Alexander Ritter und Christian Antrag stehen seit dem vergangenen Schuljahr gemeinsam vor einer zweiten Klasse der Chemnitzer Gotthold-Ephraim-Lessing-Grundschule. Beide sind Klassenlehrer – und beide kennen den Schulalltag schon aus einer Zeit, in der sie noch nicht unterrichteten. 2018 absolvierten sie an einer sächsischen Grundschule ein Freiwilliges Soziales Jahr Pädagogik.

Für Ritter und Antrag war dieses Jahr mehr als ein Zwischenstopp. Sie konnten den Lehrerberuf kennenlernen, bevor sie sich dafür entschieden. Das FSJ Pädagogik trug bei beiden zur späteren Berufswahl bei. Seit 2013 haben in Sachsen fast 2500 junge Menschen im Programm Einblicke in den Lehrerberuf bekommen; viele ehemalige Freiwillige wurden anschließend Lehrer.

Umso härter trifft die Nachricht, dass die Finanzierung des Freiwilligenjahres durch den Freistaat Sachsen entfallen soll. „Ich war entsetzt“, lautet der Titel des Berichts der Freien Presse. Am heutigen 8.10.2026 wird die Debatte auch an der TU Chemniz mit Interesse verfolgt – dort, wo Lehrkräfte ausgebildet und die Folgen solcher Entscheidungen ziemlich direkt spürbar werden könnten.

Ein Jahr zwischen Klassenzimmer und Orientierung

Das FSJ Pädagogik ist ein zwölfmonatiger Freiwilligendienst an einer sächsischen Grund-, Ober- oder Förderschule beziehungsweise an einem Gymnasium. Los geht es jeweils zum Start des Schuljahres im August, Schluss ist mit den darauffolgenden Sommerferien. Teilnehmen können Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 26 Jahren.

Der Alltag ist vielseitig: Freiwillige begleiten und unterstützen Lehrkräfte im Unterricht, helfen bei den Hausaufgaben und übernehmen Pausenaufsichten. Sie arbeiten bei Schulprojekten und der Organisation von Veranstaltungen mit, unterstützen schulische Gremienarbeit und den Schülerrat. Wer möchte, kann eigene Ganztagsangebote durchführen – etwa einen Schulklub oder Sportangebote – oder eigene Projekte umsetzen, zum Beispiel die Schulhomepage überarbeiten oder eine Wand im Schulhaus gestalten.

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Zur Vorbereitung gibt es 25 Bildungstage. Sie sollen fachlich und methodisch auf pädagogische Arbeitsfelder vorbereiten. Dazu kommen 350 Euro Taschengeld im Monat, Sozial- und Krankenversicherung sowie 30 Urlaubstage. Gedacht ist das Angebot vor allem für junge Menschen, die ein Lehramtsstudium oder einen anderen pädagogischen Beruf erwägen. Ein Jahr lang lässt sich also ausprobieren, ob der Pausenhof wirklich der richtige Ort für die eigene Zukunft ist – samt Lärm, Kreide und gelegentlichem Chaos.

Die Zahlen sprechen für das Programm

Zwei wissenschaftliche Studien von IRIS e. V. und der TU Dresden haben die sächsischen Programme „Freiwilliges Soziales Jahr Pädagogik“ und „Perspektive Land“ untersucht. Auftraggeber waren das sächsische Kultusministerium und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Beide Programme werden seit 2013 zur Gewinnung von Lehrkräftenachwuchs umgesetzt.

Rund 1.650 Jugendliche absolvierten das FSJ Pädagogik. Etwa 85 Prozent begannen anschließend ein Lehramtsstudium, weniger als zehn Prozent dieser Studierenden brachen ihre Ausbildung ab. Bei Lehramtsstudierenden ohne FSJ-Erfahrung lag die Abbruchquote in Sachsen laut Stifterverband dagegen bei knapp 45 Prozent; mehr als 80 Prozent davon beendeten das Studium vor dem Abschluss.

IRIS e. V. befragte ehemalige Freiwillige, die Lehramt studieren, bereits als Lehrkräfte arbeiten oder sich gegen ein Lehramtsstudium beziehungsweise den Lehrerberuf entschieden haben. Bei 92 Prozent festigte das FSJ den Berufswunsch. Vor Beginn waren sich 61 Prozent hinsichtlich ihrer beruflichen Richtung sicher gewesen.

