Heute, am 22.10.2026, wird an der TUM München über eine Frage gestritten, die viele Familien längst am Küchentisch beschäftigt: Sollten Kinder und Jugendliche erst ab einem bestimmten Alter Zugang zu Social Media bekommen? Auf den Medientagen München ging es dabei auch um Verbote und Einschränkungen, wie sie unter anderem in Australien und Indonesien diskutiert oder bereits eingeführt wurden.

Prof. Dr. Alena Buyx von der TU München beschrieb den Kern des Konflikts als Spannungsfeld zwischen digitaler Teilhabe und Selbstbestimmung auf der einen Seite sowie gesellschaftlicher Fürsorge auf der anderen. Jugendliche sollen sich online bewegen, ausprobieren und eigene Entscheidungen treffen können. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass Plattformen ihre jüngsten Nutzerinnen und Nutzer mit Druck, Reizen und Risiken alleinlassen.

Wenn der Feed nicht mehr aufhört

Nach den angeführten Studien zeigen 11 Prozent der deutschen Jugendlichen eine suchtartige Social-Media-Nutzung, weitere 20 Prozent ein riskantes Nutzungsverhalten. Die WHO kam in ihrer HBSC-Studie zu einem ähnlichen Wert: 2022 zeigten 11 Prozent der befragten Jugendlichen Anzeichen problematischer Nutzung – darunter Kontrollverlust und negative Folgen im Alltag. 2018 waren es noch 7 Prozent.

Für die WHO-Daten wurden 2022 fast 280.000 Jugendliche im Alter von 11, 13 und 15 Jahren in 44 Ländern und Regionen Europas, Zentralasiens und Kanadas befragt. Mädchen waren häufiger betroffen als Jungen: 13 Prozent gegenüber 9 Prozent. Problematische Nutzung meint dabei ein suchtähnliches Verhaltensmuster, etwa fehlende Kontrolle, Entzugserscheinungen, die Vernachlässigung anderer Aktivitäten oder spürbare Auswirkungen auf den Alltag.

36 Prozent der Jugendlichen gaben an, ständig online mit Freunden in Kontakt zu stehen. Bei 15-jährigen Mädchen lag der Anteil sogar bei 44 Prozent. Das klingt nicht automatisch nach einem Problem. Verantwortungsvolle, intensive, aber nicht-problematische Nutzung wurde auch mit stärkerer Unterstützung durch Gleichaltrige und besseren sozialen Verbindungen in Verbindung gebracht. Genau da wird es knifflig: Ein Bildschirm kann nerven, helfen, trösten oder alles gleichzeitig tun.

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Studien bringen intensiven Internetkonsum mit Stress, Angstzuständen und depressiven Symptomen in Verbindung. Junge Menschen gelten als besonders anfällig für den sozialen Druck digitaler Plattformen. Weniger nächtliche Nutzung, besserer Schlaf, mehr Konzentration und weniger ständige Benachrichtigungen werden deshalb als mögliche Folgen von Einschränkungen genannt. Frühere Untersuchungen verknüpften problematische Nutzung zudem mit geringerem seelischem und sozialem Wohlbefinden sowie höherem Substanzkonsum. Auch weniger Schlaf und späteres Zubettgehen können Gesundheit und schulische Leistungen beeinträchtigen.

Es geht außerdem nicht nur um psychische Belastungen. Körperliche Risiken und gesundheitsgefährdende Trends in sozialen Netzwerken werden ebenfalls als Argument für Einschränkungen angeführt. Dazu kommen unrealistische Schönheitsideale, Desinformation, Hassrede und Gewalt. Cybermobbing reicht von Beleidigungen bis zur systematischen Ausgrenzung – manchmal reicht ein Foto aus einem Klassenchat, und die Sache bekommt plötzlich ein Eigenleben. Betroffen sein können bekannte Influencer ebenso wie völlig unbekannte Nutzer.

Ein Verbot hätte Nebenwirkungen

Creator und Journalist Fabian Grischkat hält bisherige Regulierungen für ineffektiv. Soziale Netzwerke seien für viele junge Menschen wichtige Orte, um sich zu vernetzen, Gehör zu finden und eine eigene Plattform aufzubauen. Ein pauschales Verbot würde nach dieser Sichtweise digitale Selbstbestimmung und persönliche Entwicklung beschneiden.

Jugendliche könnten digitale Angebote weniger eigenständig nutzen, Möglichkeiten schlechter erkunden und weniger Medienkompetenz entwickeln. Auch wer verantwortungsvoll mit Plattformen umgeht, wäre von einer pauschalen Regel betroffen. Fehlende digitale Erfahrungen könnten später den Umgang mit Online-Bedrohungen, Rechtsfragen, Falschmeldungen und der Prüfung von Informationen erschweren. Das ist kein kleiner Nebeneffekt.

