Reinigungskräfte im Europäischen Parlament kämpfen gegen Arbeitsverdichtung und Altersarmut
Um 5 Uhr beginnt für Hayat Elhore der Arbeitstag im Europäischen Parlament in Brüssel. Nach der Fahrt zur Arbeit stempelt sie ein, zieht sich um, bereitet ihren Wagen und die Reinigungsmittel vor und kontrolliert den Dienstplan. Fällt jemand krankheitsbedingt aus, organisiert sich das Team neu. Normalerweise arbeitet Elhore montags bis freitags bis 15 Uhr.
Sie nennt ihre Arbeit im Parlament ehrenvoll, weil dort politische Entscheidungen getroffen werden. Gleichzeitig sehen sich Reinigungskräfte und Abgeordnete wegen der unterschiedlichen Schichten nicht immer. Häufige, teilweise unangekündigte Kontrollen gehören zum Alltag; bei Verstößen können Geldstrafen verhängt werden. Dank Tarifverhandlungen arbeitet Elhore tagsüber. So kann sie ihre Kinder betreuen und Beruf und Familie verbinden.
Mehr Arbeit, weniger Zeit
Seit Ende der 1970er-Jahre wurden viele Reinigungskräfte aus öffentlichen Beschäftigungsverhältnissen in private Dienstleistungsunternehmen ausgelagert. Seither sind Beschäftigte häufiger mit unsicheren Arbeitsplätzen, höherer Arbeitsbelastung, anstrengender Schichtarbeit und Isolation konfrontiert. Ausschreibungen, die möglichst niedrige Preise anstreben, führen in arbeitsintensiven Branchen dazu, dass weniger Beschäftigte mehr Arbeit erledigen müssen – zulasten von Gesundheit und Dienstleistungsqualität.
Bei Elhore lässt sich diese Entwicklung in Quadratmetern ablesen. Früher standen für etwa 20 Büros drei Stunden zur Verfügung. Heute müssen in derselben Zeit teilweise zwei Etagen mit rund 50 Büros gereinigt werden. Die Berechnung erfolgt nach Fläche, berücksichtigt aber nicht die tatsächliche Ausstattung und den Aufwand einzelner Räume. Treppensteigen, Material schleppen und immer gleiche Bewegungen verursachen Rücken- und Armschmerzen. Auch das Entfernen von Kleber, eine zusätzliche Aufgabe, braucht mehr Zeit, als Außenstehende oft glauben.
Elhore engagierte sich als gewerkschaftliche Vertrauensperson, weil insbesondere junge Frauen und Migrantinnen ihre Probleme teilweise nicht auf Französisch schildern konnten. Sie unterstützt Beschäftigte, verteidigt sie bei ungerechtfertigten Verwarnungen und setzt sich für Tagesarbeit ein – besonders für Frauen mit Kindern. Arbeitgeber sollten ihrer Auffassung nach zuerst nach Lösungen und Entlastung suchen, bevor sie Verwarnungen aussprechen.
Der Podcast „Unsung“ von UNI Europa begleitet den Arbeitsalltag von Reinigungskräften und den politischen Kampf um bessere Arbeitsbedingungen. Öffentliche Stellen in der EU geben jährlich mehr als 2,5 Billionen Euro für privat erbrachte Waren und Dienstleistungen aus – 15 Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts. Nach jahrzehntelangen Arbeitskämpfen von Reinigungskräften, Sicherheits- und Gastronomiebeschäftigten sowie ihren Gewerkschaften werden die EU-Regeln für öffentliche Aufträge reformiert.
Protest vor dem Parlament
Im Oktober 2024 protestierte Elhore gemeinsam mit Tausenden Reinigungskräften aus Europa vor dem Europäischen Parlament. Eine zentrale Forderung: nicht bis zum 67. Lebensjahr arbeiten zu müssen. Die körperliche Belastung führt häufig zu Problemen mit Rücken, Handgelenken und Knien. Teilzeit und berufliche Unterbrechungen, gerade bei Frauen, können außerdem die spätere Rente drücken.
Die Beschäftigten wandten sich gegen Unterbietungswettbewerb, niedrige Vertragspreise und häufige Wechsel von Auftragnehmern. Bei neuen Verträgen bleibt oft unklar, ob die bisherigen Arbeitszeiten erhalten bleiben oder bei gleicher Arbeitszeit mehr Arbeit verlangt wird. Kritisiert wurde auch weit verbreitetes, teilweise illegales Subunternehmertum.
Für öffentliche Einrichtungen wie Kommunen und Behörden gelten bei der Vergabe von Reinigungsleistungen feste Regeln. Oberhalb der EU-Schwellenwerte ist das GWB maßgeblich, darunter gelten die UVgO und Landesvergabegesetze. Unternehmen müssen ihre Eignung mit entsprechenden Nachweisen belegen. Den Zuschlag erhält nicht automatisch das billigste Angebot; je nach Ausschreibung können auch Tariftreue- und Mindestlohnnachweise vorgeschrieben sein. Typische Nachweise und häufige Formfehler sind ein zentraler Teil des Verfahrens. Ein Formfehler kann reichen, damit ein Angebot gar nicht berücksichtigt wird.
