Passform statt Etikett: Wie Frauen im Handwerk sicherer und erfolgreicher arbeiten
Im Handwerk wird die Kleidung manchmal erst dann wichtig, wenn sie stört: wenn die Hose beim Knien rutscht, die Ärmel spannen oder das Kniepolster irgendwo am Schienbein sitzt. Für viele Handwerkerinnen ist das kein Randthema. Über alle Handwerksberufe hinweg stellen Frauen etwa 20 Prozent der Beschäftigten, im Baugewerbe rund 15 Prozent und im Ausbaugewerbe bis zu 40 Prozent.
Auch an den Betriebsspitzen verändert sich das Bild. Rund 20 Prozent der klassischen Handwerksbetriebe werden von Frauen geführt oder mitgeleitet. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) wird durchschnittlich sogar jeder vierte Handwerksbetrieb von einer Frau mit- oder allein geführt – 25,2 Prozent. Der Frauenanteil in den Belegschaften liegt seit Jahren relativ konstant bei etwa einem Drittel. Zwischen Gewerbegruppen und Qualifikationsstufen gibt es allerdings deutliche Unterschiede.
Wenn „Unisex“ einfach Herren heißt
Mit dem wachsenden Frauenanteil steigen die Anforderungen an eine passende, sichere und komfortable Ausstattung. Denn die Passform von Berufskleidung beeinflusst Bewegungsfreiheit, Tragekomfort und den ganzen Arbeitsalltag. Viele Kollektionen, die als „Unisex“ verkauft werden, basieren jedoch weiterhin auf klassischen Herrenschnitten.
Die Folgen können zu weite Hosen, unpassende Längen und eingeschränkte Bewegungsfreiheit sein. Das klingt zunächst nach einem Ärgernis beim Anziehen, kann aber auch die Produktivität beeinträchtigen und zum Sicherheitsrisiko werden. Wer ständig an der Kleidung zupft oder beim Klettern, Hocken und Tragen ausgebremst wird, hat den Kopf nicht ganz bei der Sache.
Im Durchschnitt haben Frauen schmalere Schultern und eine schmalere Taille, breitere Hüften sowie eine kürzere Rückenlänge. Damenmodelle berücksichtigen diese Unterschiede durch angepasste Schnitte und Stretch-Einsätze. Stauraum und Werkzeugtaschen bleiben dabei erhalten, der Funktionsumfang entspricht weitgehend dem anderer Modelle. Und die Kniepolster sitzen dort, wo sie hingehören: am vorgesehenen Punkt am Knie statt am Schienbein.
Bei persönlicher Schutzausrüstung ist die richtige Passform keine Nebensache, sondern Voraussetzung für die Schutzwirkung. Eine Studie der RWTH Aachen zu Unfallmeldungen freiwilliger Feuerwehren ergab, dass Feuerwehrfrauen ein doppelt so hohes Unfallrisiko wie ihre männlichen Kollegen haben. Die Forschenden führten das zumindest teilweise auf schlecht zugeschnittene Schutzkleidung zurück.
Bedarfsgerechte Berufskleidung kann außerdem beeinflussen, wie wertgeschätzt und zugehörig sich Mitarbeitende fühlen. Kleidung, die nicht verrutscht und Bewegungsfreiheit bietet, erleichtert die Konzentration auf die eigentliche Arbeit. Damenkleidung bedeutet deshalb nicht bloß eine andere Farbe, sondern vor allem eine angepasste Passform.
Wobei die Etiketten nicht alles sagen. Frauen mit gerader Körperform können sich durchaus in gut sitzenden Unisex- oder Herrenmodellen wohlfühlen. Entscheidend ist die tatsächliche Passform am Körper – nicht die Bezeichnung auf dem Etikett. Betriebe sollten daher mehrere Kleidungsoptionen anbieten.
Mehr Frauen, aber nicht überall gleich viele
2025 wurden etwa 14 Prozent der erfolgreichen Meisterprüfungen von Frauen abgelegt. Bei den Auszubildenden lag der Frauenanteil im selben Jahr ebenfalls bei 14 Prozent. Im Bauhauptgewerbe sind Frauen unter den Auszubildenden weiterhin vielfach unterrepräsentiert.
Ganz anders sieht es in kreativen und gesundheitsbezogenen Berufen aus: Bei den Konditorinnen liegt der Frauenanteil bei 84,4 Prozent, bei Augenoptikerinnen bei 71,5 Prozent und bei Zahntechnikerinnen bei 67 Prozent. Der Friseurberuf bleibt der häufigste Ausbildungsberuf von Frauen im Handwerk.
