Regenerative Landwirtschaft in Hessen: Wie Böden dem Klimawandel trotzen sollen
Auf den Feldern in Hessen ist 2026 die Lage angespannt. Zwei Hitzewellen, anhaltende Trockenheit, Wassermangel und Schädlingsbefall setzen den Landwirtinnen und Landwirten zu. In den Ackerböden klaffen Risse. Bei Raps, Zuckerrüben und Getreide werden erhebliche Ernteausfälle bis hin zu Totalausfällen erwartet. Dazu kommen steigende Preise und knappes Futter – für viele Betriebe geht es längst um die Existenz.
An der Uni Kassel wird deshalb an einem Ansatz gearbeitet, der nach Erde riecht, aber weit über den Acker hinausreicht: regenerative Landwirtschaft. Sie soll landwirtschaftliche Böden verbessern, geschädigte Ökosysteme wiederherstellen, CO₂ im Boden speichern und die Wasserspeicherung sowie die Bodenstruktur stärken.
Weniger Pflug, mehr Bodenleben
Seit April 2020 untersucht die Universität Kassel gemeinsam mit dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen und landwirtschaftlichen Betrieben, ob regenerative Verfahren zur Klimaanpassung und zum Klimaschutz beitragen können. Finanziert wird das Forschungsprojekt vom Land Hessen über den Klimaplan.
Drei Maßnahmen zeigten in den bisherigen Studien positive Effekte: der Verzicht auf das Wenden des Bodens mit dem Pflug, Kompost zusätzlich zur üblichen Düngung und eine ganzjährige Bodenbedeckung – etwa durch Mulch, Zwischenfrüchte oder Untersaaten. Ziel ist unter anderem, Stickstoff im Boden zu halten und das Wasserhaltevermögen zu erhöhen. Zuckerrüben und Mais sollen Trockenperioden dann besser überstehen.
Die reduzierte Bodenbearbeitung ist in Hessen ohnehin angekommen. Viele Betriebe arbeiten bereits so. Pflüge stehen zwar weiterhin auf den Höfen, eingesetzt werden sie aber seltener. Einfach ist die Umstellung trotzdem nicht: Sie dauert mehrere Jahre, kostet Geld und verlangt unter anderem Investitionen in neue Technik.
Beim Kompost zeigt sich schnell, wo die Grenzen liegen. Für eine flächendeckende Versorgung wären laut Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen fünf Tonnen pro Hektar und Jahr nötig. In Hessen gibt es dafür nicht genügend Kompost. Auch der Anbau von Pflanzen zur Mulcherzeugung ist wirtschaftlich schwierig, weil diese Flächen dann für verkäufliche Marktfrüchte fehlen.
Auf den hessischen Versuchsfeldern brachten regenerative Verfahren bisher keine höheren Erträge. Forschende und Landesbetrieb erwarten allerdings, dass sie Erträge stabilisieren und den Boden langfristig verbessern können. Der Aufbau von Kohlenstoff im Boden bleibt dabei ein schwieriges Ziel. Mit steigenden Temperaturen wird voraussichtlich mehr Kohlenstoff aus den Böden freigesetzt; schon der Erhalt des vorhandenen Bodenkohlenstoffs ist laut den Forschenden eine große Herausforderung.
Regenerativ ist nicht automatisch bio
Ein einheitliches gesetzliches Label für regenerative Landwirtschaft gibt es bislang nicht. Anders beim Ökolandbau: Er ist EU-rechtlich geregelt, wird zertifiziert und kontrolliert. Vorgeschrieben sind unter anderem vielseitige Fruchtfolgen und betriebseigenes Futter; mineralische Dünger sowie chemische Pflanzenschutzmittel sind dort nicht erlaubt.
In der regenerativen Landwirtschaft können chemische Pflanzenschutzmittel theoretisch eingesetzt werden. Manche Betriebe sehen die Methoden trotzdem als möglichen Einstieg in den Ökolandbau. Auch konventionelle Höfe können bodenschonend arbeiten, vielfältige Fruchtfolgen anlegen und dafür EU-Fördermittel erhalten.
Hessen förderte 2025 umweltgerechte Landwirtschaft über das Hessische Programm für Agrarumwelt- und Landschaftspflege-Maßnahmen mit 52 Millionen Euro. 27,5 Millionen Euro davon entfielen auf den ökologischen Landbau. Für regenerative Ackerbaustrategien zur Verbesserung der Bodenwasserretention stehen im Zeitraum 2024 bis 2028 über den Klimaplan Hessen 2030 insgesamt 2,55 Millionen Euro bereit.
Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen berät konventionelle und ökologische Betriebe zu Klimaschutz, Treibhausgasreduzierung und der Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen. Denn bezahlt werden muss vieles zunächst von den Höfen selbst. Höhere Produktpreise lassen sich derzeit meist nicht durchsetzen.
