TUM-Forschende entwickeln biobasierten Klebstoff aus Mistelbeeren
Am 25.09.2026 haben Forschende der Technischen Universität München (TUM) in München einen vollständig biobasierten Klebstoff entwickelt, dessen wichtigste Zutat aus Mistelbeeren stammt. Die natürliche Zuckermischung wird mit Gerbsäure und Apfelsäure kombiniert. Petrochemische Bestandteile und synthetische Vorbehandlungen der Ausgangsstoffe bleiben außen vor.
Die Idee kommt direkt aus der Natur: Mistelsamen haften mithilfe einer klebrigen Substanz an Ästen. So kann die Pflanze neue Wirtsbäume besiedeln. Aus diesem Trick der Mistel ist ein Klebstoff entstanden, der in Tests auf Birkenholz, Edelstahl, Aluminium, Glas und sogar Teflon hielt. Gerade Teflon gilt wegen seiner nichthaftenden Oberfläche als ausgesprochen schwieriger Untergrund. Trotzdem bildeten sich dort belastbare Verbindungen – ein Ergebnis, bei dem man schon zweimal hinschaut.
Fest bei minus 150 Grad, lösbar bei Wärme
In einigen Versuchen erreichte der Kleber eine Scherfestigkeit von mehr als 10 Megapascal. Damit bewegt er sich in der Größenordnung technischer Strukturklebstoffe. Die Verbindungen blieben bis etwa −150 °C funktionsfähig. Wird die Klebestelle erwärmt, lässt sie sich lösen und bei ungefähr 90 °C erneut aktivieren.
Das könnte beim Reparieren und Recycling elektronischer Geräte helfen. Verklebte Displays, Gehäuse und andere Komponenten ließen sich möglicherweise austauschen, ohne Bauteile zu beschädigen. Weniger Schäden beim Lösen würden die Wiederverwertung erleichtern – gerade bei Geräten, die sonst schnell als Elektroschrott enden. Auch für kryogene Anwendungen, etwa in der Raumfahrt, ist der Klebstoff interessant. Dort könnten Klebestellen zusätzliche mechanische Sicherungen ergänzen.
Die Mistelbeere ist noch kein industrieller Rohstoff
Noch kommt das Ausgangsmaterial durch die Verarbeitung von Mistelbeeren. Für große Produktionsmengen reicht dieses Verfahren derzeit nicht aus. Der industrielle Einsatz ist also noch nicht spruchreif. Die Forschenden um Ufuk Gürer wollen deshalb die zugrunde liegenden molekularen Prinzipien auf Klebstoffkomponenten übertragen, die unabhängig von der Pflanze hergestellt werden können. Zugleich soll der Prozess skalierbar werden.
Die Studie von Ufuk Gürer und weiteren Autoren erschien 2026 in Advanced Materials. Bis aus der Beere ein Produkt für Werkstätten, Elektronikfirmen oder Raumfahrtmissionen wird, dürfte noch einiges an Entwicklungsarbeit nötig sein. Aber der Ansatz ist klar: Naturstoff nachbauen, Herstellung unabhängig von der Pflanze machen und eine Verbindung schaffen, die sich nicht nur fest anfühlt, sondern sich bei Bedarf auch wieder öffnen lässt.
Ein riesiger Markt für kleine Klebestellen
Klebstoffe stecken in weit mehr Dingen, als man im Alltag wahrnimmt: in Verpackungen, Büchern, Mobiltelefonen, Arzneimitteln, Matratzen und Autos. Sie verbinden nicht bloß zwei Flächen. Moderne Produkte nutzen Klebstoffe auch zur Schwingungsdämpfung, zur Abdichtung gegen Flüssigkeiten und Gase, zum Ausgleich unterschiedlicher Dynamiken verbundener Materialien sowie als Korrosionsschutz. Je nach Anwendung isolieren oder leiten sie Wärme und Strom.
Mehr als 25.000 verschiedene Klebstoffe gibt es. In Deutschland werden jährlich mehr als 1,5 Millionen Tonnen Kleb-, Dicht- und zementäre Bauklebstoffe produziert, dazu rund 1 Milliarde Quadratmeter trägergebundene Klebstoffe wie Klebebänder und Klebefolien. Der Jahresumsatz liegt bei rund 4 Milliarden Euro.
Der Anteil biogener Rohstoffe an der Klebstoffherstellung lag in den vergangenen Jahren bei etwa 15 Prozent. Das Interesse an biobasierten Komponenten nimmt zu: Sie sollen fossile Rohstoffe ersetzen, werden aber auch für neue Funktionalitäten erforscht, die durch biogene Produkte überhaupt erst möglich werden könnten. Die Mistelbeere liefert dafür derzeit noch keinen Klebstoff aus dem großen Tank – eher eine kleine, klebrige Versuchsanordnung mit ziemlich viel Zukunftsmusik.
