Heute, am 17. Oktober 2026, wirkt die Entscheidung der taz im Rückblick weniger wie ein Sprung ins kalte Wasser als wie ein ziemlich gut vorbereiteter Sprung ins Digitale. Vor genau einem Jahr stellte die Zeitung nach 46 Jahren als erste überregionale Tageszeitung Deutschlands den Druck ihrer werktäglichen Ausgabe ein. Schauplatz der Einordnung ist die Uni Münster – und damit auch der Ort, an dem Kommunikationswissenschaftler Bernd Blöbaum die Entwicklung beobachtet.

Seit dem 17. Oktober 2025 erscheint die taz montags bis freitags als E-Paper, samstags gedruckt als „wochentaz“ und täglich online auf taz.de. Die Umstellung lief unter dem Namen „Seitenwende“ und wurde in wirtschaftlich stabiler Lage vollzogen. Parallel baute die taz die wochentaz und ihren Onlineauftritt aus; die bestehende E-Paper-App wurde überarbeitet und vereinfacht.

86 Prozent bleiben dabei

Ein Jahr später meldet die taz 50.000 Abonnentinnen, 52.000 dauerhafte Online-Zahlerinnen und 26.000 Genossenschaftsmitglieder. 86 Prozent der früheren Print-Leserinnen sind geblieben – mit einem digitalen Abo oder in Kombination mit der gedruckten wochentaz. Das ist deutlich mehr, als Geschäftsführer Andreas Marggraf zunächst erwartet hatte: Er hatte mit etwa 70 Prozent Treue gerechnet, als schlechtestes Szenario galten 40 Prozent.

Eine bereits 2023 durchgeführte Befragung hatte allerdings schon auf diese Bindung hingedeutet. Damals sagten 81,4 Prozent der Abonnentinnen, sie wollten der taz auch nach dem Ende der werktäglichen Printausgabe treu bleiben. Zur Vorbereitung organisierte die Zeitung eine „Seitenwendetour“ durch Deutschland und richtete eine Telefonhotline für Leserinnen ein.

Ganz ohne Verluste ging es trotzdem nicht. Laut Geschäftsführerin Aline Lüllmann liegen die Kündigungen derzeit bei etwa zwölf Prozent; diese Abonnentinnen werde die taz voraussichtlich verlieren. Hinzu kommen Menschen, die die Zeitung spontan am Kiosk gekauft haben. Rund 14.000 Abonnentinnen bezogen zuletzt noch die tägliche Printausgabe, deutlich mehr Nutzerinnen lasen bereits digital.

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Der Wechsel war seit Jahren umkämpft. 2019 lehnten rund ein Drittel der Abonnentinnen den Umstieg auf das E-Paper ab und drohten mit Kündigung. Die taz reagierte mit einer Städtetour, Informationsaktionen, technischer Unterstützung, einer Service-Hotline, teilweise bereitgestellten Lesegeräten und Erklärangeboten. Überzeugt werden mussten nicht nur Leserinnen, sondern auch Genossenschaftsmitglieder und Autorinnen. Die taz versprach, alle Mitarbeiter zu halten; begleitet wurde der Umstieg von Diskussionen und Appellen an die Solidarität.

Stabiler, aber nicht leichter

Wirtschaftlich hat die Seitenwende laut Marggraf ihr zentrales Ziel erreicht: Die taz schreibt weiterhin keine roten Zahlen, die Ertragslage hat sich deutlich verbessert. Chefredaktion und Geschäftsführung begründeten den Schritt mit den wirtschaftlichen Bedingungen und dem Ziel, die Zeitung in ihrer bisherigen Form zu erhalten.

Leicht war der Weg dorthin nicht. Die Aboabteilung war wegen der gleichzeitigen Einführung eines neuen Systems zeitweise stark überlastet. Produktion und Layout wurden bislang weniger entlastet als geplant. Der Umstellungsprozess war aufwendiger als erwartet und soll nachjustiert werden. Für die langfristige Bindung neuer Abonnentinnen braucht es außerdem zusätzliche Maßnahmen.

Blöbaum von der Universität Münster führt die hohe Bindung auf die journalistischen Inhalte und die genossenschaftliche Organisation der taz zurück. Andere Verlage beobachten den Schritt aufmerksam, ebenso der Bundesverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger, kurz BDZV. Blöbaum erwartet, dass sich langfristig auch andere Verlage von gedruckten Tageszeitungen verabschieden. Der BDZV rechnet damit, dass es bis 2040 keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben könnte.

Der Druck auf das Tageszeitungsgeschäft ist ohnehin spürbar: Die Printauflagen sinken seit Jahren, laut BDZV-Leiter Christian Eggert ging die Printauflage im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um neun Prozent zurück. Gleichzeitig werden Druck und Vertrieb teurer. Verlage prüfen deshalb, wie sie bei der Zustellung sparen und Leser*innen mit digitalen Angeboten halten können. Das E-Paper gilt dabei als Übergangs- beziehungsweise Brückenprodukt.

