NSDAP-Mitgliedschaft zwischen Überzeugung, Anpassung und politischem Druck
An der Uni Mainz lohnt sich heute, am 12.10.2026, ein genauer Blick auf eine unbequeme Frage: Was bedeutete es eigentlich, Mitglied der NSDAP zu sein? Die Partei wuchs von einigen Hundert Mitgliedern auf etwa neun Millionen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Adolf Hitler hatte ursprünglich eine Grenze von ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung im Kopf, damit der „revolutionäre Charakter“ und die Kampfkraft der Partei erhalten blieben.
Eine Mitgliedskarte allein erzählt allerdings noch keine vollständige Geschichte. Der Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter betont, dass der Beitritt nicht automatisch eine überzeugte nationalsozialistische Haltung bedeutete. Gerade nach 1933 traten viele Menschen aus beruflichen oder politischen Gründen bei, wegen Erwartungsdrucks, um jemandem einen Gefallen zu tun oder um sich selbst oder andere zu schützen. Mit Beiträgen und Mitgliedschaft unterstützten sie die NSDAP dennoch – unabhängig davon, was sie persönlich glaubten. Nach außen nutzte die Partei die Millionen Mitglieder außerdem als propagandistische Legitimation gegenüber dem Ausland.
Von der Splitterpartei zur Massenorganisation
Die Deutsche Arbeiterpartei wurde am 20. Februar 1920 offiziell in NSDAP umbenannt. Öffentlich bekannt gegeben wurde das am 24. Februar 1920 im Münchner Hofbräuhaus, am selben Abend stellte die Partei ihr 25-Punkte-Programm vor. Es verlangte unter anderem die Aufhebung des Versailler Vertrags, den Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft für Juden und die Stärkung der „Volksgemeinschaft“. Das offizielle Mitgliederverzeichnis begann mit der Nummer 501; Adolf Hitler erhielt die Mitgliedsnummer 555.
Schon ab 1920 kooperierte die NSDAP mit der österreichischen und der tschechoslowakischen DNSAP. Gemeinsame Treffen und Parteitage fanden 1920 und 1923 in Salzburg statt. Der Weg nach oben war trotzdem keineswegs gerade. 1922 wurde die Partei in Baden am 4. Juli, in Thüringen am 15. Juli, in Braunschweig am 13. September, in Hamburg am 18. Oktober, in Preußen am 11. November und in Mecklenburg-Schwerin am 30. November verboten. In Preußen traf das Verbot auch die Tarnorganisation Großdeutsche Arbeiterpartei.
Vor allem in Bayern gewann die NSDAP bis 1923 an Unterstützung. Der Hitlerputsch vom 9. November 1923 scheiterte jedoch. Hans von Seeckt erließ am 23. November 1923 ein reichsweites Verbot, das bis zum 27. Februar 1925 galt. Parteivermögen, die Münchner Geschäftsstelle und der „Völkische Beobachter“ wurden beschlagnahmt beziehungsweise geschlossen. Ebenfalls verboten wurden die Deutschvölkische Freiheitspartei und die KPD.
Hitler kam am 11. November 1923 in Untersuchungshaft. Am 1. April 1924 wurde er wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, verbüßte aber nur einige Monate und wurde am 20. Dezember 1924 entlassen. Trotz seiner österreichischen Staatsangehörigkeit durfte er in Deutschland bleiben. Währenddessen versuchte Alfred Rosenberg unter dem Pseudonym Rolf Eidhalt, mit der Großdeutschen Volksgemeinschaft die Bewegung zusammenzuhalten. Das gelang nicht dauerhaft; Hermann Esser und Julius Streicher verdrängten Rosenberg an der Parteispitze. Weitere Gruppierungen waren der Völkische Block in Bayern und die Nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft in Norddeutschland.
Bei der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 trat ein Bündnis aus Nationalsozialisten und DVFP als Nationalsozialistische Freiheitspartei an und erhielt 6,6 Prozent. Im August 1924 entstand unter Ludendorff, Gregor Strasser und Albrecht von Graefe die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung Großdeutschlands. Bei der Wahl am 7. Dezember 1924 kam sie nur noch auf drei Prozent. Hitler lehnte die Zusammenarbeit mit den bürgerlich-nationalistischen Kräften ab.