Verlässliche Absatzmärkte könnten die Entscheidung erleichtern. Interesse gibt es etwa am Anbau von Sonnenblumen, Lupinen, Kichererbsen und Quinoa. Die Südzucker-Tochter Beneo verarbeitet hessische Ackerbohnen zu Proteinpulver – als Alternative zu Fleisch und Milch. Hofläden erreichen nach Einschätzung der im Ausgangsbericht zitierten Landwirtinnen allerdings nur einen begrenzten Kundenkreis. Viele Verbraucher greifen weiterhin zu günstigeren Produkten aus dem Ausland.
Viele Wege durch ein unberechenbares Wetterjahr
Der Klimawandel bringt der Landwirtschaft häufiger Hitze, Dürre und Starkregen. Langjährige Wetterdaten zeigen, dass Extremwetterereignisse in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. Die Folgen sind Ertragseinbußen und geringere Einkommen, auch im Gartenbau. Staatliche Beihilfen – etwa nach dem Dürrejahr 2018 – können existenzbedrohten Betrieben helfen, decken aber meist nur einen Teil der Schäden ab und bleiben damit eine Notlösung.
Versicherungen fangen das Risiko in Deutschland ebenfalls nur begrenzt auf. Relevant ist vor allem die Hagelversicherung. Policen gegen Dürre und andere Gefahren sind für viele Betriebe wegen hoher Beiträge kaum bezahlbar. Anders als in vielen europäischen Ländern gibt es hier keine nennenswerte staatliche Unterstützung für Versicherungskosten.
Die Züchtungsforschung sucht deshalb nach Sorten, die Trockenheit, Hitze und längere Vegetationsperioden besser aushalten. Gefragt sind außerdem Pflanzen, die widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge sind. Mildere Winter können die Ausbreitung von Pilzen, Viren und Schadinsekten fördern und neue Schädlinge begünstigen. Bis eine neue Sorte marktreif ist, können viele Jahre oder Jahrzehnte vergehen. Und weil Extremwetter jedes Mal anders ausfällt und schwer vorherzusagen ist, lösen angepasste Sorten das Problem nicht allein.
Breite Fruchtfolgen streuen immerhin das Ertragsrisiko. Verschiedene Kulturen und Sorten reagieren unterschiedlich auf Hitze, Dürre oder Starkregen. Dazu kommen verschiedene Reifetypen und Aussaatzeitpunkte. Wenn eine Wetterlage zuschlägt, steht dann hoffentlich nicht alles gleichzeitig schlecht da.
Auch neue Kulturen rücken näher. Trockentolerante Sorghum-Hirse könnte Mais künftig teilweise als Futter- und Biogaspflanze ersetzen. Wärmeliebende Pflanzen wie Sojabohnen, Rispenhirse, Sonnenblumen und Hartweizen könnten häufiger angebaut werden. Dafür braucht es weitere Anpassungen an deutsche Anbaubedingungen und passende Züchtung – und Abnehmer. Sojabohnen lassen sich in Deutschland bereits als Lebens- oder Futtermittel vermarkten. Die deutsche Soja-Anbaufläche stieg von 15.800 Hektar im Jahr 2016 auf 43.300 Hektar im Jahr 2025.
Humus, Wasser und ein kühler Stall
Fruchtbare, strukturstarke Böden mit aktivem Bodenleben sind weniger anfällig für Wind- und Wassererosion. Sie verringern außerdem, dass Pflanzennährstoffe in tiefere Bodenschichten ausgewaschen werden. Vielfältige Fruchtfolgen und Zwischenfrüchte helfen beim Aufbau, ebenso Gülle, Mist und Kompost: Sie erhöhen die organische Substanz und stärken das Bodengefüge.
Humus kann Kohlenstoff langfristig im Boden binden und als Kohlenstoffsenke wirken. Werden solche Leistungen vergütet, ist von „Carbon Farming“ die Rede. Der Nutzen klingt handfest, die Umsetzung bleibt aber eine Geduldsprobe – und der Klimawandel macht den Boden nicht gerade zum sicheren Sparbuch.
In trockenen Gebieten kann effiziente Bewässerungstechnik sinnvoll sein. Bei hohem Wasseraufkommen leiten Dränsysteme überschüssiges Wasser ab. Gegen zunehmende Frühfrostgefahr kommen im Obstbau Frostschutzberegnung oder Ventilatoren infrage. Solche Investitionen lohnen sich in der Regel nur, wenn hohe Ertragsausfälle zu erwarten und Schadensfälle ausreichend wahrscheinlich sind.
Auch die Tierhaltung muss sich auf Hitze einstellen. Heiße Sommer erhöhen den Hitzestress und können Milch-, Eier- und Fleischleistung verringern. Möglich sind außerdem geringere Fruchtbarkeit und bei Kühen eine schlechtere Eutergesundheit. Angepasstes Herdenmanagement, geeignete Stalltechnik und bauliche Maßnahmen können helfen. Eine Kuh kann während einer Hitzeperiode bis zu 180 Liter Wasser am Tag trinken.
Ventilatoren, Kuhduschen und Vernebelungsanlagen verbessern die Kühlung, ebenso geöffnete Tore, Türen und
