Münster, 6. Oktober 2026. Gerade erst ist die neue Folge des Podcasts „Umdenken“ erschienen, und sie landet mitten in einer Debatte, die längst nicht mehr nur auf Bildschirmen stattfindet. Zu Gast ist der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Thorsten Quandt von der Universität Münster. Seine Forderung: Anbieter sozialer Medien und anderer digitaler Plattformen müssen stärker Verantwortung übernehmen, wenn sich dort problematische Inhalte verbreiten.

Politische Regulierung könne geprüft werden, sagt Quandt. Zunächst seien jedoch die Unternehmen selbst gefragt – etwa Meta, Alphabet und Microsoft. Dahinter steckt ein ziemlich grundlegendes Problem: Wenige Konzerne kontrollieren die wichtigsten digitalen Kanäle. Wer dort die Spielregeln setzt, beeinflusst damit auch, welche Informationen sichtbar werden, wie politische Botschaften zirkulieren und wo Diskussionen kippen.

Vom Netzwerk zum politischen Schauplatz

Als Beispiel nennt Quandt Elon Musk. Durch den Umbau seiner Plattformen zu werbebasierten Angeboten und deren Nutzung für politische Propaganda habe Musk die ursprüngliche Idee sozialer Medien verändert: Aus Austausch- und Vernetzungsplattformen seien zunehmend politische und wirtschaftliche Schauplätze geworden. Das klingt nüchtern, betrifft aber den Alltag vieler Menschen – den schnellen Blick aufs Smartphone ebenso wie die Frage, ob eine Wahlkampfbotschaft, ein Gerücht oder eine gezielte Falschinformation im eigenen Feed auftaucht.

Quandt forscht zu Online-Kommunikation und zu Themen wie Desinformation, Propaganda, Populismus und Toxizität. Im Juni 2025 erhielt er vom Europäischen Forschungsrat (ERC) einen mit 2,5 Millionen Euro dotierten „ERC Advanced Grant“. Mit dieser Förderung untersucht er, wie bestimmte, überwiegend aus jungen Männern bestehende Online-Communities zu gefährlichen Milieus werden. Im Podcast erklärt er, wie er dabei vorgeht und welche Ziele seine Forschung verfolgt.

„Umdenken“ stellt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen vor, ihre Forschung, aktuelle Erkenntnisse und ihre persönliche Motivation. Die Folge mit Quandt ist auf der Website der Universität Münster sowie auf Spotify, Deezer und Apple Podcasts verfügbar.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Ein Rückbau, der nicht plötzlich kam

Wie stark sich die Plattformen in den vergangenen Jahren verändert haben, beschreibt auch Prof. Dr. Christian Katzenbach von der Universität Bremen. Der Kommunikationswissenschaftler bewertet die Entwicklung großer Social-Media-Plattformen im Wahlkampfjahr 2025. US-Tech-Konzerne wie Meta, X, Facebook, Instagram und YouTube hätten zwar über zehn Jahre hinweg Regeln und Ressourcen gegen Desinformation und Hassrede ausgebaut – allerdings zögerlich, inkonsequent und häufig erst als Reaktion auf konkrete politische Ereignisse.

Dazu gehörten Desinformation im Zusammenhang mit dem Brexit und der US-Wahl 2016, Hassrede während der Migrationsdebatte ab 2015 sowie die Löschung eines Vietnamkriegsfotos durch Facebook im Jahr 2016. Seit dem Kauf von Twitter durch Elon Musk im Jahr 2022 beobachtet Katzenbach einen deutlichen Rückbau der Moderationsmaßnahmen. Musk begründete den Kauf mit dem Ziel, den Dienst zu „befreien“ und möglichst nicht mehr gegen Hassrede und Desinformation einzugreifen.

Nach Trumps erneuter Amtsübernahme als US-Präsident verfolgt laut Katzenbach auch Meta-Chef Mark Zuckerberg diesen Kurs. Zuckerberg kündigte an, die vermeintliche „Zensur“ auf Facebook und Instagram zu beenden. Wissenschaftlich halte Katzenbach diese Bezeichnung für Moderationsentscheidungen jedoch nicht für haltbar. Belastbare Belege dafür, dass Moderation oder Faktenchecks systematisch linke Akteure und Themen bevorzugten, gebe es nicht.

Moderation diene der Integrität der Plattformen und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, nicht der Einschränkung legitimer Meinungen, so Katzenbach. Mit ihrer Wortwahl positionierten sich Musk und Zuckerberg politisch nahe bei Trump und rechten Gruppierungen. Die Annäherung Zuckerbergs an die Trump-Regierung könnte dabei über innenpolitische Interessen hinausgehen: Die Tech-Konzerne könnten versuchen, den internationalen Trend zu mehr Verantwortung und Rechenschaftspflichten zurückzudrehen.

Wer trägt die Folgen?

Ihr Geschäftsmodell beruht laut Katzenbach darauf, keine Verantwortung und Haftung für die große Menge teilweise automatisiert erstellter und verbreiteter Inhalte zu übernehmen. Genau hier treffen sich die Perspektiven aus Münster und Bremen: Wenn wenige Unternehmen die Infrastruktur für öffentliche Kommunikation kontrollieren, lässt sich die Verantwortung nicht einfach an einzelne Nutzerinnen und Nutzer abschieben.

Für die demokratische Gesellschaft sieht Katzenbach deshalb eine grundlegende Auseinandersetzung. Die EU versucht, große Technologieunternehmen zu mehr Verantwortung zu verpflichten. Musk und Zuckerberg wollen ihre Unternehmen gemeinsam mit der Trump-Regierung weitgehend frei von Verantwortung agieren lassen. Ein Erfolg dieses US-amerikanischen Bündnisses wäre laut Katzenbach ein Rückschritt für die demokratische Gesellschaft.

Plattformen seien wegen ihrer starken Einbindung in gesellschaftliche Strukturen nicht allein den wirtschaftlichen und politischen Interessen einzelner Unternehmenschefs zu überlassen. Katzenbach ist Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft mit Schwerpunkt Mediengovernance und Plattform-Ökonomie an der Universität Bremen. Seine Forschung befasst sich unter anderem mit Plattform-Governance, künstlicher Intelligenz, digitalen Gesellschaftsdiskursen, Forschungsdaten sowie Medien- und Internetregulierung.

Die Fragen aus dem Podcast wirken damit ziemlich nah am eigenen Alltag: Wer entscheidet, was sichtbar bleibt? Wann schützt Moderation eine Debatte – und wann wird sie als politischer Eingriff dargestellt? Und was passiert, wenn Plattformen ihre Regeln lockern, während sich Desinformation, Propaganda und toxische Online-Milieus längst weiterentwickeln? Antworten darauf gibt es nicht im Vorbeiscrollen. Eher in langen Gesprächen, Forschungsprojekten und, ja, manchmal in einer Podcastfolge auf dem Weg zur Uni.