An der Uni Bielefeld geht eine Studie einer zunächst ziemlich naheliegenden Annahme auf den Grund: Weniger Arbeitsaufgaben müssten doch eigentlich weniger Stress bedeuten. Tun sie aber nicht automatisch. Die Untersuchung befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Arbeitsaufgaben und Stress bei Beschäftigten – und kommt zu einem Ergebnis, das Führungskräfte aufhorchen lassen dürfte.

Wer Aufgaben streicht, nimmt also nicht zwingend auch den Druck aus dem Kessel. Aus den Ergebnissen lassen sich wichtige Hinweise für Führungskräfte ableiten. Denn Arbeitsstress hängt nicht allein davon ab, wie viele Punkte auf einer To-do-Liste stehen, sondern auch davon, wie Beschäftigte ihre Arbeit erleben, welche Kontrolle sie haben und welche Unterstützung ihnen zur Verfügung steht.

Weniger Aufgaben, aber nicht unbedingt weniger Druck

Das lässt sich mit dem Belastungs-Beanspruchungs-Modell einordnen, das maßgeblich von Günter Rohmert und Jürgen Rutenfranz entwickelt wurde. Die zentralen Begriffe sind in DIN EN ISO 10075 standardisiert. Belastung meint dabei alle von außen auf Menschen einwirkenden, erfassbaren Einflüsse – etwa Arbeitsaufgaben, Zeitdruck oder soziale Bedingungen. Beanspruchung ist die unmittelbare individuelle Reaktion darauf.

Der kleine, aber entscheidende Haken: Diese Reaktion fällt nicht bei allen gleich aus. Erfahrung, Motivation und die aktuelle Verfassung spielen mit hinein. Belastung ist zunächst wertneutral. Sie kann aktivieren und Lernen fördern, aber ebenso Ermüdung und Stress auslösen. Dieselben Arbeitsbedingungen können bei zwei Personen also völlig unterschiedlich einschlagen.

Arbeitsstress wird zur negativen Beanspruchung oder Fehlbeanspruchung, wenn Anforderungen die individuellen Bewältigungsressourcen übersteigen. Das Modell bildet deshalb eine Grundlage für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen und für Präventionsmaßnahmen. Nur Aufgaben wegzunehmen, greift dabei womöglich zu kurz.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Auch Robert A. Karaseks Job-Demand-Control-Modell schaut nicht bloß auf die Menge der Arbeit. Es beschreibt Stress als Zusammenspiel von Arbeitsanforderungen und Entscheidungsspielraum. Besonders belastend sind „high-strain jobs“: hohe Anforderungen, wenig Handlungsspielraum. Hohe Anforderungen bei großem Entscheidungsspielraum können dagegen als „active jobs“ Lern- und Entwicklungseffekte fördern. Soziale Unterstützung kann den Stress zusätzlich abpuffern.

Wenn der Kopf zwischen Aufgaben und Informationen hängen bleibt

Eine wichtige Stressquelle sind steigende Arbeits- und Informationsmengen, dazu kommen häufige Unterbrechungen. Viel Information hilft nämlich nicht automatisch. Ist ihre Qualität gering, kann die Aufmerksamkeitsspanne schrumpfen, Fehler werden wahrscheinlicher – und die zusätzlichen Fehler erzeugen gleich wieder neue Belastungen. Ein ziemlich unerquicklich laufender Kreislauf.

Mehrere Arbeitsvorgänge gleichzeitig, Leistungsdruck und andere Arbeitsbedingungen können Überforderung und Informationsflut auslösen. Studien bringen zunehmende Informationsüberflutung mit körperlicher und emotionaler Ermüdung sowie weiteren gesundheitlichen Beschwerden in Verbindung. Gerechte Arbeitsverteilung und Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte können dieses Empfinden verringern.

Das von Johannes Siegrist entwickelte Effort-Reward-Imbalance-Modell setzt an einer anderen Stelle an: Stress entsteht demnach durch ein Ungleichgewicht zwischen beruflicher Verausgabung und Belohnung. Zu den Belohnungen zählen finanzielle Vergütung, Anerkennung, Arbeitsplatzsicherheit und Aufstiegsmöglichkeiten. Hohe Verausgabung bei geringer Belohnung gilt als Gratifikationskrise und ist mit erhöhten gesundheitlichen Risiken verbunden. Übermäßiges berufliches Engagement, „overcommitment“, kann die Stresswirkung verstärken.

Ein schlechtes Arbeitsklima nagt ebenfalls. Fehlende Anerkennung durch Vorgesetzte oder Kollegen kann dazu führen, dass sich Beschäftigte nicht wertgeschätzt fühlen; Unwohlsein, Motivationsverlust und eine schlechtere Arbeitsleistung können folgen. Eine Schweizer Longitudinalstudie stellte bei etwa einem Drittel der Teilnehmer Arbeitsstress fest, der auf einem Ungleichgewicht zwischen beruflichen Herausforderungen und erhaltener Anerkennung beruhte.

Auch der Arbeitsplatz selbst verändert sich. Auf Funktionalität und Kostenminimierung ausgerichtete Gestaltung, etwa im Homeoffice, kann soziale Kontakte verringern und Isolation fördern. Wenn persönliche oder telefonische Gespräche durch virtuelle Kommunikation ersetzt werden, wird das mit Einsamkeits- und Abgrenzungsgefühlen in Verbindung gebracht. Stress kann sich zudem zwischen Arbeitskollegen übertragen und zu Leistungseinbußen führen. Studien zufolge stammen Stressfaktoren häufiger aus dem privaten Umfeld, insbesondere von Partnern mit selbst hohem Arbeitsstress.

