Am 22. Oktober 2026 tüftelt die Westsächsische Hochschule Zwickau (WHZ) an einer Maschine, die im Weinberg künftig sehr viel Handarbeit übernehmen könnte: Im Projekt „VinePruningBot“ entsteht ein autonomer Roboter für den Rebschnitt. Mithilfe künstlicher Intelligenz und optischer Messdaten soll er jede einzelne Rebe erfassen und die passenden Schnittstellen berechnen.

Der Bedarf ist ziemlich handfest. Schloss Wackerbarth schneidet zwischen Dezember und März rund 300.000 Rebstöcke von Hand. Pro Stock fallen etwa 20 Schnitte an – macht rund sechs Millionen Schnitte im Jahr. Der Roboter soll die Rebschnittkosten um 30 Prozent senken und bis zu 150 Arbeitsstunden pro Hektar einsparen.

Eine Rebe ist nicht wie die andere

Rebschnitt klingt zunächst nach einer überschaubaren Aufgabe. Schere ansetzen, Trieb weg – fertig? Eben nicht. Der Schnitt ist arbeitsintensiv, verlangt Erfahrung und Präzision und wird bislang überwiegend manuell erledigt. Mechanische Vorschnittsysteme übernehmen zwar einzelne Arbeitsschritte, berücksichtigen den individuellen Wuchs der Pflanzen aber nur eingeschränkt. Steigende Betriebskosten und der Fachkräftemangel erhöhen den Druck, neue Wege zu suchen.

Die WHZ entwickelt deshalb optische und KI-gestützte Verfahren, die aus Messdaten ein dreidimensionales Modell jedes Rebstocks erstellen. Erfasst werden unter anderem Triebverläufe, Verzweigungen, Trieb- und Ast-Durchmesser, die Positionen der Knospen sowie die Verbindungen zwischen den einzelnen Pflanzenteilen. Daraus entsteht ein digitaler 3D-Graph. Auf seiner Grundlage soll das System geeignete Schnittpunkte bestimmen, die Bewegungen der Roboterarme planen, weinbauliche Schnittregeln berücksichtigen und Kollisionen mit Trieben und Spanndrähten vermeiden.

Leicht ist das nicht: Überlagerte Triebe, verdeckte Knospen, Spanndrähte und wechselnde Lichtverhältnisse machen die optische Erfassung knifflig. Im Weinberg kommen dann noch unebenes Gelände und die Frage dazu, ob der Roboter präzise genug anhält. Schneiden muss er schließlich korrekt – ohne den Drahtrahmen zu beschädigen.

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Sechs Partner, ein ziemlich langer Weg

Am Projekt arbeiten sechs Partner. Die WHZ übernimmt die optische Strukturinterpretation und die KI-gestützte 3D-Modellierung. Die Grünspecht Vision Labs GmbH kümmert sich um optische Erfassung und mobile Bildverarbeitungsplattform, die HYDRIVE Engineering GmbH um Projektkoordination, Schneidstrategie, Systemsteuerung und Integration. Bewegungsplanung und kollisionsfreie Koordination der Roboterarme liegen bei der EVASIVE ROBOTICS GmbH. Die Kluge GmbH entwickelt die mechanische Konstruktion, die Integration auf dem Geräteträger und das Schneidwerkzeug. Das Weingut Schloss Proschwitz bringt weinbauliche Anforderungen und Schnittregeln ein und übernimmt Praxiserprobungen.

Das Sächsische Staatsweingut Schloss Wackerbarth unterstützt VinePruningBot als assoziierter Partner. Dort werden neue Ansätze gemeinsam mit Entwicklern und Winzern erprobt. Weingutsleiter Björn Probst sieht im Roboter eine mögliche Entlastung: Die Personalkosten könnten nicht vollständig über den Weinverkauf erwirtschaftet werden. Auch Schloss Proschwitz beteiligt sich mit Wissen zu Schnittregeln und praktischen Tests.

„VinePruningBot – Entwicklung eines universellen Rebschnitt-Roboters“ startete am 1. September 2026 und läuft bis zum 31. Dezember 2028. Gefördert wird das Vorhaben von der Sächsischen Aufbaubank (SAB), Förderkennzeichen: 100810875. Das Kick-off fand am 9. Oktober 2026 im Weingut Schloss Proschwitz statt. Noch arbeitet die Technik im Labor. Bis zum selbstständigen Rebschnitt im Weinberg ist also noch einiges zu tun.

Vom Bild zur Schnittentscheidung

Die WHZ-Arbeitsgruppe Optische Technologien am Leupold-Institut entwickelt Mess- und Bildverarbeitungstechnologien für Industrie, Medizin und Forschung. Ihre Schwerpunkte liegen bei optischer Messtechnik, industrieller Bildverarbeitung, Spektroskopie und KI-gestützter Datenanalyse. Für den VinePruningBot wird dieses Wissen auf die oft verwirrend verschlungenen Strukturen von Weinreben übertragen.

Ein ähnlicher Ansatz wird auch von Forschenden des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern verfolgt. Zunächst werden Bilder von Rebstöcken aufgenommen. KI-Algorithmen erkennen die Bestandteile der Pflanzen und erstellen daraus eine 3D-Rekonstruktion. Das Modell macht die räumliche Struktur genauer analysierbar; eine App kann dem Winzer anschließend empfehlen, an welcher Stelle geschnitten werden soll.

Beim sogenannten sanften Rebschnitt fließen außerdem der Zustand und das Alter der Reben sowie deren Wachstumsmuster ein. Erwartet wird ein schonenderer Schnitt, der die langfristige Gesunderhaltung der Rebstöcke unterstützt. Die Informationen zum optimalen Vorgehen stehen derzeit innerhalb von etwa drei Minuten zur Verfügung. Echtzeitübertragung wird zwar entwickelt, ist wegen der großen Datenmengen auf Mobilgeräten aber noch nicht möglich.

Schon jetzt kann die Technologie zur Ausbildung von Winzern dienen. Nachwuchskräfte bekommen damit eine Schulungshilfe, um anspruchsvolle Schnitttechniken zu lernen – ohne dass gleich jede Knospe unter Zeitdruck sitzen muss. Geplant ist außerdem, die Technologie in Robotersysteme zu integrieren, die den Rebschnitt autonom ausführen. Dafür fehlen noch Bausteine: Robotersteuerung, Reihenfolge der Schnitte, Auswahl der Schneidetechnik und geeignete Hardware für die Bedingungen im Weinbau.

Warum der Aufwand? Die Pflege der Rebstöcke wirkt sich unter anderem auf die Qualität von Weißwein, Rotwein und Rosé aus. Regelmäßiger Rebschnitt soll das Pflanzenwachstum fördern und den Fruchtertrag steigern. Für die Winzer beginnt damit jedes Jahr dieselbe körperlich und fachlich fordernde Arbeit – zwischen Draht, Holz und kalten Fingern. Der Zwickauer Roboter muss erst noch zeigen, ob er dort draußen wirklich ruhig genug bleibt, wenn es holprig wird.