FAU eröffnet Ambulanz für das Zusammenspiel von chronischen Schmerzen und Psyche
An der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) gibt es seit heute, dem 5. November 2026, eine neue Anlaufstelle für Menschen, bei denen Körper und Psyche eng miteinander verknüpft sind: Die „Interdisziplinäre Psychotherapie-Ambulanz für somato-psychische Störungen“ hat eröffnet. Zum Start arbeiten dort vier approbierte Psychotherapeutinnen.
Behandelt werden unter anderem chronische Schmerzen, Tinnitus und körperliche Beschwerden, für die sich keine rein organische Ursache feststellen lässt. Die Ambulanz soll Betroffene dabei unterstützen, mit dauerhaften körperlichen Beeinträchtigungen umzugehen und psychische Folgebelastungen zu verringern. Der erste Schritt ist ein Erstgespräch zur individuellen Abklärung. Meist schließt sich eine Gruppentherapie mit sechs bis acht Teilnehmenden an; wenn es nötig ist, kommt auch eine Einzeltherapie infrage.
Endometriose, Schmerzen und die Psyche
Ein Schwerpunkt liegt auf der psychischen Frauengesundheit. Dazu gehören die prämenstruelle dysphorische Störung, Belastungen nach traumatischen Geburten und die psychischen wie körperlichen Folgen einer Endometriose. Gerade diese Erkrankung zeigt, wie schnell sich Beschwerden gegenseitig hochschaukeln können: Vernarbungen, Blutungen und Entzündungen lösen Angst und Stress aus, während Stress das Schmerzempfinden wiederum verstärken kann. Lang anhaltende Schmerzen können zudem die Schmerzempfindlichkeit erhöhen. Besonders gefährdet gelten Menschen mit psychischen Vorerkrankungen.
Eine Studie aus dem Jahr 2011 berichtet bei Endometriose-Betroffenen von 48 Prozent mit milden Depressionssymptomen und 62 Prozent mit milden Angstsymptomen. Bei 16,7 Prozent wurden moderate bis schwere Depressionen festgestellt, bei 31,4 Prozent eine moderate bis schwere Angststörung. Außerdem ist Endometriose mit einem erhöhten Risiko für andere stressbezogene Erkrankungen, ADHS sowie Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit verbunden.
Die Belastung reicht häufig weit in den Alltag hinein. 16 Prozent berichten von Fehlzeiten in der Ausbildung, 51 Prozent von Problemen am Arbeitsplatz; bei 24 Prozent hängen diese Schwierigkeiten mit endometriosebedingten Fehlzeiten zusammen. Die Hälfte nennt Probleme in der Partnerschaft, zehn Prozent trennten sich infolge der Erkrankung von ihrem Partner oder ihrer Partnerin. Stressbelastung und Hormoneinnahme gelten als wichtige Einflussfaktoren.
Hinzu kommt die lange Ungewissheit: Bis zur Diagnose vergehen durchschnittlich 7,5 Jahre. Schlafstörungen, Schwierigkeiten im sozialen Umfeld und in der Partnerschaft können den Druck weiter erhöhen. Ein Umfeld, das chronische Schmerzen nicht versteht, macht die Sache nicht leichter. Gefühlslage und Stress können die Schmerzen sowohl verstärken als auch abschwächen; in einer Psychotherapie lassen sich Strategien lernen, um die Schmerzbelastung zu reduzieren.
Die FAU arbeitet dafür mit der Frauenklinik, dem Schmerzzentrum sowie den Fachbereichen Physio-, Hebammen- und Sportwissenschaften zusammen. Eine psychologische Mitbetreuung und eine ganzheitliche Behandlung körperlicher und psychischer Beschwerden werden gerade bei Endometriose empfohlen. Das Wechselspiel kann den Zustand verschlechtern – oder eben verbessern, wenn beide Seiten berücksichtigt werden.
Hormone, Schlaf und kleine Stellschrauben
Zur Behandlung von Endometriose werden häufig Hormonpräparate eingesetzt. Wirkung und Verträglichkeit sind individuell verschieden und nicht vollständig vorhersehbar. Ziel ist, den monatlichen Aufbau von Endometrioseherden und Gebärmutterschleimhaut zu verhindern. Die Entscheidung sollte mit einer Ärztin oder einem Arzt abgestimmt werden. Eine Linderung kann nach wenigen Wochen eintreten, bei manchen Präparaten lässt sich die Wirksamkeit aber erst nach bis zu sechs Monaten beurteilen.
Häufig verwendet werden Gestagene und GnRH-Analoga. Gestagene können unter anderem Depressionen, Gewichtszunahme, Schlafstörungen und Kopfschmerzen auslösen; Depressionen treten insbesondere bei entsprechender Vorbelastung häufiger auf. GnRH-Analoga können ähnliche Nebenwirkungen verursachen, weil sie den Körper in eine Situation versetzen, die den Wechseljahren ähnelt. Eine enge Zusammenarbeit mit Ärztinnen und gegebenenfalls Psychotherapeutinnen kann helfen, körperliche und psychische Belastungen im Blick zu behalten.
Schlaf ist dabei kein Nebenschauplatz. Einer YouGov-Umfrage im Auftrag von Doctolib zufolge leiden 63 Prozent der Menschen in Deutschland unter Schlafproblemen, Frauen häufiger als Männer. Mehr als ein Viertel der Befragten mit Schlafstörungen nennt Schmerzen als wesentlichen Grund für die nächtlichen Beschwerden.
