TUM RoboGym: Wo humanoide Roboter für die Arbeitswelt trainieren
Am 22. Oktober 2026 haben NEURA Robotics und die Technische Universität München (TUM) am Münchner Flughafen das TUM RoboGym powered by NEURA eröffnet. Heute, am 26.10.2026, ist das mehr als 2.300 Quadratmeter große Zentrum bereits ein Ort, an dem Roboter nicht nur vorgeführt, sondern trainiert werden. Zur Eröffnung präsentierte NEURA die vierte Generation des humanoiden Roboters 4NE1 – „For Anyone“.
Die TUM betreibt das RoboGym als Trainingszentrum, gemeinsam mit dem Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (TUM MIRMI). NEURA unterstützt den Aufbau mit Robotern, technischer Infrastruktur, Rechenleistung und Betriebspersonal. Die TUM bringt Flächen, wissenschaftliche Expertise sowie Forschungs- und Betriebsressourcen ein. Drei Jahre soll die Zusammenarbeit zunächst laufen; das Gesamtvolumen beträgt rund 17 Millionen Euro. Davon finanziert NEURA rund 11 Millionen Euro, rund 6 Millionen Euro kommen aus der übrigen Finanzierung.
Ein Roboter für die Serienfertigung
Der 4NE1 Gen 4 ist schlanker gebaut und gegenüber der Vorgängergeneration um 20 Prozent leichter. Er wiegt etwa 64 Kilogramm und ist 1,8 Meter groß. Eine schwarze textile Außenhaut, die teilweise individualisiert werden kann, soll den Roboter für den Einsatz neben Menschen geeigneter machen. Die Vorgängerversion hatte keine Textilhülle.
Auch unter der Oberfläche hat sich einiges getan. Die Bewegungssteuerung wurde weiterentwickelt, der Roboter soll dadurch flüssiger und menschenähnlicher reagieren. Die sogenannten Smart Limbs integrieren Reflexe direkt in die Gliedmaßen und können unabhängig auf Umwelteinflüsse reagieren. Das soll schnellere, präzisere und flüssigere Bewegungen ermöglichen. Überarbeitete Hände sorgen für genauere Griffe.
Im Zentrum steht Neuron AI, NEURAs Perception-Language-Action-Modell für Physical AI. Es verbindet Wahrnehmung, Sprache und Handlung und übersetzt Sensordaten direkt in Bewegungen. Dafür verarbeitet es nicht nur visuelle Informationen, sondern auch Berührungen, Kräfte, Geräusche und den allgemeinen Zustand des Roboters. Ein Beispiel: 4NE1 soll erkennen können, ob ein industrieller Verschluss korrekt eingerastet ist – eine Aufgabe, bei der ein rein visuelles System schnell an seine Grenzen käme.
Die vierte Generation ist für die Serienproduktion entwickelt und bereits im RoboGym sowie in den NEURA Gyms im Einsatz. Spezifische Fähigkeiten werden dort mit realen Roboterdaten, menschlichen Demonstrationen und Simulationen trainiert. Sensorisierte Datenanzüge, Motion-Capture-Systeme und Teleoperation machen menschliche Arbeitsabläufe für das Training nutzbar. Virtuelle Umgebungen und der Data Amplifier ergänzen die realen Erfahrungen um zusätzliche Varianten und Situationen.
Vom Kartonhandling bis zur Landwirtschaft
Im RoboGym bringen Unternehmen konkrete Aufgaben und Prozesswissen ein. Forschende und Entwicklungsteams untersuchen, wie Roboter solche Abläufe schneller lernen und anschließend zuverlässig ausführen können. Partner trainieren dort bereits seit September konkrete Prozesse. Beteiligt sind Unternehmen aus mehr als zehn Branchen, darunter Automobilindustrie, Pharma, Medizintechnik, Verpackung, Logistik, Landwirtschaft und Pflege.
Auf dem Programm stehen etwa Kartonhandling, das Befüllen von Flaschen sowie das Be- und Entladen von Holzbauteilen. Unternehmen können Anwendungen testen, ihren Trainingsbedarf ermitteln und verschiedene Robotersysteme bewerten, bevor sie diese im eigenen Betrieb einsetzen. Die Kapazitäten am Standort München sind laut NEURA schon stark gefragt.
