In der Stadtbibliothek Königs Wusterhausen wird am Mittwoch, 4. November 2026, der NDR-Film „Trauer unter Kontrolle“ gezeigt. Die Veranstaltung erinnert an den Flugzeugabsturz vom 12. Dezember 1986 bei Berlin-Bohnsdorf – und an die Folgen, die für Angehörige und Überlebende weit über den Unglückstag hinausreichten.

Beginn ist um 17 Uhr in der Stadtbibliothek Königs Wusterhausen, Scheederstraße 1c, 15711 Königs Wusterhausen. Der Eintritt ist frei. Zur Begrüßung sprechen Ute Köhler, Leiterin der Stadtbibliothek, und Susanne Kschenka, Stellvertreterin der Aufarbeitungsbeauftragten. Matthias Baerens führt in den Film ein; danach moderiert Kschenka das Gespräch zwischen dem Buchautor und dem Publikum.

Ein Absturz, über den lange geschwiegen wurde

Der vollständige Veranstaltungstitel lautet: „Trauer unter Kontrolle. Der Flugzeugabsturz vom 12. Dezember 1986 bei Berlin-Bohnsdorf und die Folgen“. Gezeigt wird der von Carolin Kock produzierte NDR-Film. Veranstalter sind die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur und die Stadtbibliothek Königs Wusterhausen.

Beim Absturz des Aeroflot-Flugs 892 starben 72 Menschen, zehn überlebten – alle verletzt, teilweise schwer. Unter den Todesopfern waren 20 Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse aus Schwerin, ihre Klassenlehrerin und zwei Betreuer. Nach weiteren Angaben befanden sich insgesamt 27 Schüler dieser Klasse sowie Begleitpersonen unter den Passagieren; sieben Schüler gehörten zu den zehn Überlebenden.

Die Tupolew Tu-134A mit dem Kennzeichen CCCP-65795 war in Minsk gestartet und sollte gegen 14:20 Uhr in Berlin-Schönefeld landen. Wegen dichten Nebels wichen die Piloten zunächst nach Prag aus. Um 16:31 Uhr hob die Maschine dort erneut in Richtung Berlin ab.

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Beim Anflug war die nördliche Start- und Landebahn 25R wegen Wartungsarbeiten an der Befeuerung gesperrt. Regulär stand nur die südliche Bahn 25L zur Verfügung, die Wolkenuntergrenze lag bei etwa 130 Metern. Um 17:03 Uhr teilte die Flugsicherung mit, dass die Beleuchtung der gesperrten Bahn 25R zu Testzwecken eingeschaltet worden sei. Offenbar verstand die sowjetische Besatzung die englische Meldung als kurzfristige Änderung der Landebahn.

Obwohl die Landung auf 25L freigegeben und zunächst im Autopiloten eingestellt war, steuerte die Tu-134 die gesperrte Bahn 25R an. Der Lotse bemerkte den Fehler auf dem Radar und warnte die Crew um 17:04 Uhr. Die Besatzung erkannte den Irrtum, brach den Anflug aber nicht ab. Elf Sekunden später drehte sie nach Süden, um direkt auf 25L einzuschwenken.

Das Problem: Die Bahn 25R begann deutlich früher, die Schwelle von 25L lag rund 2.200 Meter weiter westlich. Beim Kurswechsel hatte das Flugzeug bereits zu viel Höhe verloren. Den Alarm zur gefährlichen Bodenannäherung ignorierte die Besatzung. Zwischen 36 und 41 Sekunden nach 17:04 Uhr streifte die Maschine Baumwipfel und stürzte in ein Waldstück neben Berlin-Bohnsdorf – etwa drei Kilometer vor dem Beginn der Bahn 25L und 72 Meter rechts der Landebahnmittellinie.

