Wer Adolf Schinnerer bislang nur als Namen auf einem Ausstellungsetikett kannte, bekommt am Donnerstag, 29. Oktober 2026, Gelegenheit, genauer hinzusehen: Das Stadtmuseum Erlangen lädt um 18:30 Uhr zu einer Führung durch die Ausstellung „NEU GESEHEN – Adolf Schinnerer“ ein. Die Kuratorin Helga Zahlaus führt durch die Präsentation mit mehr als 100 Werken.

Im Mittelpunkt steht ein Künstler, der vor 150 Jahren geboren wurde und Anfang des 20. Jahrhunderts in Erlangen-Tennenlohe lebte und arbeitete. Zu sehen sind unter anderem seine grafischen Arbeiten: stimmungsvolle Landschaftsdarstellungen ebenso wie rätselhafte, mitunter düstere Bilderzyklen. Gerade diese Radierungen lassen Schinnerers Werk angenehm sperrig wirken – nicht alles gibt sich beim ersten Blick preis.

Von Erlangen nach München und Italien

Adolf Schinnerer wurde am 25. September 1876 in Schwarzbach an der Saale geboren. Er war der Sohn des 1886 verstorbenen Pastors von Ahornberg. Von 1887 bis 1900 wuchs er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern, darunter Johannes Schinnerer, in Erlangen auf. Später, von 1903 bis 1912, lebte er in Tennenlohe bei Erlangen.

Seine Ausbildung führte ihn zunächst an die Kunstakademie Karlsruhe, wo er unter anderem bei Walter Conz, Ludwig Schmid-Reutte und Wilhelm Trübner studierte. Danach besuchte er die Akademie der Bildenden Künste München und beschäftigte sich zugleich mit Kunstgeschichte. 1909/1910 erhielt Schinnerer den Villa-Romana-Preis und verbrachte daraufhin ein Jahr in Italien.

Künstlerisch ging er zunächst vom französischen Impressionismus aus. Figurenbilder und Landschaften bestimmten seine Arbeit; später beschränkte er seine Farbpalette auf wenige kräftige Farben. 1913 gehörte er in München zu den Mitbegründern der Neuen Sezession.

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Radierungen, Lehrjahre und ein enormes Arbeitspensum

Im Ersten Weltkrieg diente Schinnerer mehrere Jahre als Infanterist und in Stäben. 1918 erwarb er in Ottershausen, in der Künstlerkolonie Haimhausen bei München, ein Anwesen namens „Schlössl“. Der Ort wurde später sein Lebensmittelpunkt. Bis Ende der 1930er-Jahre mietete er zusätzlich Wohnungen in München.

1920 wurde er an die Staatliche Kunstgewerbeschule München berufen. Ab 1924 lehrte er als Professor in der Radier- und Zeichenklasse der Akademie der Bildenden Künste München. Neben seiner Lehrtätigkeit arbeitete er sehr produktiv als Künstler. Schinnerer galt als Meister der Kaltnadelradierung und illustrierte zahlreiche Werke, darunter 1921 William Shakespeares „The Tempest“.

Wie groß sein Arbeitseifer war, zeigt ein Brief aus dem Jahr 1922: Bis dahin habe er etwa 700 Platten radiert, rund 20.000 Radierungen gedruckt und verkauft sowie etwa 100 Gemälde geschaffen. In den folgenden Jahren organisierte er häufig Ausstellungen und stand dafür mit zahlreichen bekannten Künstlern in Kontakt.

Brüche, Ämter und späte Anerkennung

Während der NS-Zeit war Schinnerer Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Für diesen Zeitraum sind 17 Ausstellungsteilnahmen sicher belegt. 1937 wurden im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ Grafiken Schinnerers aus mehreren Museen und öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt.

Nach dem Krieg übernahm er 1945 kommissarisch die Leitung der Akademie der Bildenden Künste München. 1946 wurde er deren Präsident und blieb es bis zu seinem Ruhestand 1947. Ebenfalls 1946 organisierte er die Künstlervereinigung Dachau neu und war bis 1947 deren erster Vorsitzender. Außerdem war er an der Neugründung des Vereins für Original-Radierung und der „Vereinigung der Freunde der Staatlichen Graphischen Sammlung München“ beteiligt. Schinnerer war Mitglied im Deutschen Künstlerbund.

1963 ehrte ihn eine Gedächtnisausstellung der Münchener Neuen Gruppe im Haus der Kunst. Gezeigt wurden fünf Zeichnungen und eine Radierung. Schinnerer selbst starb bereits am 30. Januar 1949 in Ottershausen.

Familie zwischen Karlsruhe, München und Ottershausen

1904 heiratete Schinnerer Emma, eine Frau aus Karlsruhe. Zwischen 1907 und 1913 wurden vier Kinder geboren. Seit den 1930er-Jahren lebte Schinnerer häufig von seiner Familie getrennt.

1934 lernte er auf einem Akademiefest die damals 20-jährige Anna Winziger (1915–2010) kennen. Nach Emmas Tod 1937 heiratete er Anna bald darauf. 1941 und 1942 wurden ihre beiden Kinder geboren: der Kameramann Albrecht Schinnerer (1941–2011) und Regine Schinnerer.

Die Führung im Stadtmuseum Erlangen bietet damit mehr als einen Rundgang durch eine große Werkauswahl. Sie führt auch zurück zu Schinnerers Erlanger Jahren, nach Tennenlohe und in eine Zeit, in der Landschaften, Platten, Farben und politische Umbrüche eng nebeneinanderlagen. Anmelden können sich Interessierte unter (09131) 862300 oder per E-Mail an stadtmuseum@stadt.erlangen.de.