Das Training läuft auf drei Wegen: Roboter erfassen mit ihren Sensoren Bewegungen, Kontakte und die Ergebnisse ihrer Aktionen. Menschen demonstrieren Arbeitsabläufe, die über Datenanzüge, Motion Capture oder Teleoperation in Trainingsdaten übersetzt werden. Dazu kommen Simulationen. Das Neuraverse verbindet diese Infrastruktur mit NEURAs Software- und KI-Werkzeugen; die Trainingsdaten werden für die gemeinsame Forschung von TUM und NEURA strukturiert aufbereitet.
Gelernte Fähigkeiten können über das Neuraverse weiteren vernetzten Robotern zur Verfügung gestellt werden. Was im Gym trainiert und praxisnah getestet wird, soll also nicht bei einem einzelnen Roboter bleiben. Die NEURA Gyms bilden dabei ein internationales Netzwerk, dessen Auftakt München ist. Weitere Standorte sind in Europa, den USA und China geplant; in Deutschland soll gemeinsam mit der RWTH Aachen ein weiteres Gym entstehen.
Forschung, die an echten Aufgaben klebt
Das TUM RoboGym steht Forschenden, Studierenden und Unternehmen offen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden unter praktischen Bedingungen untersucht, zugleich liefern industrielle Aufgaben neue Forschungsfragen. Genau dieser Austausch ist der Kern des Projekts: Unternehmen bringen ihre Abläufe mit, die Forschung versucht herauszufinden, wie daraus robuste robotische Fähigkeiten werden.
Im TUM MIRMI sind rund 80 TUM-Lehrstühle vernetzt. Das integrative Forschungsinstitut konzentriert sich auf Robotik und KI. NEURA wurde 2019 gegründet, hat seinen Hauptsitz in Metzingen und entwickelt kognitive Roboter sowie Software-, KI- und Dateninfrastruktur für Physical AI.
Der Ansatz passt zu Entwicklungen wie dem ARENA2036-Projekt „Physical AI & Humanoide Robotik – Nächste Generation der Automatisierung“. Dort wird untersucht, wie humanoide Roboter in Produktions- und Logistikprozesse integriert werden können – mit intelligenten, sicheren und anpassungsfähigen Lösungen, die Menschen, Maschinen und ihre Umgebung miteinander vernetzen.
Reale industrielle Prozesse werden analysiert und in Demonstratoren innerhalb der ARENA2036 technisch umgesetzt und erprobt. Industrie- und Forschungspartner arbeiten an flexiblen Systemen für Logistik, Maschinenbestückung und Inspektion. Künftig könnten humanoide Roboter Warenträger erkennen, greifen und durch Produktions- oder Lagerbereiche transportieren, Maschinen mit unterschiedlich oder ungeordnet bereitgestellten Bauteilen bestücken, Teile bei wechselnden Positionen handhaben und Industrieanlagen autonom inspizieren.
Dabei geht es nicht nur ums Greifen und Tragen. Qualitätsmerkmale und Umgebungsdaten sollen erfasst und analysiert werden. Grundlagen dafür sind Wahrnehmung und Umgebungserfassung, Lokalisierung und Navigation mit SLAM, semantisches Verständnis, Greiftechnologien und die Koordination mehrerer Roboter. Für den sicheren Einsatz werden Konzepte zur Menschenerkennung, Kollisionsvermeidung und Informationssicherheit entwickelt.
Kameras, LiDAR- und Radarsysteme sollen bei der Mensch-Roboter-Interaktion zusammenspielen. Sprachsteuerung und Teleoperation könnten außerdem ermöglichen, dass auch Personen ohne spezielles Robotik-Know-how solche Systeme bedienen. Die Technologien, Methoden und Demonstratoren werden unter realitätsnahen Bedingungen in der ARENA2036 getestet. Dabei wird geprüft, wie gut sie sich auf verschiedene Robotermodelle und industrielle Anwendungen übertragen lassen – und welche technologischen Hürden einem breiten Einsatz noch im Weg stehen.
Bis dahin wird im RoboGym weiter trainiert: mit echten Kontakten, menschlichen Bewegungen, simulierten Situationen und einer neuen Robotergeneration, die neben Menschen arbeiten soll. Ein bisschen Werkhalle, ein bisschen Forschungslabor – und dazwischen vermutlich reichlich Rechenleistung.
