beim Team. In Kommentaren war vom Verlust für die Medienbildung die Rede, auch das Ende einer unabhängigen Plattform für Bürgermedien wurde beklagt. Ein bisschen Wehmut liegt also schon über dem letzten Programm.

Was von NRWision bleiben könnte

Die Mediathek soll voraussichtlich auch 2027 mit den bisherigen Sendungen bestehen bleiben. Neue Inhalte werden dann nicht mehr veröffentlicht. Ob das Archiv tatsächlich erhalten bleibt, hängt von der Finanzierung ab. Außerdem arbeitet das Team daran, dass Produzierende weiterhin auf ihre eigenen, bisher bei NRWision gespeicherten Filme zugreifen können.

Projektleiter Prof. Michael Steinbrecher dankte der LfM für die langjährige Zusammenarbeit und kündigte Gespräche mit möglichen neuen Kooperationspartnern an. Bis Ende 2026 soll NRWision jedenfalls noch als nicht-kommerzieller Ort für Bürgermedien dienen. Die Plattform ist damit nicht nur ein Sender, sondern auch Werkstatt, Archiv und Anlaufstelle – mit Kabelsignal, Upload-Fenster und ziemlich viel Arbeit hinter den Kulissen.

Warum Bürgermedien mehr sind als ein Zusatzangebot

Die Medienanstalten ordnen Bürgermedien als Bestandteil der Informations- und Diskussionskultur sowie der Medienvielfalt in Deutschland ein. Dazu zählen Offene Kanäle, Bürgerradios und Freie Radios, Bürgerfernsehen sowie Aus- und Erprobungskanäle. Sie ermöglichen Medienbildung und die Teilnahme am öffentlichen Diskurs.

Ihre demokratischen Aufgaben sind breit: Bürgermedien vermitteln Medienkompetenz und kritisches Denken, gerade beim Umgang mit Desinformation und Verschwörungserzählungen. Sie geben Einblick in den gesamten Entstehungs-, Produktions- und Verbreitungsprozess von Medieninhalten, öffnen öffentliche und gesellschaftspolitische Debatten für Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen und ermöglichen freie Meinungsäußerung.

Hinzu kommen eine partizipative und inklusive Ausrichtung, die Förderung von Bildung, Integration und Inklusion in Rundfunk und Internet sowie Informationen, Nachrichten und Unterhaltung. Lokales Leben kann unmittelbar und unzensiert sichtbar werden. Authentizität, Lokalität und mediale Vielfalt sollen dabei Orientierung in der großen Menge digitaler Informationen bieten.

In vielen Bundesländern gehören Bürgermedien fest zur lokalen Medienlandschaft. Landesmedienanstalten fördern bestehende Projekte oder betreiben eigene Einrichtungen; die rechtlichen Grundlagen stehen in den jeweiligen Landesmediengesetzen. Eine Übersichtskarte der Medienanstalten ermöglicht die Recherche nach Bürgermedien in verschiedenen Regionen Deutschlands.

Offene Kanäle sind nichtkommerzielle, werbefreie lokale oder regionale Radio- und Fernsehsender. Sie gewähren allen Bürgerinnen und Bürgern freien, gleichberechtigten und kostenfreien Zugang, stellen technische und fachliche Infrastruktur bereit und lassen die Menschen ihre Beiträge eigenständig produzieren. Für diese Beiträge tragen die Produzierenden selbst die Verantwortung. Betrieben werden solche Kanäle meist von Landesmedienanstalten oder gemeinnützigen Träger- und Fördervereinen.

Nichtkommerzielle Radios und Fernsehsender sind lokal begrenzt und in der Regel zugangsoffen. Die Verantwortung liegt bei den jeweiligen Redaktionen, deren Aufbau und Arbeitsweise sich je nach Senderkonzept unterscheiden. Es gibt ein festes Sendeschema, Ehrenamtliche produzieren gemeinsam mit wenigen Redaktionsmitgliedern Sendungen. Auch die Musikauswahl richtet sich nicht nach kommerziellen Interessen oder dem Mainstream.

Der Bürgerrundfunk verbindet die Offenheit und Partizipation Offener Kanäle mit dem Informationsauftrag nichtkommerzieller Sender. Er ergänzt die lokale und regionale Berichterstattung, gewährt allen Bürgerinnen und Bürgern im Verbreitungsgebiet offenen und diskriminierungsfreien Zugang und bietet Medienkompetenzvermittlung an. Das Modell existiert in mehreren Bundesländern, allerdings ohne einheitliche medienrechtliche oder organisatorische Regelung; in Niedersachsen ist es seit 2001 gesetzlich abgesichert.

Auch Campus- und Hochschulradios gehören in dieses Umfeld. Studierende produzieren und moderieren dort Radiobeiträge und qualifizieren sich journalistisch. Zusätzlich lernen sie Redaktionsmanagement, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Social-Media-Kommunikation, Musikablaufplanung und Kontakte zur Musikindustrie. Aus- und Fortbildungskanäle qualifizieren journalistischen Nachwuchs, vermitteln technische Fähigkeiten zur Beitragsproduktion und fördern Medienkompetenz. Je nach Ausrichtung ähneln sie Campus- und Hochschulradios.

Schulradios wiederum geben Schulklassen und Gruppen die Möglichkeit, Beiträge zu veröffentlichen oder Programmabschnitte zu gestalten – meist für die Unterrichtspausen. Ergänzend gibt es Audioplattformen für Radioprojekte und Podcasts von Schülerinnen und Schülern. Die Interessen der Bürgermedien in Deutschland vertritt der Bundesverband Bürgermedien; der Bundesverband Freier Radios ist ein Zusammenschluss nichtkommerzieller Hörfunkinitiativen.