Phagentherapie und Mikrobiom: REPhRAME erforscht neue Wege gegen wiederkehrende Harnwegsinfektionen
Viren haben einen denkbar schlechten Ruf. Krankheit, Seuche, Ansteckung – bei diesen Worten denkt kaum jemand an etwas Nützliches. Dabei erfüllen Viren vielfältige Aufgaben und können sogar zur Gesundheit beitragen. Genau diese zwei Seiten stehen im Mittelpunkt der Sendung „alpha-thema: Gespräch – Die zwei Gesichter der Viren“.
Mirjam Kottmann spricht darin mit zwei Fachleuten über Risiken und Chancen im Umgang mit Viren. Mit dabei ist Prof. Dr. Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie bei Helmholtz Munich und an der Technischen Universität München. Sie untersucht, wie sich Viren im menschlichen Körper vermehren, um neue Therapien gegen Virusinfektionen zu entwickeln.
Wenn Viren zu Verbündeten werden
Der zweite Gesprächspartner ist Prof. Dr. Stephan P. Rosshart. Er leitet die Mikrobiomische Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen der FAU Erlangen-Nürnberg. Seine Erwartung: Die Erforschung des Mikrobioms könnte künftig neue Behandlungsmöglichkeiten für ein breites Spektrum von Krankheiten eröffnen – auch mithilfe von Viren.
Ein Beispiel dafür kommt aus der Phagentherapie. Phagen sind Viren, die ausschließlich bestimmte Bakterien befallen und abtöten. Gerade angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen rückt dieser Ansatz stärker in den Blick. Antibiotika können die Entstehung weiterer Resistenzen begünstigen und zugleich das Darmmikrobiom beeinträchtigen.
15 Millionen Euro für ein europäisches Projekt
Am 25. Juni 2026 wurde bekannt, dass die Universitätsmedizin Frankfurt das EU-geförderte Forschungsprojekt REPhRAME zu wiederkehrenden Harnwegsinfektionen koordiniert. REPhRAME steht für „Recurrent Urinary Tract Infection: Efficacy and Safety of Phage Therapy and Microbiota Transfer“. Das Projekt startete im Juni 2026, läuft fünf Jahre und wird mit 15 Millionen Euro aus dem EU-Programm Horizon Europe gefördert.
Weltweit erkranken jedes Jahr mehr als 400 Millionen Menschen an Harnwegsinfektionen. Bei 30 bis 50 Prozent treten die Beschwerden wiederholt auf. REPhRAME untersucht deshalb erstmals in einer randomisierten klinischen Studie eine Kombination aus gezielter Phagentherapie gegen krankheitsauslösende Bakterien und der anschließenden Wiederherstellung des Darmmikrobioms.
Im ersten Behandlungsschritt soll ein CRISPR-gestützter Phagencocktail bestimmte, häufig an Harnwegsinfektionen beteiligte Stämme von Escherichia coli bekämpfen. Im zweiten Schritt ist die Gabe von INTESTIFIX 001 der Cologne Microbiota Bank vorgesehen. Dabei werden Darmbakterien gesunder Spenderinnen und Spender übertragen.
Der Gedanke dahinter ist ziemlich direkt: Die Phagen sollen im Gegensatz zu Antibiotika möglichst gezielt wirken und große Teile der natürlichen Mikrobiota schonen. Ob das in der Praxis tatsächlich gelingt, soll eine multizentrische Studie in mehreren europäischen Ländern zeigen. Verglichen werden drei Ansätze: Phagentherapie allein, Phagentherapie in Kombination mit Antibiotika sowie Phagentherapie mit anschließender Mikrobiom-Wiederherstellung.
Was im Körper passiert
Die Forschenden untersuchen dabei nicht nur Sicherheit und Wirksamkeit. Sie wollen auch klären, wie Phagen im Körper wirken und abgebaut werden, welche Immunreaktionen sie auslösen und wie sich das Mikrobiom während der Behandlung verändert. Außerdem geht es um die Frage, welche Patientinnen und Patienten besonders gut ansprechen, welche gesundheitsökonomischen Auswirkungen entstehen und wie Betroffene Beschwerden, Lebensqualität und Behandlung akzeptieren.
Dafür sind KI-gestützte Vorhersagemodelle und eine systematische Erhebung der Patientenperspektive vorgesehen. Das klingt nach viel Datenarbeit, nach Tabellen, Proben und langen Sitzungen – aber eben auch nach der Chance, Therapien genauer auf einzelne Menschen zuzuschneiden.
Am Konsortium sind 16 Partner aus acht europäischen Ländern beteiligt, darunter Einrichtungen aus Wissenschaft, klinischer Forschung und Industrie. Dazu gehören die Universitätsmedizin Frankfurt, SNIPR Biome, die Fraunhofer-Gesellschaft, das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung, die Medizinische Hochschule Hannover und die Uniklinik Köln. Ebenfalls beteiligt sind Forschungseinrichtungen und Universitäten in Ungarn, Lettland, den Niederlanden, Slowenien, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich.
REPhRAME soll wissenschaftliche und regulatorische Grundlagen für eine breitere klinische Nutzung phagenbasierter Therapien schaffen. Zwischen den großen Fragen der Virologie und dem Alltag an der FAU Erlangen-Nürnberg liegt damit ein ziemlich konkretes Forschungsfeld: Bakterien gezielt treffen, das Mikrobiom nicht unnötig aus dem Takt bringen – und am Ende herausfinden, für wen dieser Weg wirklich taugt.
