Baumrinde landet in der Holzindustrie meist im Feuer. Dabei könnte sie noch einiges leisten – als Material für Taschen, Verpackungen, Mode oder andere Gebrauchsgegenstände. Professorin Michaela Eder von der Fakultät für Holzwirtschaft der Technischen Universität München beschäftigt sich mit genau diesem Potenzial.

Am Dienstag, 29. September, um 19 Uhr spricht Eder im Lindenkeller in Freising darüber, wie Rinde genutzt werden kann, bevor sie recycelt oder zur Energiegewinnung verbrannt wird. Ihr Vortrag zeigt Forschungs- und Gestaltungsansätze, die aus dem vermeintlichen Abfallprodukt neue Materialien machen: für Mode und Haute-Couture-Artikel ebenso wie für Taschen, Verpackungen und weitere Alltagsgegenstände. Im Anschluss können Besucher Fragen an die Referentin stellen.

Wenn Rinde plötzlich nach Porzellan und Handtasche aussieht

Veranstaltet wird der Abend von der Technischen Universität München und der Stadt Freising im Rahmen der Reihe „TUM@Freising – Wissenschaft erklärt für alle“. Eder spricht dabei auch über den Wert von Materialien, den Ressourcenverbrauch und die Wegwerfgesellschaft. Material- und Rohstoffkrisen gehören ebenfalls zu den Themen.

Wie weit die Sache inzwischen reicht, zeigt das „Bark Project“ von Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Dort wird Baumrinde als mögliche zukünftige Ressource untersucht – vor dem Hintergrund der ökologischen Krise und der steigenden Nachfrage nach erneuerbaren Materialien. Ein Schwerpunkt liegt auf Tischkultur und Modedesign.

Für Keramikglasuren wurde Rindenasche eingesetzt. Dr. Charlett Wenig untersuchte dafür die chemische Zusammensetzung verschiedener Baumrinden. Die Bestandteile kamen in transparenten Porzellanglasuren zum Einsatz; je nach Rindensorte entstanden unterschiedliche Farben. Solche Rindenglasuren können künstliche Keramikglasuren ersetzen. Klingt zunächst ein bisschen nach Waldspaziergang und Brennofen, ist aber materialwissenschaftlich ziemlich konkret.

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Auch eine Handtasche aus Spiegelrinde der Waldkiefer gehört zu den entwickelten Objekten. Johanna Hehemeyer-Cürten gab dem Material eine lederähnliche Haptik. Weil sich Rinde und Leder unterschiedlich verarbeiten lassen, entwickelte sie eine neue Verbindungsmethode für einzelne Flächen. Kiefernrinde lässt sich weder nähen noch nieten oder kleben. Die Tasche entstand deshalb mithilfe von Steck- und Falttechniken; auf nicht funktionale Elemente und Details wurde verzichtet.

Vom Nebenprodukt zum Material

In der holzverarbeitenden Industrie wird Baumrinde größtenteils verbrannt. Dadurch entstehen vermeidbare Emissionen. Als Nebenprodukt der Holzindustrie wird sie meist zu Briketts verarbeitet oder ebenfalls verbrannt – mit zusätzlichem CO₂-Ausstoß. Gleichzeitig bleibt dieser lokal verfügbare Rohstoff weitgehend ungenutzt.

Das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam forscht deshalb an neuen Biomaterialien. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersuchte Charlett Wenig die Rinde materialwissenschaftlich und bearbeitete sie mit wissenschaftlichen sowie gestalterischen Methoden. Gemeinsam mit Johanna Hehemeyer-Cürten analysierte sie materielle und chemische Eigenschaften und entwickelte Konzepte für die Weiterverwendung.

Die möglichen Anwendungen reichen von Glasuren bis zur Herstellung von Textilfasern. Mit einer umweltverträglichen traditionellen Methode lässt sich Kiefernrinde in einem Arbeitsschritt flexibilisieren. Daraus können Stoffe und Accessoires für die Mode entstehen, aber auch Wandbehänge, Tapeten, Läufer und Möbel für das Interieur-Design. Tapeten und Wandbehänge aus Rinde könnten zudem die Raumluft und die Akustik beeinflussen.

Beteiligt sind Materialwissenschaftler, Biologen sowie Produkt- und Modedesigner. Die Forschungsarbeiten finden unter anderem im Exzellenzcluster „Matters of Activity“ statt, in dem mehr als 40 Disziplinen zu aktiven Materialien und Strukturen forschen. Das ist ein ziemlich weiter Bogen – von der chemischen Analyse einer Rinde bis zur Frage, wie ein Raum klingt.

Ausstellung, Wettbewerb und weitere Spuren

Die rindenbasierten Materialien wurden in der Ausstellung „Materialschätze“ im Futurium in Berlin gezeigt. Die Laufzeit reicht vom 4. Mai 2024 bis zum 30. Juni 2027. Als weiterführende Webseiten werden charlett-wenig.de, matters-of-activity.de/johanna-hehemeyer-curten und mpikg.mpg.de genannt. Die Bildquellen sind Dr. Charlett Wenig und Johanna Hehemeyer-Cürten.

„The Bark Project“ erhielt beim Ideenwettbewerb 2020 der Jungen Akademie den zweiten Preis in der Kategorie „Visions“. Der Online-Wettbewerb wurde von der Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit organisiert; Beiträge konnten bis zum 15. Mai 2020 eingereicht werden. Gesucht wurden visionäre oder konkrete Beiträge zu einer nachhaltigen Zukunft. In den Kategorien „Visions“ und „Solutions“ waren digitale Beiträge wie Bilder, Videos, Texte, Lieder und multimediale Inhalte zugelassen. In jeder Kategorie gab es für die drei besten Beiträge Preisgelder von 2.000, 1.500 und 1.000 Euro.

Der Artikel des Max-Planck-Instituts ist auf den 10. August 2020 datiert. Weitere dort aufgeführte Zusammenhänge führen zu nachhaltigen Textilien und zukünftigen Designs. In der Recherche werden außerdem Beiträge zu Aluminiumspänen, biobasierten Carbonfasern, Mikroperforationsmaterial, 3D-gedrucktem Campervan-Interior, hyperspektraler Bildgebung, autonomen E-Lkw, Exoskeletten, Feststoffbatterien und Smart Rings genannt.

Wer heute, am 25. September 2026, in München an der TUM sitzt und auf den Kalender schaut, findet den Freisinger Termin also unmittelbar vor sich: Dienstag, 29. September, 19 Uhr, Lindenkeller. Erst Vortrag, dann Fragen – und vielleicht sieht Baumrinde danach nicht mehr ganz so sehr nach etwas aus, das man möglichst schnell loswerden muss.