Wenn künstliche Intelligenz schreibt, spricht und Entscheidungen vorbereitet, wird eine alte Frage plötzlich wieder ziemlich dringlich: Was unterscheidet den Menschen eigentlich noch von einer Maschine? Peter Sloterdijk nimmt sich dieser Frage an der FAU Erlangen-Nürnberg an.

Der Philosoph spricht am Donnerstag, 8. Oktober, über „Den Berg des Unwahrscheinlichen erklimmen – Anmerkungen zur anthropologischen Differenz“. Sloterdijk gilt als einflussreicher und kontroverser zeitgenössischer Denker. Bekannt ist er durch zahlreiche Publikationen und als langjähriger Gastgeber des ZDF-Formats „Philosophisches Quartett“.

Vortrag an der FAU

Der öffentliche Abendvortrag ist Teil der Tagung „Heilsversprechen und Herrschaftstechnologien: Demokratie und Künstliche Intelligenz im Horizont christlicher Deutungsmuster“. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung per E-Mail an max.tretter@fau.de wird erbeten.

Sloterdijks zuletzt erschienenes Buch heißt „Der Fürst und seine Erben“. Es wurde am 24. März 2026 bei Suhrkamp veröffentlicht, umfasst 180 Seiten und beschäftigt sich mit mächtigen politischen Führungsfiguren – von Machiavelli bis zu zeitgenössischen Autokraten.

Vom Fürsten zu den starken Männern

Das Buch knüpft an Niccolò Machiavellis „Der Fürst“ und dessen zentrale Frage an: Wie behaupten Herrscher ihre Macht? Historische Herrscher wie Alexander und Caesar dienten sich gegenseitig als Vorbilder. Sloterdijk fragt, an welchen Figuren sich heutige starke Männer orientieren könnten – darunter Caligula, Napoleon III. und Mao.

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Im Mittelpunkt steht auch der Wunsch nach charismatischeren Staats- und Regierungschefs in den „postpolitischen Jahren“. Donald Trump erklärte 2019 über sich selbst: „I am the chosen one“. Seit seinem erneuten Amtsantritt wird er im Zusammenhang mit der sogenannten Madman-Theorie beschrieben: Unberechenbarkeit soll die eigene Verhandlungsposition stärken.

Xi Jinping wird als „Überragender Führer“ bezeichnet. Gemeinsam mit Wladimir Putin und Narendra Modi wird er als gegenwärtiger starker Führer genannt. Modi ließ seinem Vorbild die höchste Statue der Welt errichten.

Machiavellis Lehre zufolge muss ein Fürst lernen, nicht gut zu sein, wenn er sich behaupten will. Das Buch stellt fest, dass neue Autokraten diese Lektion übernommen hätten. Sloterdijk tritt dabei nicht als Berater dieser Herrscher auf, sondern analysiert den neuen Typus des Fürsten. Eine zentrale Frage lautet, ob die moderne Welt über die monarchische Lösung hinausgekommen ist, Macht in einzelnen Personen zu verkörpern.

Ein Buch mit politischem Werkzeugkasten

Das Inhaltsverzeichnis führt von einer erneuten Lektüre Machiavellis über „Potere essere non buono: Vom Sündenfall zum Absturz in den Staat“ und „Anthropologische Lektionen für das politische Tier“ zu Kapiteln über charismatische Macht, das Paradox der Souveränität, „Verwilderte Vertikalität“ sowie „Das Große und das Absurde“.

Dazwischen steht die Bemerkung „Die heilige Ordnung des Oberen und Unteren“. Den Abschluss bilden das Nachwort „Telemalignität“ – oder: „Was Machiavelli vielleicht über die Kunst des Nicht-gut-Seins im Zeitalter der Raketenartillerie gesagt hätte“.

Machiavelli für eine nervöse Gegenwart

Angesichts aktueller Krisen hält Sloterdijk Niccolò Machiavelli für eine passende Lektüre. Der französische Philosoph Raymond Aron stellte 1945 fest, dass die Debatte über Machiavelli immer dann wieder aufflamme, wenn Herrscher Europa in Krieg und Unterwerfung stürzten.

Italien war zu Machiavellis Zeit ein „Laboratorium der Moderne“. Um 1500 war die Welt von Kriegen, politischen Erschütterungen und Entdeckungen geprägt. Auf diese Umbrüche reagierte Machiavelli in seinem Hauptwerk „Der Fürst“ mit einer nüchternen Analyse.

Sloterdijk zufolge hilft Machiavelli dabei, auch die heutige Welt klarer zu betrachten. Derzeit fehle es an übergeordneten Perspektiven auf die politische Lage. Eigene und fremde Meinungen wirkten zunehmend wiederholend. Denken in einer von Hilflosigkeit geprägten Grundstimmung verstärke die Niedergeschlagenheit; die zerstörerischen Entwicklungen seien weiter fortgeschritten als die Fähigkeit, sie intellektuell zu erfassen.

Am 2.10.2026 richtet sich der Blick an der FAU Erlangen-Nürnberg damit zugleich auf künstliche Intelligenz, Menschenbilder und die alte, ziemlich unbequeme Frage nach der Macht.