Wie lässt sich Wissen über Fachgrenzen hinweg so verbinden, dass daraus tatsächlich nachhaltigere Gesellschaften entstehen? Um diese Frage geht es am Dienstag, 1. Dezember 2026, bei einer Veranstaltung an der Universität Bielefeld. Chris Foulds aus Cambridge spricht über „Doing Social Sciences and Humanities Integration: Reflections from European Energy and Sustainability Research“.

Der Vortrag gehört zur Reihe „Interdisciplinarity in Scientific Research – Perspectives from Practice and Science Studies“. Organisiert wird sie vom Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) und dem Institute for Studies of Science (ISoS) der Universität Bielefeld. Beginn ist um 16:15 Uhr im ZiF, Wellenberg 1, 33615 Bielefeld. Die kostenlose Veranstaltung wird als Lesung/Vortrag und Wissenschaftsveranstaltung geführt; eine Teilnahme ist vor Ort und online möglich. Nähere Informationen stehen auf der Website der Universität.

Wenn Fachgrenzen nicht das letzte Wort haben

Interdisziplinarität gehört in Bielefeld seit der Gründung der Universität Ende der 1960er-Jahre zum institutionellen Grundprinzip. Die Veranstaltungsreihe nimmt deshalb nicht nur die Theorie, sondern auch die Mühen des praktischen Zusammenspiels in den Blick: Was unterscheidet interdisziplinäre von multidisziplinärer Forschung? Wie lässt sich Wissen über Fachgrenzen hinweg integrieren, und wie entstehen Forschungsfelder, die sich dauerhaft stabilisieren?

Auf dem Programm stehen außerdem unterschiedliche Methoden, Standards und wissenschaftliche Kulturen, Erfahrungen aus Forschung, Förderung und institutioneller Praxis sowie Ansätze für bessere Zusammenarbeit und den Aufbau interdisziplinärer Kompetenzen. Auch Förderformate und die institutionelle Unterstützung solcher Forschung werden thematisiert. Das klingt zunächst nach ziemlich viel auf einmal – genau darin liegt aber der Kern: Nachhaltigkeitsfragen halten sich selten an die Ordnung eines einzelnen Instituts.

Foulds’ Blick auf Energie, Klima und Gesellschaft

Chris Foulds ist Professor für Nachhaltigkeit und Gesellschaft am Global Sustainability Institute der Anglia Ruskin University. Seine Forschung untersucht, wie Wissen für nachhaltigere Gesellschaften erzeugt, geteilt und genutzt wird. Im Mittelpunkt stehen die sozialen, institutionellen und politischen Bedingungen von Nachhaltigkeitstransformationen – darunter Expertise und Evidenz, Interdisziplinarität, Beteiligung und Governance.

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Ein großer Teil seiner Arbeit befasst sich mit Energiewenden. Dazu kommen Klima, Mobilität, Innovation sowie Forschungs- und Wissenschaftsgovernance. Foulds fragt unter anderem, wie verschiedene Wissensformen Autorität erlangen, wie Evidenz zwischen Forschung und Politik vermittelt wird und wie Institutionen lernen, experimentieren und auf komplexe gesellschaftliche Herausforderungen reagieren.

Große britische und europäische Forschungsprogramme hat er geleitet und koordiniert. Finanziert wurden diese unter anderem von der Europäischen Kommission, den britischen Forschungsräten von UK Research and Innovation (UKRI), Stiftungen sowie nationalen und lokalen Regierungen. Gemeinsam mit Professorin Rosie Robison koordinierte Foulds drei große EU-finanzierte Projekte im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften: SSH CENTRE mit 3 Millionen Euro von 2022 bis 2026, Energy-SHIFTS mit 1 Million Euro von 2019 bis 2021 und SHAPE ENERGY mit 2 Millionen Euro von 2017 bis 2019.