Gleichzeitig steigt die Zahl junger Frauen in traditionell männlich geprägten Berufen. Dazu gehören Kraftfahrzeugmechatronikerin, Tischlerin, Augenoptikerin, Elektronikerin sowie Malerin und Lackiererin. Der ZDH wirbt unter anderem mit schulischer Berufsorientierung, dem Girls’ Day, MINT-Initiativen und der Initiative Klischeefrei für mehr Frauen in handwerklichen und technischen Berufen.
Der digitale Wandel verschiebt zudem die Anforderungen. In vielen Handwerksberufen nehmen körperliche Belastungen ab, während kreative, kommunikative und organisatorische Fähigkeiten an Bedeutung gewinnen. Für die künftigen Führungsebenen des Handwerks rücken deshalb Arbeitsklima, Führungskultur, Kommunikation, Arbeitsorganisation, Arbeitszeit, Work-Life-Balance und Personalentwicklung stärker in den Mittelpunkt.
Meisterinnen auf dem Vormarsch
Eine Auswertung des IW Köln zeigt, dass 2024 rund 7.000 Frauen mehr als Handwerksmeisterinnen arbeiteten als 2013. Der Frauenanteil unter den Handwerksmeistern stieg in diesem Zeitraum von rund 13 auf 17 Prozent.
In den Gesundheitsberufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik kamen mehr als 3.500 Meisterinnen hinzu – ein Anstieg von 84 Prozent. Auch im Hoch- und Tiefbau nahm ihre Zahl zu: Im Hochbau waren es 126 Frauen mehr, im Tiefbau 241. In beiden Bauberufen hat sich die Zahl der Meisterinnen damit mehr als verdoppelt.
Handwerkerinnen arbeiten unabhängig von ihrer Qualifikation häufiger in Berufen mit Fachkräfteengpässen. Sie tragen damit zur Verringerung des Fachkräftemangels bei, während auf Baustellen, in Werkstätten und Betrieben längst nicht mehr nur Männer den Ton angeben.
Christina Völkers leitet seit vielen Jahren die Koordinierungsstelle zur Frauenförderung und beschäftigt sich mit dem Thema „Frauen im Handwerk“. Sie beobachtet, dass sich die Rolle von Frauen im Handwerk besonders in den vergangenen Jahren verändert hat. Seit den 1990er-Jahren steigt die Zahl der Frauen in männerdominierten Handwerksberufen kontinuierlich.
Ganz reibungslos läuft es trotzdem nicht. In vielen als typisch männlich geltenden Berufen stoßen Frauen weiterhin auf Vorurteile und erhalten nicht immer Unterstützung. Der Fachkräftemangel hat daran laut Völkers bislang nur wenig geändert. Wer sich trotzdem für einen solchen Beruf entscheidet, bringt häufig besonderen Willen und Durchsetzungsvermögen mit.
Viele dieser Frauen engagieren sich besonders, schließen ihre Prüfungen mit sehr guten Ergebnissen ab und verfolgen ihre beruflichen Ziele konsequent. Zahlreiche qualifizieren sich weiter, absolvieren eine Meisterausbildung und gründen oder leiten anschließend ein eigenes Unternehmen. Für junge Frauen ist es inzwischen zunehmend selbstverständlich, vermeintlich untypische Berufe zu wählen. Sie arbeiten erfolgreich als Malerinnen, Tischlerinnen oder Dachdeckerinnen. Ihre Erfolge zeigen laut Völkers, dass Frauen diese Handwerksberufe ebenso ausüben können wie Männer.
Was Betriebe bei der Ausstattung tun können
Für Unternehmen bedeutet das zunächst etwas ziemlich Praktisches: Kleidung anprobieren lassen, verschiedene Schnitte anbieten und nicht automatisch das größte Unisex-Modell aus dem Schrank ziehen. Mewa bietet Unternehmen einen Service für Berufskleidung an, der Bereitstellung, Pflege, Reparatur und Austausch umfasst. Zusätzlich gibt es für Mewa-Kunden einen exklusiven Onlineshop mit Arbeitsschutzartikeln und Zubehör.
Am Ende entscheidet der Arbeitstag, nicht der Katalog. Wenn die Hose beim Knien bleibt, die Jacke nicht an den Schultern zieht und das Kniepolster tatsächlich am Knie sitzt, merkt man den Unterschied oft erst nach mehreren Stunden – zwischen Staub, Werkzeuglärm und dem kurzen Moment, in dem man einfach weiterarbeiten kann.
