Spielraum Dresden: Wo Spiele Neugier, Lernen und Gemeinschaft verbinden
Am Wochenende wird die Messe Dresden zur Familienmesse „spielraum“: Vier Hallen sind für Spielen, Forschen, Basteln und Lesen geöffnet. Die Kernzielgruppe sind Familien mit Kindern zwischen 3 und 12 Jahren, doch bei der Mischung aus klassischem Spielzeug, Brettspielen und Videospielen dürfte sich auch so manches erwachsene Kind wiederfinden.
Geöffnet ist am Samstag von 10 bis 19 Uhr, am Sonntag bis 18 Uhr. Erwartet werden bis zu 18.000 Besucher. Tickets und weitere Informationen gibt es unter www.spielraum-dresden.de.
Spiele testen, Weltraum erobern
In Halle 4 bringt „Games for Families“ mehr als 160 Spielstationen zum Ausprobieren zusammen. Nintendo, Ubisoft, KOSMOS, Hans im Glück, Märklin, Clementoni, asmodee und Playmobil sind unter anderem vertreten. Auf den Tischen und Bildschirmen warten aktuelle Konsolenspiele, Brett- und Gesellschaftsspiele, Modellbahnen sowie Kugelbahnen für verschiedene Altersgruppen.
Für den digitalen Bereich ist der Bochumer Event-Spezialist Planetlan mit dem Format „Games for Families“ verantwortlich. In Dresden belegt das Angebot 3.000 Quadratmeter; regelmäßig ist es auch auf großen Verbrauchermessen in Deutschland vertreten.
Halle 2 gehört zu einem guten Teil der Raumfahrt. Kinder ab dem Vorschulalter können dort an einer Weltraum-Rallye teilnehmen, die das DLR-School-Lab der TU Dresden und das Schülerlabor DeltaX des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf veranstalten. An fünf Stationen testen sie den Rückstoßantrieb von Raketen, steuern eine Raumsonde blind durch die Venuswolken und entschlüsseln einen Regenbogen-Code des Sternenlichts. Wer alle Stationen schafft, bekommt eine Astronauten-Lizenz.
Die Rallye ist Teil der PFIFFIKUS ForscherArena. Auch das Erlebnisland Mathematik der Technischen Sammlungen Dresden bietet dort Mitmachangebote an. Da wird gerechnet, getüftelt und vermutlich irgendwann auch gefragt, ob man wirklich schon weitergehen muss.
Am Samstag, 7. November, zieht um 18:30 Uhr ein etwa 20-minütiger Lampionumzug über das Gelände. Maskottchen Keks und der Fanfarenzug Dresden begleiten den Zug vom Innenhof am Hauptfoyer über das Messegelände zum Vorplatz von Halle 1. Wer vorher basteln möchte: Eine Anleitung für einen Keks-Lampion steht auf der Spielraum-Website zum Download bereit.
Lesen, Bewegung und Hilfe im Notfall
In der Kinderlesewelt in Halle 3 gibt es Lesungen und Mitmachaktionen. In den Hallen 1 und 2 wird es körperlicher: Bei „Bewegung & Action“ können Kinder unter anderem mit den Eislöwen Juniors und dem HC Elbflorenz sportlich aktiv werden oder sich im Bogenschießen versuchen.
Unter dem Motto „Weil Vielfalt fetzt“ geht es um Inklusion und Teilhabe. Zum Programm gehören Sitzvolleyball, Sinnesräume und Angebote des Blinden- und Sehbehindertenverbands Sachsen. In der Themenwelt „Prävention & sicheres Aufwachsen“ zeigen die Johanniter, wie Kinder im Notfall Hilfe holen können.
Die Messe Dresden bilanzierte die Spielraum 2025 als erfolgreich: 18.279 Menschen kamen auf das Dresdner Messegelände. 2024 waren es etwa 16.000 Besucher. Messe-Dresden-Geschäftsführer Markus Kluge führte den Zuwachs unter anderem auf einen gestiegenen Absatz von Familientickets zurück. Planetlan-Geschäftsführer Michael Wegner berichtete außerdem von deutlich gestiegenen Umsätzen vor Ort.