Auch die Zufriedenheit fiel deutlich aus: 55 Prozent waren „voll und ganz zufrieden“, weitere 37 Prozent „eher zufrieden“. 0,57 Prozent gaben an, nicht zufrieden gewesen zu sein. Die Befragten berichteten außerdem von umfangreicher Betreuung durch Mitarbeitende der DKJS.

Nach Angaben der Untersuchung stärkte das FSJ die Selbstwirksamkeit, die Kommunikationsfähigkeit, das Verantwortungsbewusstsein und die Entscheidungskompetenz. Auch Fähigkeiten zur Problem- und Konfliktlösung wurden gefördert. Kenntnisse und Methoden aus dem Freiwilligendienst konnten die Teilnehmenden später im Studium und im Schuldienst anwenden. Ehemalige Freiwillige sagten, sie verstünden den Schulalltag besser und könnten didaktische Kenntnisse nutzen.

Ganz ohne Verbesserungsvorschläge blieb die Auswertung trotzdem nicht. Genannt wurden eine bessere Vorbereitung der Praxisschulen, mehr Beratung zur Berufsorientierung und Seminarinhalte, die stärker auf ein späteres Studium vorbereiten. Das Programm soll fortgeführt werden – nur ist genau diese Zukunft im aktuellen Haushaltsentwurf des Freistaates Sachsen nicht gesichert.

Bewerbung möglich, Zukunft offen

Für das Schuljahr 2026/27 lief die offizielle Bewerbungsfrist vom 5. Januar 2026 bis zum 30. April 2026. Sie ist beendet, Bewerbungen sind aber weiterhin möglich. Nachträgliche Bewerbungen werden nur berücksichtigt, wenn noch freie Plätze vorhanden sind; die Zahl der FSJ-Pädagogik-Plätze ist begrenzt.

Für das Schuljahr 2025/26 hatte der Bewerbungszeitraum vom 16. Dezember 2024 bis zum 23. April 2025 gedauert. Ob das Angebot im Schuljahr 2027/28 weitergeführt wird, ist derzeit unklar. Verantwortliche setzen sich für den Erhalt des Programms ein. Unterstützen lässt sich das durch das Teilen und Liken von Beiträgen auf Instagram sowie durch die Unterzeichnung einer Petition. Über die weitere Entwicklung und einen möglichen neuen Bewerbungszeitraum soll auf der Website und auf Instagram informiert werden.

Der Blick aufs Land

Die zweite untersuchte Initiative heißt „Perspektive Land“. Das Studienbegleitprogramm ermöglicht Lehramtsstudierenden Einblicke in verschiedene Schularten im ländlichen Raum. Ziel ist, Studierende für eine spätere Tätigkeit in Regionen mit Lehrkräftebedarf zu gewinnen.

Die TU Dresden untersuchte das Programm von Januar 2024 bis Februar 2025. Befragt wurden Studierende für berufsbildende Schulen, Grundschulen, Oberschulen, Gymnasien und Förderschulen. Finanzielle Unterstützung für Praktika, Exkursionen und Schulmessen erweiterte ihr Wissen über Bedarfsregionen und stärkte das Interesse an ländlichen Schulen.

Rund ein Drittel der Befragten gab an, dass sich durch das Programm die Bereitschaft zu einer Lehrtätigkeit in einer Bedarfsregion erhöht habe. Laut Evaluation wurden die Ziele erreicht, Studierende für den ländlichen Raum zu sensibilisieren und erste Kontakte zu Schulen in Bedarfsregionen herzustellen.

Die Wissenschaftlerinnen empfehlen, „Perspektive Land“ zur Verringerung des Lehrkräftemangels fortzuführen und weiterzuentwickeln. Dazu gehören eine direkte Vernetzung zwischen Schulen und Studierenden, mehr Transparenz bei Stellenangeboten, bessere langfristige Planungssicherheit sowie finanzielle und strukturelle Anreize für Lehrkräfte. An der Chemnitzer Grundschule, in der Alexander Ritter und Christian Antrag unterrichten, dürfte man auf solche Vorschläge sehr genau schauen.