Diese Projekte befassten sich zunächst mit europäischen Forschungs- und Innovationsagenden im Energiebereich, später auch mit Klima, Energie und Mobilität. In diesem Zusammenhang beriet Foulds verschiedene Generaldirektionen der Europäischen Kommission, darunter RTD, ENER, CLIMA, MOVE und ENV, außerdem Behörden der EU-Mitgliedstaaten, Kommunen und kommunale Netzwerke sowie weitere Organisationen zu Sozial- und Geisteswissenschaften, Interdisziplinarität und gesellschaftlichen Aspekten von Forschung und Innovation.

Von europäischen Programmen zu lokalen Partnerschaften

Gemeinsam mit Rosie Robison koordiniert Foulds außerdem das mit 5 Millionen Euro finanzierte Horizon-2020-Projekt SHARED GREEN DEAL (2022–2027). Es bringt Forschende, Kommunen und zivilgesellschaftliche Organisationen in Europa zusammen. Mit partizipativen und experimentellen Ansätzen untersucht das Projekt, wie Nachhaltigkeitstransformationen durch langfristige lokale Partnerschaften gestaltet werden können.

Im Zentrum stehen Lernen, Beteiligung und Veränderung auf der mittleren institutionellen Ebene. Konkret geht es etwa um die Zusammenarbeit mit Kommunen und NGOs bei sozialen Experimenten in verschiedenen europäischen Kontexten. Aus dieser Arbeit entstand das Shared Green Societies Forum, das Foulds gemeinsam mit ALDA, der Europäischen Vereinigung für Lokale Demokratie, veranstaltet. Das Forum vertritt die Interessen von mehr als 4.500 Kommunen und zivilgesellschaftlichen Organisationen in Europa und verbindet lokale Erfahrungen und Fachwissen mit europäischen politischen Agenden – mithilfe sozial- und geisteswissenschaftlicher Forschung.

Derzeit koordiniert Foulds gemeinsam mit Dr. Lara Houston außerdem die mit 1,5 Millionen Euro finanzierte Horizon-Europe-Initiative Alliance for Societal Readiness (All4SR) (2026–2030). Sie befasst sich mit der Stärkung gesellschaftlicher Handlungsbereitschaft in Forschungs- und Innovationssystemen. Beteiligt sind Forschende, politische Entscheidungsträger, Förderorganisationen und Praktiker.

All4SR zielt auf inklusivere, selbstreflexivere und stärker an gesellschaftlichen Bedürfnissen ausgerichtete Ansätze für komplexe Herausforderungen. Zum Projekt gehören praktische Maßnahmen zum Kapazitätsaufbau. Untersucht wird außerdem, wie „gesellschaftliche Handlungsbereitschaft“ als politisches Konzept entsteht und wie die Europäische Kommission versucht, gesellschaftliche Bedürfnisse und Anliegen stärker in Nachhaltigkeitsforschung und -innovation zu verankern.

Ein breites Forschungsportfolio

Zu Foulds’ weiteren Themen gehören verantwortungsvolle Forschung und Innovation, Innovationssysteme, Energiezugang, Geschlechtergerechtigkeit und Nachhaltigkeitsgovernance. Sein Forschungsportfolio umfasst unter anderem das Projekt Responsible Research & Innovation Networked Globally (RRING) mit 3 Millionen Euro im Rahmen von Horizon 2020, Economics of Energy Innovation Systems Transition (EEIST) mit 4,8 Millionen Pfund, finanziert von der britischen Regierung, sowie Gender Equity and Energy Access in the Global South mit 150.000 US-Dollar aus dem GCRF.

Dazu kommen Energy-PIECES, ein mit 100.000 Pfund ausgestattetes, UKERC-finanziertes Programm für politische Praxisaufenthalte von Forschenden am Beginn ihrer Karriere, und Energy in Water mit 250.000 Euro aus COSME. Wer am 1. Dezember ins ZiF kommt oder online dazuschaltet, bekommt also keinen Vortrag über Interdisziplinarität aus sicherer Entfernung, sondern Einblicke in eine Forschungspraxis, in der Energie, Politik, Kommunen, Beteiligung und wissenschaftliche Methoden ständig aneinandergeraten – und irgendwie trotzdem zusammenfinden müssen.

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