Die Aktion Gesunder Rücken (AGR) empfiehlt Schmerzpatientinnen und -patienten deshalb eine ergonomische Schlafumgebung: Das Kissen sollte individuell passen und vor dem Kauf ausprobiert werden können – idealerweise mit Umtausch- oder Probeschlafmöglichkeit. Für Nackenstützkissen gelten etwa 40 × 80 Zentimeter als geeignet, die Schultern sollten außerhalb des Kissens liegen. Herausnehmbare Einlagen ermöglichen eine an die Schlafposition angepasste Höhe; auf einer weicheren Matratze ist ein flacheres Kissen sinnvoll. Atmungsaktive Materialien und waschbare Bezüge helfen ebenfalls, wenn die Nacht ohnehin schon unruhig ist.
Auch tagsüber gibt es Stellschrauben: Erholungsphasen, soziale Kontakte, Sport und Bewegung, Kälte- oder Wärmebehandlungen sowie Entspannungstechniken können unterstützen. Bewegung kann Schmerzen lindern und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Yoga, Meditation, progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Tai Chi und kreative Tätigkeiten kommen als Methoden infrage. Entspannung kann Muskelspannung, Verspannungen und Fehlhaltungen reduzieren – und damit auch daraus entstehende Schmerzen. Die persönlichen Ziele, etwa Kinderwunsch, Partnerschaft und Beruf, sollten dabei nicht aus dem Blick geraten.
Eine einfache Übung ist Box-Breathing. Vier Sekunden einatmen, vier Sekunden den Atem halten, vier Sekunden vollständig durch den Mund ausatmen, danach erneut vier Sekunden halten. Das Ganze wird über mehrere Zyklen wiederholt. Kein Zaubertrick, eher ein kleiner Anker, wenn der Kopf zu laut wird.
Wie die Ambulanz arbeitet – und wer sonst helfen kann
Liegt eine psychische Diagnose vor, erfolgt die psychotherapeutische Behandlung im Rahmen der regulären Krankenkassenversorgung. Für Patientinnen und Patienten, die weiter entfernt wohnen, kann im Einzelfall Videotherapie angeboten werden, ergänzt durch regelmäßige Präsenztermine – etwa im Abstand von sechs Wochen.
Eine kassenfinanzierte ambulante Psychotherapie beginnt normalerweise mit einer psychotherapeutischen Sprechstunde. Dabei werden Art und Dauer der Beschwerden eingeschätzt, ebenso die Fragen, ob eine Therapie notwendig ist, ob eine andere Behandlung besser passen könnte, welche Diagnose vorliegt und welche Therapieform geeignet erscheint. Sind bei der Person aus der Sprechstunde keine freien Kapazitäten vorhanden, muss die Behandlung bei jemand anderem weitergehen.
Danach können bis zu vier probatorische Sitzungen folgen, bei Kindern und Jugendlichen bis zu sechs. Sie dienen dem gegenseitigen Kennenlernen und der Einschätzung, ob eine Therapie erfolgversprechend ist; die Krankenkasse übernimmt diese Termine. Anschließend stellt die Therapeutin oder der Therapeut einen Antrag an die Krankenkasse. Erforderlich ist dafür ein Konsiliarbericht der Hausärztin oder des Hausarztes, der körperliche Ursachen für die psychischen Symptome ausschließt.
Von den gesetzlichen Krankenkassen finanzierte Verfahren sind Verhaltenstherapie, analytische Psychotherapie beziehungsweise Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und systemische Psychotherapie. Die Verhaltenstherapie setzt bei aktuellen Verhaltensweisen und Vorstellungen an, analysiert Ängste und auslösende Gedanken und bearbeitet sie mit konkreten Übungen. Psychoanalyse untersucht verdrängte Prägungen und vergangene Muster; klassischerweise spricht die Patientin oder der Patient, während die Therapeutin oder der Therapeut zuhört. Die tiefenpsychologisch fundierte Therapie beschäftigt sich mit nicht bewältigten Konflikten und Traumata, richtet sich aber stärker auf gegenwärtige Probleme. Die systemische Therapie betrachtet die Person im Zusammenhang mit Familie, Partnerschaft, Kindern, Beruf und anderen sozialen Systemen und arbeitet unter anderem mit Ressourcen, Stärken und Perspektivwechseln.
Privat Versicherte müssen die Bedingungen ihres jeweiligen Tarifs beachten, etwa begrenzte Sitzungszahlen, Eigenanteile oder eine vorherige Leistungszusage. Abgerechnet wird auf Grundlage der Gebührenordnung für Ärzte oder Psychotherapeuten.
Therapieplätze lassen sich über Hausärztinnen, Suchportale wie therapie.de, Landespsychotherapeutenkammern, Kassenärztliche Vereinigungen oder die eigene gesetzliche Krankenkasse suchen. Die Kassenärztliche Vereinigung ist unter 116 117 rund um die Uhr erreichbar und soll innerhalb von fünf Wochen einen Ersttermin vermitteln, bei Akutbehandlungen innerhalb von maximal drei Wochen. Weil Therapeutinnen telefonisch oft schwer erreichbar sind, können Nachrichten auf dem An