Rettung, Untersuchung und staatliches Schweigen

Das Flugzeug zerbrach und brannte nahezu vollständig aus. Erste Rettungskräfte trafen etwa 30 Minuten nach dem Absturz ein. Augenzeugen zogen zunächst zwölf Menschen aus dem brennenden Wald; zwei von ihnen starben später. Feuerwehr, Volkspolizei-Einheiten und Gerichtsmediziner waren an Bergung, Identifizierung und Aufräumarbeiten beteiligt. Flugdatenschreiber und Cockpit Voice Recorder wurden geborgen.

Die reguläre Besatzung bestand aus acht Personen, zusätzlich war ein Instrukteur an Bord, der Landungen bei schlechter Sicht beurteilen sollte. Offen blieb später, ob der Kapitän den Fehlanflug auch wegen dessen Anwesenheit nicht abbrach. Zeugen berichteten unmittelbar vor dem Aufprall von zunehmendem Triebwerkslärm – möglicherweise wurde die Leistung erhöht, um die weiter entfernte Bahn zu erreichen.

Die Aufzeichnungen und der offizielle Untersuchungsbericht wurden in der DDR nicht veröffentlicht. Die staatliche Nachrichtenagentur ADN erklärte vier Tage nach dem Unfall, das Flugzeug sei technisch in gutem Zustand und der Flughafen uneingeschränkt betriebsbereit gewesen. Die Besatzung habe gegen Anflugregeln verstoßen.

Spätere Informationen deuteten auf unzureichende Englischkenntnisse der Piloten und ein Missverständnis der Funkmeldung hin. In der Sowjetunion wurde der Flugfunk auf Russisch abgewickelt, während andere Ostblockstaaten Englisch nutzten. Die zurückhaltende Informationspolitik ließ Gerüchte wachsen: über technische Mängel, Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften und eine möglicherweise alkoholisierte Besatzung. Der Unfall verschwand rasch aus der öffentlichen Berichterstattung. Die Staatssicherheit überwachte Angehörige der verstorbenen Schweriner Schüler und erstellte Gefährdungsanalysen zu möglichen „antisowjetischen“ Äußerungen.

Nach dem Absturz wurden Änderungen im Funkverkehr zwischen Flugsicherung und Flugbesatzungen eingeführt, um sprachbedingte Missverständnisse zu vermeiden. Sie waren Teil internationaler Maßnahmen zur Vereinheitlichung und Verbesserung von Flugverkehrskontrolle und Funkkommunikation.

Baerens, das Buch und die Erinnerung

Matthias Baerens beschäftigt sich seit Jahren mit dem Absturz und den Erlebnissen der Betroffenen. Aus seinen Recherchen entstanden ein Buch und später ein Dokumentarfilm. Im März 2025 erschien das Sachbuch Trauer unter Kontrolle über den Absturz und seine Folgen. Es enthält Berichte von mehr als 25 Betroffenen, Angehörigen, Ersthelfern und Unfallermittlern.

Der Absturz erinnerte die Aufarbeitungsbehörde an den Absturz einer Iljuschin Il-62 im August 1972 nahe Königs Wusterhausen, mit dem sich Baerens ebenfalls befasst hat. Der Unfall von 1986 war der zweitschwerste Flugunfall auf deutschem Boden nach dem Interflug-Flug 450/742 von 1972, bei dem 156 Menschen starben.

Nahe der Unfallstelle in Berlin-Bohnsdorf wurde 2010 eine Gedenktafel eingeweiht. Seit 2012 erinnert außerdem ein Gedenkstein auf dem Waldfriedhof Schwerin an die 23 Opfer aus Schwerin.

Auch personell steht bei der Aufarbeitungsbehörde ein Wechsel bevor: Zum 1. Dezember 2026 übernimmt Linda Teuteberg deren Leitung. Der Landtag wählte sie zur neuen Aufarbeitungsbeauftragten; sie folgt auf Dr. Maria Nooke.

Wer am 4. November in der Bibliothek sitzt, bekommt also nicht nur einen Film zu sehen. Es geht um einen Flug, der in Minsk begann, über Prag führte und im Wald bei Bohnsdorf endete – um die zehn Überlebenden, die Verstorbenen und um eine Geschichte, deren Lücken lange größer waren als die veröffentlichten Antworten.