Die Zeitung verschwindet nicht einfach

Gedruckte Zeitungen werden vor allem im regionalen Bereich seltener. In manchen Regionen sind Informationen inzwischen überwiegend digital verfügbar. Der Journalistik-Professor Klaus Meier warnt allerdings vor den Folgen eines Rückgangs journalistischer Angebote. In den USA gebe es Regionen ohne Tageszeitungen und regelmäßige journalistische Informationen. Solche Lücken könnten durch einseitige, parteipolitisch geprägte Informationen gefüllt werden und die gesellschaftliche Polarisierung verstärken.

In Ländern wie Finnland wird deshalb der Lokaljournalismus gefördert. Auch deutsche Verlage sieht Meier in der Verantwortung: Kosten müssten niedrig bleiben, zugleich sollten Zugänge für verschiedene Bevölkerungsgruppen möglich sein. Die taz bleibt zumindest teilweise gedruckt. Am Wochenende erscheint weiterhin die „wochentaz“, und laut Meier könnte das Modell aus täglichem Digitalangebot und ausführlicher gedruckter Wochenzeitung an Bedeutung gewinnen. Er erwartet eine Renaissance der Wochenzeitung und sieht derzeit kein vollständiges Zeitungssterben.

Ob am Küchentisch, im Zug oder auf dem Smartphone: Die Lesegewohnheiten verschieben sich, manchmal schneller, als einem lieb ist. Die taz setzt auf Abos, Genossenschaft und digitale Nähe, während der spontane Griff zum Kiosk wegfällt. Die nächste große Veränderung des Informationsmarktes dürfte laut der Debatte der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz sein.

2026 wird für Verlage zur Prüfstrecke

Eine BDZV-Trendumfrage zum Jahreswechsel 2025/26 zeigt, warum die Branche trotz aller Nervosität nicht nur schwarzsieht. Zwei Drittel der Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer blicken optimistisch auf die Branchenentwicklung, 56 Prozent der Verlage sehen sich gut auf die digitale Transformation vorbereitet. Für das Digitalgeschäft erwarten die Unternehmen erneut ein zweistelliges Wachstum – bei Abonnements ebenso wie bei Vertriebs- und Werbeerlösen. Im Printgeschäft rechnen sie dagegen mit einer weiteren rückläufigen Entwicklung.

Einzelne Verlage können mit ihren Digitalerlösen bereits sämtliche redaktionellen Kosten decken. Rund 60 Prozent der Befragten erwarten, dass gedruckte Zeitungen innerhalb der nächsten 15 Jahre verschwinden. Zugleich dürften die Kosten für Zustellung, Druck und Papier weiter steigen. Die Verlage wollen die Produktqualität trotzdem beibehalten: Redaktionelle Produkte, Erscheinungstage und Zustellqualität sollen nicht reduziert werden. Ein Softlanding, kein harter Schnitt.

Der Konsolidierungsdruck nimmt zu. Die Branche bewegt sich offenbar auf weniger, größere Verlagsgruppen zu. Kleine und mittlere Verlage wollen ihre Eigenständigkeit unter anderem durch Kooperationen bei der Infrastruktur sichern und Skaleneffekte nutzen.

Bei künstlicher Intelligenz erwarten 97 Prozent der Verlage positive Auswirkungen, etwa durch höhere Effizienz, Qualitätssteigerungen oder Kostensenkungen. Die größten Veränderungen werden zunächst in der redaktionellen Wertschöpfung erwartet. Rund 60 bis 80 Prozent der Unternehmen rechnen in Redaktion, Lesermarkt, Werbemarkt und Verwaltung mit Einsparungen von bis zu zehn Prozent; Einsparungen von mehr als zehn Prozent erwartet nur eine Minderheit.

Gleichzeitig dürfte KI die Reichweite unter Druck setzen. Wegen der Marktmacht großer Plattformen und neuer KI-Anwendungen rechnen die Verlage mit deutlichen Auswirkungen. Gut 45 Prozent der Befragten sind stark oder existenziell von Traffic großer Technologiekonzerne und den daraus entstehenden Erlösen abhängig.

Als größte Chancen der kommenden zwölf Monate nennen die Verlage Wachstum durch digitale E-Paper-Abonnements mit 77 Prozent, Effizienz- und Kostenoptimierung durch KI mit 52 Prozent sowie Wachstum durch digitale Abonnements von Plus-Angeboten mit 51 Prozent. Bei den Risiken führt der Rückgang des Werbemarkts mit 65 Prozent, gefolgt vom Mindestlohn mit 54 Prozent und einem stärkeren Rückgang der Print-Vertriebserlöse mit 42 Prozent.

Christoph Mayer von Highberg bezeichnet die laufende Phase als kritisch für die Transformation. Verlage müssten neben dem digitalen Wachstum auch das Printgeschäft über einen möglichst langen Zeitraum geordnet ablösen; Datenkompetenz aus dem Digitalgeschäft sei dafür besonders wichtig. Jörg Eggers vom BDZV zufolge wird Regulierung positiv bewertet, wenn sie Wettbewerbsnachteile gegenüber großen Plattformen verringert. Skeptisch werden Regeln gesehen, wenn sie bestehende Erlösmodelle, etwa im Werbemarkt, schwächen. Die Branche lehnt