Portugal zeigt Deutschland, wie die EU-Wallet im Alltag ankommen kann
Wer in Portugal heute Behördengänge erledigt, braucht dafür oft keinen dicken Ordner mehr. Die gov.pt-App bündelt digitale Identität, amtliche Dokumente und Behördenleistungen an einem Ort. Portugal digitalisiert staatliche Dienste bereits seit Jahren – und hat damit einen Vorsprung, den Deutschland bei der europäischen digitalen Identitätsbrieftasche erst aufholen muss.
Technische Grundlage ist die „Chave Móvel Digital“ (CMD), eine mobile Lösung für Anmeldung und digitale Signaturen. Im Juli 2026 meldete die portugiesische Digitalagentur ARTE mehr als fünf Millionen aktive CMD-Nutzer. Rund 1,5 Millionen Menschen kamen allein im ersten Halbjahr 2026 hinzu. Bei etwa 11,4 Millionen Einwohnern entspricht das rund 44 Prozent der Bevölkerung. In der gov.pt-App liegen bereits digitale Versionen von Ausweis und Führerschein.
Portugal startet mit Vorsprung
Für die europäische EUDI Wallet muss Portugal seine bestehende App nun umfassend an europäische Standards anpassen. Das klingt weniger nach Neustart als nach Umbau bei laufendem Betrieb: Die Nutzerbasis ist da, die Anwendungen sind bekannt, aber die technischen und rechtlichen Anforderungen der Europäischen Union kommen obendrauf.
Deutschland verfolgt den umgekehrten Ansatz. Der rechtliche Rahmen für die EUDI Wallet steht, eine neue Wallet ohne bestehende technische Altlasten ist angekündigt. Bei ihrer Einführung wird ihr zunächst allerdings eine breite Nutzerbasis fehlen. Laut eGovernment MONITOR 2025 nutzte in Deutschland nur etwa jede vierte Person die Online-Ausweisfunktion; 42 Prozent der deutschen Bevölkerung hatten sie zumindest freigeschaltet.
Der Unterschied war auch in Berlin zu sehen: Portugal war Partnerland der Smart Country Convention vom 13. bis 15. Oktober 2026. Im Mittelpunkt des portugiesischen Messeauftritts stand die gov.pt-App. Heute, am 4.11.2026, ist das Thema auch an der Uni Leipzig nicht mehr bloß Stoff für Digitalpolitik-Seminare. Es geht um die ganz praktische Frage, wie ein Ausweis, ein Ticket oder ein Nachweis künftig durchs Handy wandert.
Was die EU-Wallet können soll
Die EU-Digitale-Identitätsbrieftasche soll die sichere Nutzung öffentlicher und privater Online-Dienste ermöglichen. Sie soll Identitätsdiebstahl und unerwünschtes Profiling durch Datenschutz- und Sicherheitsfunktionen erschweren. Nutzer können sich damit bei Behörden, Unternehmen und anderen Diensten digital identifizieren, wichtige persönliche Dokumente speichern und selbst kontrollieren, welche Daten sie weitergeben.
Am Anfang wird die digitale Identität in der Wallet gespeichert. Der Zugriff ist über die Sicherheitsfunktionen des Mobilgeräts und eine PIN geschützt. Danach wird die Wallet mit dem nationalen Identitätssystem verbunden; wie das genau funktioniert, unterscheidet sich je nach EU-Mitgliedstaat.
Praktisch wird es bei einzelnen persönlichen Merkmalen. Wer etwa ein Museumsticket mit Jugendrabatt kauft, soll sein Alter bestätigen können, ohne das genaue Geburtsdatum offenzulegen. Übermittelt werden also nur die Angaben, die der jeweilige Dienst wirklich benötigt. Kein Geburtsdatum, wenn ein „über 18“ reicht – eigentlich eine kleine Änderung, aber eine mit spürbarem Unterschied.
Dokumente, QR-Codes und Kontrolle
Digitale Dokumente sind offizielle elektronische Dokumente, die Informationen über eine Person nachweisen. Dazu können Bildungszeugnisse, medizinische Rezepte, Zugtickets oder Konferenztickets gehören. Um ein Dokument hinzuzufügen, identifiziert sich der Nutzer beim jeweiligen Aussteller und bestätigt den Vorgang mit seiner PIN. Danach wird es in der Wallet gespeichert, etwa ein digitaler Konferenzausweis.
Dienstanbieter können öffentliche oder private Organisationen sein, die vor dem Zugang zu ihren Leistungen eine Identifikation oder Authentifizierung verlangen – Universitäten oder Apotheken zum Beispiel. Gespeicherte Dokumente lassen sich über einen von der Wallet erzeugten QR-Code vorlegen. Der Anbieter scannt den Code, beide Anwendungen stellen eine Verbindung her, und vor der Weitergabe zeigt die Wallet an, welche Daten übermittelt werden. Erst dann werden die konkret benötigten Angaben geteilt. Nach erfolgreicher Weitergabe informiert die Wallet den Nutzer.
Ein integriertes Datenschutz-Dashboard soll dabei nicht nur hübsch aussehen, sondern nachvollziehbar bleiben: Es zeigt alle Interaktionen mit Dienstanbietern, einzelne Transaktionen, die jeweils übermittelten Daten und den Zweck ihrer Nutzung. Nutzer können verlangen, dass ein Dienstanbieter ihre personenbezogenen Daten nicht weiterverarbeitet – für sämtliche Daten oder nur für bestimmte Transaktionen. Dafür erstellt die Wallet eine vorformulierte E-Mail an den Dienstanbieter und ermöglicht den Versand direkt aus der Anwendung.
Bei vermuteter rechtswidriger Datennutzung lassen sich die betreffenden Transaktionen auswählen. Anschließend bereitet die Wallet eine E-Mail an die zuständige nationale Datenschutzbehörde vor, die ebenfalls direkt aus der Anwendung verschickt werden kann. Ein bisschen Bürokratie bleibt also – sie sitzt nur nicht mehr zwingend im Briefkasten.
Die EU-Digital-Identitätsbrieftasche soll in den kommenden Jahren verfügbar werden und für Nutzer kostenlos sein. Portugal bringt mit der gov.pt-App bereits Alltagserfahrung und Millionen aktive CMD-Nutzer mit. Deutschland beginnt dagegen mit einem neuen System. An der Uni Leipzig dürfte die spannende Frage deshalb nicht nur lauten, wann die Wallet kommt, sondern auch, ob die Menschen sie dann tatsächlich öffnen, einrichten und benutzen.
