Wer beim Einkauf auf Herkunft, Haltung oder Firmenpolitik schaut, betreibt politischen Konsum. An der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) wird dieser Begriff für politisch, ökologisch oder ethisch begründete Kauf- und Boykottentscheidungen verwendet. Die repräsentative Studie „Politischer Konsum im Alltag“ zeigt: 62 Prozent der Menschen in Deutschland meiden Waren oder Dienstleistungen aus solchen Gründen. Rund 43 Prozent kaufen gezielt entsprechende Produkte – ein sogenannter „Buykott“.

Befragt wurden im April 2025 knapp 1.300 repräsentativ ausgewählte Menschen in Deutschland. Die Untersuchung entstand im Citizen-Science-Projekt „Politischer Konsum im Alltag“, das von der HHU-Bürgeruniversität gefördert wurde. Zusätzlich hielten Teilnehmende in einer Tagebuchstudie ihr alltägliches Konsumverhalten und die Informationsgrundlagen für Boykotte und Buykotte fest. Die Studie ist unter https://doi.org/10.31235/osf.io/d9g4s_v1 abrufbar.

Nestlé vorn, Müller auf Platz fünf

Häufigstes Boykottziel ist Nestlé. Das Unternehmen wird insbesondere wegen seines umstrittenen Umgangs mit Wasser gemieden. In der Auswertung von Ole Kelm, Forscher für politischen Konsum an der HHU, steht Nestlé seit Jahren an erster Stelle der häufigsten Boykottziele. Dahinter folgen unter anderem Tesla, Amazon und X sowie McDonald’s. Häufigster Boykottgrund ist die Politik der USA.

Auch die veränderte politische Lage in den USA und Elon Musks polarisierendes Auftreten spielen bei Boykotten US-amerikanischer Unternehmen eine Rolle. Zu den Firmen, gegen die öffentlich zum Boykott aufgerufen wurde, zählen außerdem die Molkerei Müller, Amazon und Tesla. Die Molkerei Müller ist das einzige deutsche Unternehmen in der Rangliste und belegt Platz fünf. Häufigstes deutsches Boykottziel ist sie, weil politische Konsumenten dem Unternehmen eine Nähe zur AfD vorwerfen.

Nach Angaben des Artikels pflegt Unternehmenschef Theo Müller eine Freundschaft mit AfD-Chefin Alice Weidel und gratulierte der Partei nach deren Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt. Der Friedberger Supermarktbetreiber Michael Wollny rief im Februar 2025 dazu auf, „Konzernen wie Müller Milch, Nestlé und anderen die rote Karte“ zu zeigen. Aus seinem Sortiment nehmen konnte er die Marken wegen ihrer großen Marktmacht nach eigener Aussage nicht. Stattdessen empfahl er Produkte anderer Hersteller.

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Die Reaktion fiel gemischt aus: Wollny erhielt Zustimmung, aber auch Beleidigungen, Hassnachrichten und Drohbriefe. Acht Monate später hielt er an seiner Position fest, betonte jedoch, Kunden nicht vorschreiben zu wollen, was sie kaufen sollen. Dass Menschen wegen seines Aufrufs gezielt Müller-Produkte mieden, war ihm nicht aufgefallen. Er wollte dennoch ein stärkeres Bewusstsein für Regionalität, Saisonalität und kleine Hersteller fördern.

Der Preis bleibt dabei der harte Prüfstein. Wollny bezeichnete ihn als entscheidenden Faktor und sagte, Aktivismus ende häufig, sobald er den eigenen Geldbeutel betreffe. Beim Buykott werden am häufigsten Umweltaspekte genannt, darunter biologische, regionale und ökologische Herstellungsweisen.

Sticker, Aktienkurs und ein alter Präzedenzfall

Politische Aussagen von Unternehmen können Kaufentscheidungen spürbar beeinflussen. 77 Prozent der Befragten kaufen weniger von Unternehmen, die die AfD unterstützen. Zehn Prozent kaufen dadurch mehr von diesen Unternehmen. Regenbogenlogos wirken sich bei jeweils etwa 25 Prozent positiv beziehungsweise negativ auf die Kaufentscheidung aus.

Die Kampagnenorganisation Campact verteilte 2025 mehr als zwei Millionen Sticker mit dem Aufdruck „Alles AfD oder was?“, angelehnt an „Alles Müller oder was?“. Unterstützer klebten sie deutschlandweit in Supermärkten auf Müller-Produkte. Theo Müller ging juristisch dagegen vor. Der Umsatz der Unternehmensgruppe Theo Müller stieg trotz der Proteste weiter: 2025 betrug er 10,4 Milliarden Euro und nahm damit wie in den Vorjahren um etwa eine Milliarde Euro zu. Einen vergleichbaren Imageschaden wie Shell 1995 erlitt die Unternehmensgruppe laut Artikel nicht.