Erreichbar, flexibel – und irgendwann einfach leer

Eine Studie der Universität Freiburg bringt arbeitsbezogene Erreichbarkeit mit höherer Belastung und mehr Arbeitsstress in Verbindung. Wer auch außerhalb der regulären Arbeitszeit erreichbar ist, leistet häufiger Überstunden, berichtet von einem höheren Arbeitspensum und übernimmt öfter Entscheidungsverantwortung. Die Grenze zwischen Job und Freizeit wird dabei porös – nicht dramatisch mit einem Knall, eher still, Nachricht für Nachricht.

Ständige Erreichbarkeit wird mit emotionaler Erschöpfung, Work-Life-Imbalance und Burnout verbunden. Für Beschäftigte im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr kann dauerhafte Bereitschaft eine anhaltende Spannung und einen Stressor darstellen, möglicherweise auch wegen der fehlenden Vorhersehbarkeit im Arbeitsalltag. Die permanente Erreichbarkeit gilt als gesundheitliches Risiko und sollte von Arbeitgebern reduziert werden.

Im Gesundheitswesen wird psychosoziale Überforderung häufig erlebt. Genannt werden ein hohes Arbeitsvolumen und Fachpersonalmangel. Gleichzeitig kann der Druck, gesellschaftlichen Normen zu entsprechen, inneren Druck, Unzufriedenheit und Dauerstress verstärken. Körperlicher Belastungsdruck ist in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen, psychischer Druck dagegen stark gestiegen.

Zu hohe Anforderungen, geringe Kontrollierbarkeit, zu geringe Belohnung, wenig soziale Unterstützung und ungerechte Behandlung fördern Belastungsdruck. Diese arbeitsbezogenen Stressoren erhöhen die Arbeitsbelastung und können die körperliche Gesundheit beeinträchtigen. Hohe psychosoziale Belastungen im Beruf wurden mit einem erhöhten Risiko für gesundheitsbedingte Frührente in Verbindung gebracht; arbeitsbedingte Erkrankungen können außerdem ins Alltagsleben hineinreichen.

Unterforderung kann ebenfalls zermürben

Arbeitsstress ist nicht nur eine Frage des Zuviels. Sowohl Unterforderung als auch Überforderung können starken Stress verursachen. Chronischer Stress entsteht, wenn Häufigkeit und Intensität der Belastungen dauerhaft in einem ungünstigen Verhältnis zu den individuellen Ressourcen stehen. Überforderung wird mit dem Burnout-Syndrom, Unterforderung mit dem Boreout-Syndrom in Verbindung gebracht.

Burnout umfasst Überforderung, Erschöpfung und damit verbundene Leistungseinbußen. Modernisierung und technologische Entwicklung fördern laut den genannten Forschern ständige Erreichbarkeit, Flexibilität und hohe Leistungsanforderungen. Die moderne Arbeitswelt verlangt höhere Qualifikationen, bessere Leistungen und mehr Flexibilität – ein Paket, das nicht für alle Tage gleich leicht zu tragen ist.

Arbeitsbedingter Stress kann sich durch Müdigkeit, vollständige Erschöpfung, Motivationsverlust und Schlafstörungen äußern. Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Arbeitsstress, beruflichem Verhalten und negativ beeinflusstem Schlafverhalten. Eine Metaanalyse der Universität Mainz bestätigte den Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und Burnout. Beide können sich gegenseitig verstärken; der Einfluss von Burnout auf das Stressempfinden war dabei stärker als der umgekehrte Einfluss.

Der seit 2007 entwickelte DGB-Index „Gute Arbeit“ erfasst die Qualität von Arbeitsbedingungen und wird auch zur Beurteilung psychischer Arbeitsbelastungen eingesetzt. Befragt werden unter anderem Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, Betriebskultur, der Sinn der Arbeit sowie emotionale und körperliche Anforderungen. Der Index orientiert sich am Belastungs-Beanspruchungs-Konzept. Eine gute Work-Life-Balance gilt als Faktor für höheres Wohlbefinden und als Schutz vor psychischen Erkrankungen.

Was Stress mit dem Körper macht

Internationale Studien berichten überwiegend einen mittelstarken Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und koronaren Herzerkrankungen. Arbeitsstress wird deshalb als relevanter Risikofaktor eingeordnet. Laut DAK-Gesundheit litten 2022 neun Prozent der Beschäftigten unter herzgefährdendem Arbeitsstress im Sinne einer Gratifikationskrise. Betroffene hatten demnach das Gefühl, am Arbeitsplatz wenig Wertschätzung zu erhalten.

Zu hohe Anforderungen, geringe Anerkennung und unzureichende Kontrolle werden mit körperlichen Beschwerden, emotionaler Überlastung und Arbeitsunzufriedenheit in Verbindung gebracht. Als mögliche Folgen von Arbeitsstress gelten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht, Atemwegserkrankungen, Hauterkrankungen und Allergien. Standardisierte Messverfahren können Zusammenhänge zwischen Arbeitsstress und gesundheitlichen Auswirkungen erfassen; herangezogen werden dabei vor allem das Anforderungs-Kontroll-Modell und das Modell beruflicher Gratifikationskrisen.

Ganz ohne helle Seite ist die Sache