Digitale Plattformen schaffen Kontakte und Communities, die offline wegen sozialer Schwierigkeiten, großer Entfernung oder ihrer Exklusivität schwer erreichbar sein können. Ein Verbot würde außerdem den Zugang zu Lernvideos, Hilfsangeboten, Nachrichten sowie gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Informationen beschneiden. Medienangebote könnten einen Teil ihres jungen Publikums verlieren; Nachrichtenmüdigkeit und eine Entfremdung von gesellschaftlichen Themen könnten zunehmen.

Ganz verschwinden würden Jugendliche aus dem Netz natürlich nicht unbedingt. Denkbar sind falsche Altersangaben, gestohlene Konten, der Wechsel auf weniger regulierte Webseiten oder illegale Zugänge. Dadurch könnten gerade gefährdete Jugendliche schwerer erreicht werden. Auch Gespräche über ihre tatsächlichen Online-Erfahrungen würden schwieriger. Grischkat zufolge waren bisherige Verbote kaum wirksam; die erhofften Effekte seien nur minimal eingetreten.

Die Weltgesundheitsorganisation weist ebenfalls darauf hin, dass digitale Medien positive und negative Auswirkungen haben können. Besonders gefährdete Jugendliche sind demnach überproportional von negativen Folgen betroffen. Beim Gaming wurden 68 Prozent als nicht-problematische Spieler eingestuft – für viele Jugendliche ist Spielen ein harmloser oder nützlicher Zeitvertreib.

Gleichzeitig spielten 34 Prozent der Befragten täglich digitale Spiele, 22 Prozent davon an Spieltagen mindestens vier Stunden. 12 Prozent waren durch problematisches Spielverhalten gefährdet: bei Jungen 16 Prozent, bei Mädchen 7 Prozent. Frühere HBSC-Daten verbanden problematisches Online-Spielen mit geringerer Lebenszufriedenheit, häufigeren psychischen Beschwerden und weniger Unterstützung durch Gleichaltrige. Jungen spielen häufiger täglich und entwickeln eher problematische Spielgewohnheiten, weshalb geschlechtsspezifische Maßnahmen empfohlen werden.

Mehr Kontrolle statt großer Schalter

Im Verlauf der Diskussion rückten Buyx und Grischkat von zuvor vertretenen radikalen Positionen ab. Statt eines pauschalen Social-Media-Verbots wurden stärkere Regulierung und eine Besteuerung von Digitalkonzernen gefordert. Dazu kommen die Offenlegung von Plattformstrukturen und Algorithmen, eine strengere Kontrolle gefährlicher Inhalte und eine datenschutzarme Altersverifikation.

Im Raum steht außerdem ein Smartphone-Verbot bis zur neunten Klasse – verbunden mit einem medienpädagogischen Ersatzprogramm. Mehr Forschung in Medizin, Psychologie und Technik soll ebenfalls helfen, die Folgen digitaler Nutzung besser zu verstehen. Grischkat plädierte für größeren gesellschaftlichen und politischen Druck auf Plattformen.

Die WHO fordert mehr Investitionen in Schulen und digitale Bildung, evidenzbasierte Programme zu Social Media, Online-Sicherheit, kritischem Denken und gesundem Spielen. Dazu kommen ein besserer Zugang zu vertraulicher und bezahlbarer psychischer Gesundheitsversorgung, ein offener Dialog in Familien, Schulen und Gemeinschaften sowie Schulungen für Pädagogen und Gesundheitsfachkräfte.

Empfohlene Interventionen sollen altersgerecht, geschlechtersensibel und kulturell angepasst sein. Sie sollen digitale Kompetenzen stärken, gesundes Online-Verhalten fördern und gefährdete Jugendliche unterstützen. Die Plattformen selbst sieht die WHO stärker in der Pflicht – vor allem bei Alterskontrollen und bei der sicheren Gestaltung digitaler Angebote. Ziel ist, Jugendliche zu fundierten Entscheidungen über ihre Online-Aktivitäten zu befähigen und ihr digitales und reales Leben ausgewogen zu gestalten.

Wie eine konkrete Regelung in Deutschland aussehen könnte und wie wirksam sie wäre, bleibt offen. Und vielleicht ist genau das der unangenehme Teil der Debatte: Der große rote Ausschaltknopf klingt verlockend, liegt aber offenbar nicht einfach neben dem Smartphone.