Damals, 1995, besetzten Greenpeace-Aktivisten den schwimmenden Öltank „Brent Spar“ in der Nordsee. Sie protestierten gegen Shells geplante Versenkung im Meer. Millionen Menschen mieden daraufhin Shell-Tankstellen, Parteien, Organisationen und Medien unterstützten beziehungsweise begleiteten den Protest. Pächter deutscher Shell-Tankstellen meldeten teils Umsatzrückgänge von bis zu 50 Prozent, zudem sank der Aktienkurs des Konzerns. Nach mehreren Wochen gab Shell nach und entsorgte die Plattform an Land.

Kelm bezeichnet „Brent Spar“ als besonders wirksamen Boykottaufruf. Für erfolgreiche Boykotte sei eine breite, partei- und organisationsübergreifende gesellschaftliche Unterstützung nötig. Viele Aufrufe blieben trotz großer öffentlicher Aufmerksamkeit wirkungslos oder entfalteten nur begrenzten Druck; in einer polarisierten Gesellschaft verpuffe die Wirkung einzelner Kampagnen häufig.

Wenn Länder zum Einkaufsverzicht werden

Nicht nur einzelne Unternehmen landen auf schwarzen Listen. Auch Produktionsländer werden boykottiert. Laut Kelm liegen derzeit die USA und China vorn. Israel ist bereits seit längerer Zeit Ziel verschiedener Boykottkampagnen. Die BDS-Kampagne zum Boykott und zur Isolierung Israels ist umstritten und wurde 2019 vom Bundestag mit großer Mehrheit als antisemitisch verurteilt.

Kelm warnt, solche Aufrufe ließen breite Interpretationsspielräume zu und könnten auch von antisemitischen Akteuren genutzt werden. Politischer Konsum hat zudem eine deutsche Vorgeschichte, die nicht einfach beiseitegeschoben werden kann: Das NS-Regime rief zum Meiden jüdischer Geschäfte und Dienstleistungen auf.

Die Studienautoren betonen zugleich, dass politische Konsumenten vor allem im Einklang mit ihrem Gewissen handeln wollen. Eine Veränderung von Unternehmen oder Politik ist nicht zwingend das Hauptziel. In der Tendenz sind politische Konsumenten häufiger weiblich, höher gebildet und politisch interessierter als die Gesamtbevölkerung; ihre politische Orientierung ist im Durchschnitt eher links.

Mehr als die Frage: Was landet im Einkaufswagen?

In der deutschsprachigen Politikwissenschaft bezeichnet „politischer Konsum“, abgeleitet vom englischen political consumerism, ein stabiles, längerfristiges und bewusstes Konsumverhalten. Menschen wollen damit Einfluss auf Wirtschaft, Gesellschaft oder Politik nehmen. Im Unterschied zum rein individuellen Konsum stehen öffentliche Interessen und nicht ausschließlich private Interessen im Mittelpunkt.

Zum politischen Konsum gehören der gezielte Kauf bestimmter Produkte oder Dienstleistungen, der „Buycott“, und der bewusste Verzicht, der Boykott. In der betriebswirtschaftlichen Literatur werden „politischer Konsum“ und „ethischer Konsum“ häufig gleichbedeutend verwendet. „Ethischer Konsum“ hebt eher die auslösende Motivation hervor, etwa eine Gewissensentscheidung; „politischer Konsum“ betont die angestrebten Folgen des Verhaltens.

Als Form politischer Partizipation gilt politischer Konsum dann, wenn politische Beteiligung weit gefasst wird. Günter D. Radtke versteht darunter „jede mentale oder im Verhalten sichtbare Beschäftigung mit Politik“. Der Einkauf ersetzt konventionelle Beteiligungsformen nicht, sondern ergänzt das Repertoire. Er ist legal, unbürokratisch, individualisiert, im gesellschaftlichen Diskurs grundsätzlich legitimiert und vergleichsweise unkonventionell.

In westlichen, postmaterialistischen Wohlstandsgesellschaften hat diese Form der Beteiligung an Bedeutung gewonnen. In Deutschland verstärkten unter anderem die BSE-Fälle ab dem Jahr 2000, die wachsende Bedeutung von Umwelt- und Klimafragen sowie der 2007 intensiv diskutierte vierte Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC die Aufmerksamkeit dafür. Allerdings haben viele Bürger nur begrenzte finanzielle Spielräume für kostenintensive politische Kaufentscheidungen. Geld bleibt deshalb eine wichtige Grundlage politischen Konsumverhaltens.

Umweltorganisationen wie Greenpeace versuchen häufig, mit medialen Protestaktionen öffentlichen Druck auf Unternehmen auszuüben. Als Beispiel wird eine Demonstration 2006 gegen den Kosmetikhersteller L’Oréal genannt. Bürgerinitiativen und Nichtregierungsorganisationen spielen bei der Einflussnahme auf Unternehmen ohnehin eine Schlüsselrolle – mal laut, mal mit Aufklebern zwischen Joghurtbechern.

Das Verhältnis zwischen Unternehmen und Verbrauchern ist dabei wechselseitig. Firmen werten Produkte oft durch moralische oder ethische Eigenschaften auf und fördern dadurch deren Kauf. Verbraucher betrachten Unternehmen dagegen zunehmend als politische Akteure, die Verantwortung für politische und soziale Entwicklungen tragen.