Wenn Spielen mehr ist als Zeitvertreib
Der Blick nach Essen liefert den größeren Rahmen: Dort findet bis Sonntag die weltweit größte Brettspiel-Messe statt. Brettspiele sind in Deutschland laut dem dortigen Bericht besonders beliebt; 2025 erkannte die UNESCO die Brettspielkultur als immaterielles Kulturerbe an.
Warum Menschen so gern würfeln, ziehen, planen und sich dabei gelegentlich herrlich verheddern, lässt sich auch wissenschaftlich erklären. Kinder und Jugendliche trainieren beim Spielen nebenbei Lernkompetenzen. Die Familientherapeutin Christina Valentiner-Branth fordert deshalb, Brettspiele in den Schulunterricht aufzunehmen. Spielforscher Jens Junge beschreibt Spielen als indirekte Lernform und als Zugang für Kinder, die Welt zu verstehen.
Eine Studie der Universität Poitiers aus dem Jahr 2023 untersuchte moderne Brettspiele wie „Carcassonne“, „Zug um Zug“ und „Splendor“. Sie können demnach die fluide Intelligenz fördern, also die Fähigkeit, Probleme zu lösen, und logisches Denken trainieren. Auch das Arbeits- beziehungsweise Kurzzeitgedächtnis kann sich verbessern. Bei Videospielen fielen die untersuchten Effekte laut Studie noch stärker aus.
Untersuchungen deuten außerdem darauf hin, dass Brettspiele den kognitiven Abbau älterer Menschen möglicherweise verlangsamen und ihre Lebensqualität verbessern können. Jens Junge nennt darüber hinaus Grob- und Feinmotorik, Sprachfähigkeit sowie emotionale und soziale Kompetenzen. Soziologe Paul Eisewicht erklärt, Brettspiele schafften eine soziale Ordnung: Die Mitspielenden erkennen Regeln an, regulieren sich selbst, engagieren sich und verhalten sich kooperativ.
Die UNESCO beschreibt Brettspiele als generationsübergreifende Praxis. Menschen spielen in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen gemeinsam, fördern Gemeinschaft und geben Wissen weiter. Großeltern und Enkel können an einem Tisch landen, ebenso Jungen und Mädchen oder Zugewanderte und Einheimische. Brettspielcafés und offene Spieletreffs schaffen Begegnungen auch zwischen Menschen, die sich vorher nicht kennen, und können Einsamkeit entgegenwirken.
In Nordrhein-Westfalen gibt es zahlreiche Spieletreffs, Spielevereine, offene Runden und Veranstaltungen; die Initiative „NRW spielt!“ führt entsprechende Angebote auf. Jens Junge sieht Brettspiele als Möglichkeit, in einer stark digital geprägten Welt wieder direkt mit anderen Menschen zu interagieren.
Ganz selbstverständlich ist diese Anerkennung allerdings noch nicht. Trotz des UNESCO-Status würden Spiele in Deutschland laut Junge häufig nicht ernst genommen. Er kritisiert, dass Spiele politisch-rechtlich nicht als Medienwerke gelten, während Bücher, Filme und Musik als Medienwerke anerkannt würden. Wegen der großen Zahl deutscher Spieleautorinnen und -autoren fordert Junge deshalb eine kulturpolitische Anerkennung von Spielen.
Das Spiel „Artengarten“ des Spieleautors Matthias Wigge erhielt am Mittwoch den Deutschen Spielepreis. Und dann bleibt da noch die schlichteste, vielleicht tragfähigste Funktion des Ganzen: gemeinsamer Spaß. In Dresden beginnt er an diesem Wochenende zwischen Forscher-Arena, Lampions, Lesungen und einer Menge Spielstationen.
