Am Montagmorgen, 2. November 2026, wurde es vor dem Werkstor des Pumpenbauers KSB in Halle (Saale) laut: Um 9 Uhr versammelten sich Beschäftigte zum ersten Warnstreik der laufenden Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie Sachsen-Anhalts. Auszubildende hielten ein Banner hoch, darauf stand: „Süßes oder Streik!“ Ein bisschen Halloween, ein bisschen Tarifpolitik – und ziemlich viel Unzufriedenheit.

Auslöser ist die ergebnislose zweite Tarifverhandlung in der Vorwoche. Bundesweit hatten Warnstreiks bereits mit dem Ende der Friedenspflicht um Mitternacht begonnen. Am Montag gab es mehr als 200 Aktionen, unter anderem bei Audi, Liebherr, Mercedes, Miele, Philips, Rolls-Royce, Schaeffler, ZF und Siemens. Bis zum Ende der Woche sind Warnstreiks in mehr als 2.000 Betrieben geplant. Die dritte Verhandlungsrunde soll noch in dieser Woche beginnen; die IG Metall will den Druck erhöhen, zugleich aber zügig weiterverhandeln.

Ein Prozent später, 1,3 Prozent noch später

Das Angebot des Verbands der Metall- und Elektroindustrie Sachsen-Anhalt (VME) sieht eine Einmalzahlung im Juli 2027 vor. Sie soll ein Prozent des durchschnittlichen Jahresbruttos im jeweiligen Tarifgebiet betragen. Einen konkreten Eurobetrag nannte der VME zunächst nicht. Nach Angaben der IG Metall entspricht die Zahlung je nach Tarifgebiet 555 bis etwa 800 Euro. In Baden-Württemberg wären es etwa 700 Euro.

Danach sollen die Entgelttabellen zum 1. Juli 2028 um 1,3 Prozent steigen. Die Gesamtlaufzeit beträgt 26 Monate und reicht bis Ende Dezember 2028. Damit läge zwischen Beginn der Vereinbarung und der dauerhaften Erhöhung eine Wartezeit von 20 Monaten; rechnerisch entspräche die Erhöhung ungefähr 0,6 Prozent pro Jahr. Die Gewerkschaft bewertet das Angebot deshalb als fehlende Entgelterhöhung bis Sommer 2028 und anschließende Erhöhung um 1,3 Prozent. Zum Vergleich: Im Artikel der IG Metall wird eine mögliche Inflation von bis zu 3 Prozent genannt.

Die Einmalzahlung soll außerdem abhängig von der wirtschaftlichen Lage des Betriebs ausgesetzt oder angepasst werden können. Unternehmen mit geringen oder negativen Gewinnen könnten sie demnach einbehalten. Laut Südwestmetall wären in Baden-Württemberg etwa 45 Prozent der Betriebe von der Zahlung befreit, weil sie Verluste machten oder unter einer bestimmten Ertragsgrenze lägen. Die automatische Differenzierung könnte also dafür sorgen, dass die Zahlung in einzelnen Betrieben ganz entfällt.

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Die Arbeitgeber wollen diese Möglichkeit dauerhaft ausweiten. Betriebe in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sollen tarifliche Zahlungen verschieben oder aussetzen können. Zusätzlich soll es neue Verhandlungen auf betrieblicher Ebene geben, wenn Investitionen, Innovationen, Standorte oder Beschäftigung gesichert werden sollen. Diese Gespräche würden Betriebsräte statt der Gewerkschaft führen. Die IG Metall kritisiert, dass betriebliche Ausnahmen damit zum zentralen Instrument würden und der Flächentarifvertrag geschwächt werden könnte.

Fünf Prozent und faire Ausbildungsbedingungen

Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Entgelt und Ausbildungsvergütung bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. In der Forderung stecken außerdem die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten, eine tarifliche Gewinnbeteiligung in wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen sowie eine soziale Komponente für Beschäftigte mit niedrigen Einkommen und für Auszubildende. Bessere und faire Ausbildungsbedingungen gehören ausdrücklich dazu.

Bei KSB gibt es Sonderzahlungen bei guten Unternehmensergebnissen bislang auf Grundlage einer Betriebsvereinbarung. Eine tarifliche Gewinnbeteiligung lehnen die Arbeitgeber laut IG Metall ab. Auf die fünf Prozent mehr Geld und die Zuschläge in wirtschaftlich gut laufenden Branchen gingen sie ebenfalls nicht ein.