Im Februar 1925 wurde die NSDAP neu gegründet. Hitler löste sie aus dem Bündnis mit den Völkischen und formte sie zu einer zentral geführten „Führerpartei“ um. Auf der Bamberger Führertagung am 14. Februar 1926 setzte er sich gegen Gregor Strasser durch; die Parteisatzung vom 22. Mai 1926 entsprach weitgehend seinen Vorstellungen. Im Juli 1925 erschien der erste Band von „Mein Kampf“, im Dezember 1926 der zweite. Das Buch propagierte unter anderem „Lebensraum im Osten“, die Entfernung der Juden sowie den Kampf gegen Marxismus und Demokratie. Die Parteizentrale lag ab 1925 in der Münchner Schellingstraße 50. Am 26. Mai 1930 kaufte die Partei für 805.864 Reichsmark das Münchner „Braune Haus“.
Mitglieder, Milieus und der Weg zur Macht
Die Zahlen zeigen den Ausbau fast wie eine hektische Buchhaltung: Ende 1919 hatte die Partei 64 Mitglieder, Ende 1920 waren es 3.000, Ende 1921 6.000. Am 23. November 1923 wurden 55.787 Mitglieder gezählt, Ende 1925 27.117 und Ende 1926 49.523. Ende 1927 waren es 72.590, Ende 1928 108.717, Ende 1929 176.426 und Ende 1930 389.000. Ende 1931 lag die Zahl bei 806.294, im April 1932 bei einer Million und Ende 1932 bei 1,2 Millionen.
Bis 1928 blieb die NSDAP eine von mehreren antisemitischen und völkischen Parteien. Reichsweite Aufmerksamkeit gewann sie 1929 durch die gemeinsame Kampagne mit DNVP und Stahlhelm gegen den Young-Plan. Die Kampagne scheiterte im Dezember 1929 mit 15 Prozent Zustimmung, machte Hitler und die NSDAP durch die Presse Alfred Hugenbergs aber bekannt. Finanziert wurde die Partei vor allem durch Mitgliedsbeiträge, Eintrittsgelder und Zuwendungen aus dem Mittelstand; Großindustrielle unterstützten überwiegend DVP und DNVP. Eintrittskarten für Veranstaltungen mit Hitler oder Goebbels kosteten 50 Pfennig bis zwei Mark.
Ab 1926 wurde der Hitlergruß parteiintern verwendet, Hitler als „Führer“ bezeichnet. Nach Horst Wessels Tod 1930 wurde das Horst-Wessel-Lied Parteihymne. Nach dem schlechten Wahlergebnis von 1928 nahm die NSDAP den offenen Antisemitismus in der Propaganda vorübergehend zurück, setzte dafür stärker auf SA-Straßengewalt, außenpolitische Themen und die Ablehnung der Weimarer Demokratie. Anhänger gewann sie besonders unter Bauern, Handwerkern, Einzelhändlern, Studenten, Beamten und dem alten Mittelstand. Ein „linker“ Parteiflügel um Otto Strasser spaltete sich ab, nachdem die Partei die Arbeiterwerbung zugunsten anderer Wählerschichten zurückstellte.
Bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 wurde die NSDAP mit 18,3 Prozent zweitstärkste Partei hinter der SPD. In Thüringen und Braunschweig war sie 1930 an Landesregierungen beteiligt, wurde aber weiterhin als Oppositionspartei wahrgenommen. Ihre Propaganda verband soziale und außenpolitische Versprechen mit Angriffen auf Versailles und den Young-Plan. Trotz offizieller Zurückhaltung beim Antisemitismus kam es zu pogromartigen Angriffen, etwa auf das Kaufhaus Wertheim 1930 und beim Kurfürstendamm-Krawall 1931.
Im Dezember 1930 wurde ein mögliches Parteiverbot diskutiert, Reichskanzler Heinrich Brüning lehnte es ab. Die NSDAP organisierte spezielle Verbände für Arbeiter, Mittelstand, Bauern, Industrie und weitere gesellschaftliche Gruppen. Zusammengehalten wurden sie durch radikalen Nationalismus und die flexibel auslegbare „Volksgemeinschaft“. Im Oktober 1931 gründeten NSDAP, DNVP und weitere nationalistische Verbände die Harzburger Front. Das Bündnis zerfiel wenige Monate später im Wahlkampf zur Reichspräsidentenwahl 1932.
Hitler wurde bei dieser Wahl Zweiter hinter Hindenburg. Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 wurde die NSDAP stärkste Partei. Am 6. November verlor sie mehr als vier Prozentpunkte und etwa zwei Millionen Wähler, blieb aber stärkste Kraft. Wegen der Wahlkampfausgaben geriet die Partei 1932 in Finanznot; Personal wurde entlassen oder schlechter bezahlt. Die Landtagswahl in Lippe am 15. Januar 1933 brachte die Trendwende, die Mitgliederzahl stieg auf rund 850.000.
Brüning sowie seine Nachfolger von Papen und von Schleicher erwogen zeitweise Rechtskoalitionen mit der NSDAP. Hitler bestand auf der Reich
