Die deutsche Autoindustrie steckt seit Jahren in der Krise. Die Transformation kommt nur schleppend voran, chinesische Hersteller erhöhen den Druck, und hohe Energiekosten machen die Produktion zusätzlich teuer. Bei VW Osnabrück und Mercedes Ludwigsfelde steht die Zukunft auf der Kippe. Große deutsche Autobauer planen Stellenabbau – während die Rüstungsindustrie händeringend Produktionskapazitäten und Fachkräfte sucht.

Mehr als 100 Milliarden Euro fließen jährlich in die Verteidigung. Da liegt die Idee nahe, freie Hallen, Maschinen und Beschäftigte aus der Autoindustrie für die Rüstungsproduktion zu nutzen. Doch der Wechsel von Autos zu Militärfahrzeugen, Raketen oder anderer Sicherheitstechnik ist kein simples Umrüsten per Knopfdruck. Fachleute bezweifeln, dass aus einem Automobilunternehmen problemlos ein Rüstungsbetrieb wird.

Bei Audi werden Beschäftigte verliehen

In Ingolstadt startet Audi ein Pilotprojekt zur Arbeitnehmerüberlassung. Freiwillige Beschäftigte können bis zu 24 Monate bei regionalen Rüstungsunternehmen arbeiten, bleiben aber bei Audi angestellt, behalten ihr Tarifentgelt und erhalten einen Zuschlag. Danach können sie zu Audi zurückkehren. Die Nachfrage nach dem Modell sei bereits groß, teilt Audi mit.

Das Angebot richtet sich unter anderem an Ingenieure und Qualitätsingenieure, Projektmanager, Beschäftigte in Werkstätten der Technischen Entwicklung sowie Mitarbeitende der Qualitätssicherung. Beteiligt sind laut Audi MBDA, Diehl, KNDS und Airbus sowie das bayerische und das Bundeswirtschaftsministerium. Airbus unterstützt das Vorhaben und stimmt nach eigenen Angaben noch konkrete Details ab.

Audi-Betriebsratschef Jörg Schlagbauer sieht darin eine Möglichkeit, Kurzarbeit und finanzielle Nachteile zu vermeiden. Der Betriebsrat pocht allerdings auf Freiwilligkeit, tarifliche Absicherung, die Beteiligung der Betriebsräte, den Schutz von Entgelt und Arbeitsbedingungen sowie ein Rückkehrrecht. Ende Oktober plant Audi eine Informationsveranstaltung für interessierte Mitarbeitende.

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Wie viele Audi-Beschäftigte tatsächlich zu MBDA oder anderen Rüstungsunternehmen wechseln, ist offen. Ebenfalls noch nicht entschieden ist, ob ein vergleichbares Modell für Audi-Beschäftigte in Neckarsulm angeboten wird. Für das Werk wird derweil diskutiert, ob dort künftig möglicherweise Panzer statt Autos produziert werden könnten.

Leere Kapazitäten, großer Personalbedarf

Die Werke in Ingolstadt und Neckarsulm sind nicht ausgelastet. In Ingolstadt könnten jährlich etwa 450.000 Fahrzeuge entstehen, intern rechnet Audi für dieses Jahr jedoch mit etwas mehr als 300.000. Bis 2029 will der Konzern sozialverträglich rund 7.500 Stellen abbauen, unter anderem über Altersteilzeitregelungen. Eine Beschäftigungsgarantie gilt derzeit bis 2033.

Im VW-Konzern könnten weltweit mehr als 100.000 Stellen wegfallen. Werksschließungen werden unter anderem bei VW und am Audi-Standort Neckarsulm diskutiert. Ein VW-Sparpaket sieht 50.000 zusätzliche wegfallende Stellen vor; vier Werke stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Auch die internationalen Rahmenbedingungen drücken auf die Branche. Seit 2025 erheben die USA auf zahlreiche importierte Autos und Autoteile Zusatzzölle von 25 Prozent. In China verlieren deutsche Hersteller zunehmend Preiskämpfe gegen Unternehmen wie BYD und MG. Sparprogramme und Umstrukturierungen gehören längst zum Alltag der Autobauer.

Bei MBDA wächst derweil der Bedarf an Personal kräftig. Das Unternehmen will in Schrobenhausen die Raketenproduktion verdoppeln und bis 2030 auch die Investitionen verdoppeln. Europaweit sollen 2.800 neue Mitarbeitende eingestellt werden. MBDA beschäftigt in Deutschland rund 2.500 Menschen, etwa 2.000 davon am Standort Schrobenhausen. Seit 2024 wurden in Deutschland 1.100 Stellen besetzt, weiterer Personalaufbau ist geplant.

Gesucht werden derzeit vor allem System- und Entwicklungsingenieure, Produktionsfachkräfte, Fachkräfte mit betriebswirtschaftlicher Ausbildung und IT-Spezialisten. Für Audi ist das Projekt eine Möglichkeit, Beschäftigungsperspektiven zu erweitern und den Fachkräftebedarf in der Region zu unterstützen. Klingt auf dem Papier vernünftig. In den Werkshallen hängen daran trotzdem Lebensläufe, Routinen und die Frage, ob man nach zwei Jahren noch an denselben Arbeitsplatz zurückkommt.

Vom Lastwagen bis zur Rakete

Daimler Truck baut sein Rüstungsgeschäft aus und gründet eine neue Dachmarke für Militärfahrzeuge. Dadurch sollen unter anderem am Standort Wörth weitere Arbeitsplätze entstehen. Maschinenbauunternehmen und Autobauer aus Baden-Württemberg, darunter Mercedes und Heidelberger Druck, orientieren sich wegen der schwachen Nachfrage nach deutschen Autos ebenfalls zunehmend an der Rüstungsindustrie.

Auf der Verteidigungsmesse MSPO in Polen präsentierten sich Unternehmen aus Baden-Württemberg mit Produkten für Verteidigung und Sicherheit. In der Bodenseeregion profitieren Firmen von Rüstungsaufträgen und schaffen dadurch Arbeitsplätze. Für manche Betriebe ist das eine willkommene Perspektive, gerade wenn Aufträge aus dem klassischen Fahrzeuggeschäft ausbleiben.

Gewerkschaften stehen dabei zwischen zwei Polen: der Forderung „Nie wieder Krieg“ und den wirtschaftlichen Vorteilen steigender Rüstungsaufträge. Diese Spannung verschwindet nicht, nur weil eine Produktionshalle wieder brummt. Und auch technisch sind die Unterschiede erheblich – zwischen einem Auto, einem Militärfahrzeug und einer Rakete liegen nicht nur andere Materialien, sondern auch andere Zulassungen, Sicherheitsanforderungen und Produktionsabläufe.

Der Beitrag wurde erstmals am 7. Oktober 2026 veröffentlicht und am 11. Oktober 2026 aktualisiert. Ausgestrahlt wird er am 12. Oktober 2026 um 8:30 Uhr in „Das Wissen“ auf SWR Kultur.

Quelle: SWR Kultur und Bayerischer Rundfunk