Bei der Kundgebung in Halle kritisierte IG-Metall-Bezirksgeschäftsführerin Almut Kapper-Leibe das Arbeitgeberangebot. Die Beschäftigten spürten die gestiegenen Kosten schließlich jeden Monat: bei Miete, Energie, Versicherungen, Urlaub und Lebensmitteln. Seit 2020 ist der Verbraucherpreisindex gestiegen. Zur Veranschaulichung stellten die Streikenden einen Einkaufswagen auf. Kapper-Leibe merkte an, dass statistische Warenkörbe teils Güter wie Fernseher enthielten, die nicht regelmäßig gekauft würden. Im echten Alltag landen eher Brot, Milch, Waschmittel und die nächste Rechnung im Einkaufswagen – und die Preise dafür verschwinden nicht, nur weil die Statistik sie sortiert.

Branche zwischen Flaute und voller Auftragsbücher

Die Arbeitgeber hatten die wirtschaftliche Lage der Branche in den bisherigen Verhandlungen überwiegend negativ dargestellt. Gesamtmetall begründet das Angebot mit Deindustrialisierung und dem Verlust von Arbeitsplätzen. Die IG Metall verweist dagegen darauf, dass Wirtschaftsinstitute ihre Prognosen zuletzt nach oben korrigiert haben. Nach Umfragen der Gewerkschaft unter Betriebsräten weisen 62 Prozent der Betriebe wieder eine gute oder sehr gute Auslastung auf.

Das Bild ist allerdings nicht überall gleich. Die Auto- und Zulieferindustrie schwächelt, während Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Elektrotechnik und Wehrtechnik eine hohe Nachfrage verzeichnen. Die Mehrheit der befragten Betriebsräte bewertet die Aussichten für die kommenden sechs Monate als gut oder sehr gut – auch in der Autoindustrie.

Hohe Preise belasten die Beschäftigten trotzdem. Die IG Metall will die Kaufkraft sichern und damit den privaten Konsum stabilisieren, der mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. IG-Metall-Tarifvorständin Nadine Boguslawski erklärte, das Angebot bedeute eine Entgelteinbuße und gefährde die Kaufkraft. Verhandlungsführer Thorsten Gröger bezeichnete die Forderungen der Arbeitgeber als umfangreich, ihr Angebot dagegen als gering. In Niedersachsen sagte Gröger bereits, die Arbeitgeber hätten sich nur in kleinen Schritten bewegt; Warnstreiks ab 1. November seien unausweichlich.

Mehr als Geld: Standorte, KI und Krankenstände

Die IG Metall fordert zusätzliche Gespräche über Investitionen in Produkte und Standorte, Qualifizierung, Arbeitsplatzsicherung, den Einsatz künstlicher Intelligenz und die Senkung von Krankenständen. Nach Angaben der Gewerkschaft enthält das Arbeitgeberangebot jedoch keine konkreten Regelungen zu Investitionen, Qualifizierung oder Beschäftigungssicherung.

Die Arbeitgeber verlangen ihrerseits tarifliche Gespräche über Krankenstände und Maßnahmen zur Senkung der Krankheitskosten sowie über den Einsatz künstlicher Intelligenz. Außerdem soll KI schneller eingeführt werden. Die Gewerkschaft will diese Themen ebenfalls besprechen, allerdings zusammen mit der Frage, wie Arbeitsplätze und Standorte erhalten bleiben.

Die Arbeitgeberverbände legten erstmals in fünf Tarifbezirken gleichzeitig ein abgestimmtes Angebot vor. Nach zwei Verhandlungsrunden hatten die Gespräche unter anderem in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg keine Annäherung gebracht. Die zweite Runde begann in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und im Norden; weitere Tarifgebiete folgten. Für Mittwoch waren Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen vorgesehen, für Donnerstag Berlin und Brandenburg sowie Sachsen-Anhalt, am Freitag Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim.

Betroffen sind rund 3,7 Millionen Beschäftigte. In Nordrhein-Westfalen sollte die Tarifkommission am Samstag über das weitere Vorgehen entscheiden. Nach Ende der Friedenspflicht waren Warnstreiks ab Sonntag, dem 1. November, möglich. In den kommenden Tagen sind weitere Aktionen in der Region angekündigt. Sollte bei der nächsten Verhandlung kein aus Sicht der Gewerkschaft verhandlungsfähiges Angebot vorliegen, sollen die Warnstreiks ausgeweitet werden.

Am Werkstor in Halle blieb derweil das Banner der Auszubildenden sichtbar: „Süßes oder Streik!“ Der Spruch ist kurz, die Liste der offenen Fragen deutlich länger.