In Deutschland legte die Neunte Gebäudereinigungsarbeitsbedingungenverordnung (9. GebäudeArbbV) verbindliche Mindeststundenentgelte fest. Sie trat am 1. Oktober 2022 in Kraft und beruhte auf einem Tarifvertrag zwischen der Industriegewerkschaft Bauen–Agrar–Umwelt (IG BAU) und dem Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks.
| Lohngruppe | Arbeit | ab 1. Oktober 2022 | ab 1. Januar 2024 |
|---|---|---|---|
| 1 | Innen- und Unterhaltsreinigung | 13,00 Euro | 13,50 Euro |
| 6 | Glas- und Fassadenreinigung | 16,20 Euro | 16,70 Euro |
Die Entgeltuntergrenzen galten für alle in Deutschland beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, auch für nach Deutschland entsandte Beschäftigte ausländischer Arbeitgeber der Branche. Die Verordnung trat mit Ablauf des 31. Dezember 2024 außer Kraft und hob die Achte Gebäudereinigungsarbeitsbedingungenverordnung auf. Deren Mindestlohn für Lohngruppe 1 hatte bei 11,55 Euro gelegen und damit unter dem allgemeinen Mindestlohn von 12,00 Euro, der ab 1. Oktober 2022 galt. Deshalb einigten sich die Tarifparteien vorzeitig auf höhere Branchenmindestlöhne und beantragten die neue Verordnung.
Der Verfahrensstand: Am 5. August 2022 lag der Referentenentwurf vor, am 24. August 2022 folgte die Stellungnahme des DGB, am 22. September 2022 die Dokumentation der Verordnung.
Reinigung im Krankenhaus: Facharbeit unter Druck
Lisa Stenson arbeitet seit mehr als 16 Jahren als Reinigungskraft in einem irischen Krankenhaus. Ihr Arbeitgeber schickte das Reinigungspersonal zu einem vierwöchigen Kurs über gesundheitsbezogene Reinigungstechniken. Dazu gehörten eine Hausaufgabe, eine praktische Prüfung und eine schriftliche Prüfung. Am Ende stand ein Zertifikat der Stufe 5. Stenson betrachtet Reinigungskräfte deshalb als Fachkräfte.
In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Tätigkeit stark verändert. Neben Frauen arbeiten zunehmend junge Männer in der Branche, unter anderem, um ihr Studium zu finanzieren.
Stensons Arbeitstag beginnt mit der Kontrolle der Aufgaben vom Vortag. Sie leert Mülleimer, stellt Bettwäsche bereit, reinigt medizinische Geräte, Böden und Oberflächen und füllt benötigte Materialien nach. Inkubatoren, Kabelkanäle, Blutdruckmessgeräte, EKG-Geräte und Beatmungsgeräte gehören ebenfalls dazu. Die medizinischen Geräte werden täglich gereinigt und anschließend als gebrauchsfertig gekennzeichnet.
Eine Zwölfstundenschicht ist körperlich anstrengend, weil die Beschäftigten ständig in Bewegung sind. Audits kontrollieren die Arbeit. Liegt das Ergebnis unter 90 Prozent, gilt der jeweilige Bereich als nicht bestanden. Der Leistungsdruck kann laut Stenson übermäßig belastend sein.
Reinigungskräfte werden häufig unterschätzt. Während der Corona-Pandemie wurde ihre Arbeit zeitweise stärker anerkannt, auch von Krankenhausleitung und Vorgesetzten. Danach ging diese Anerkennung wieder zurück. Trotz umfangreicher Schulungen erhalten die Beschäftigten nach Stensons Darstellung derzeit wenig Anerkennung.
Als sich COVID ausbreitete, meldete sich Stenson freiwillig für die Reinigung einer COVID-Station. Zunächst arbeitete sie etwa zwei Wochen tagsüber, anschließend wegen des 24-Stunden-Betriebs nachts. Vermutlich aufgrund der psychischen Belastung verlor sie in dieser Zeit mehr als zehn Kilogramm und konnte kaum essen oder schlafen. Mit COVID infizierte sie sich dort nicht, entwickelte aber andere gesundheitliche Probleme.
Gewerkschaft als Rückhalt
Stenson ist Mitglied der irischen Gewerkschaft SIPTU. Sie organisiert Kampagnen und Arbeitsausschüsse für Beschäftigte in Reinigung, Verpflegung und Sicherheitsdiensten und setzt sich für bessere Rechte, Sozialleistungen und Arbeitsbedingungen ein. In den Bereichen Sicherheit und Reinigung gibt es jährlich eine paritätische Arbeitskommission. Dadurch erhalten Beschäftigte Lohnerhöhungen zum Ausgleich steigender Lebenshaltungskosten.
Ohne Gewerkschaft hätten Beschäftigte deutlich weniger Unterstützung und Rechte, ist Stenson überzeugt. Elhore rät Kolleginnen und Kollegen, sich über ihre Rechte zu informieren, keine Angst zu haben, Gewerkschaften beizutreten und sich an gewerkschaftliche Vertrauensleute zu wenden.
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