Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) hat den diesjährigen FAU Human Rights Award an die venezolanische Soziologin und Menschenrechtsaktivistin Prof. Ligia Bolívar verliehen. Am Montag, 28. September, nahm sie die Auszeichnung im Nürnberger Marmorsaal von FAU-Präsident Prof. Dr. Joachim Hornegger entgegen.

Geehrt wird Bolívars weltweiter Einsatz für die Menschenrechte – besonders für Migrantinnen, Migranten und Geflüchtete sowie für die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in Venezuela. Die Preisverleihung ist die dritte ihrer Art. In diesem Jahr erhielt der Preis zugleich einen neuen Namen: FAU Rudolf Benario Human Rights Award 2026.

Ein neuer Name, eine alte Verpflichtung

Hornegger erklärte, die Umbenennung verbinde die Erinnerung an den ermordeten FAU-Doktoranden Rudolf Benario mit der Würdigung heutiger Menschenrechtsverteidiger. Benario war ein früher Gegner des NS-Regimes mit Bezug zu Fürth und wandte sich gegen die Komplizenschaft mit der Diktatur.

Geboren wurde Rudolf Benario am 20. September 1908 in Frankfurt am Main. Ab 1927 studierte er Sozial- und Rechtswissenschaften in Erlangen, Würzburg und Berlin und engagierte sich während dieser Zeit in der „Arbeitsgemeinschaft Republikanischer Studenten“. Er war Vorsitzender der Fürther Jungsozialisten und trat 1931 der Kommunistischen Partei Deutschlands bei.

Am 28. Januar 1933, zwei Tage vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, verlieh ihm die Universität Erlangen den Doktorgrad der Staatswissenschaften. Nach dem Reichstagsbrand wurde Benario im Zuge von Massenverhaftungen am 10. März 1933 inhaftiert. Am 11. April brachte man ihn in das Konzentrationslager Dachau. Die SS ermordete ihn dort am folgenden Tag gemeinsam mit drei weiteren Häftlingen. Die NS-Propaganda behauptete, die Männer seien bei einem Fluchtversuch erschossen worden.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Benario zählt zu den ersten dokumentierten Opfern der NS-Mordmaschinerie und zu den ersten Todesopfern aus der Fürther und Erlanger Region. Bei der Verleihung erinnerte Dr. Shmuel Hirschmann, ein Nachfahre Benarios, in einem persönlichen Beitrag an ihn. Das Datum einer eigenen Gedenkfeier für Rudolf Benario und der Ehrung von Ligia Bolívar soll später bekannt gegeben werden.

Bolívars Arbeit unter Druck

Ligia Bolívar gründete das Venezolanische Programm für Bildung und Aktion im Bereich Menschenrechte, kurz PROVEA. Die Organisation gilt als eine der führenden Nichtregierungsorganisationen Südamerikas. Bolívar war maßgeblich am Aufbau der Menschenrechtsbewegung in Venezuela beteiligt und leitete das Menschenrechtszentrum der Universidad Católica Andrés Bello (UCAB) in Caracas. Heute ist sie dort wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Menschenrechte.

Zu ihren früheren Tätigkeiten gehören außerdem die regionale Vertretung von Amnesty International für Lateinamerika und die Karibik sowie für Spanien und Portugal, die Leitung eines Projekts zur Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Justizreforminitiative des Obersten Gerichtshofs von Venezuela und die Beratung verschiedener Organisationen, darunter des Interamerikanischen Instituts für Menschenrechte.

Wegen politischer Verfolgung lebt Bolívar derzeit im Exil in Kolumbien. In den vergangenen Jahren kritisierte sie autoritäre Tendenzen sowohl in der Maduro-Regierung Venezuelas als auch in der Trump-Regierung der USA. Vom 14. September bis zum 12. Dezember 2026 forscht sie als Gastwissenschaftlerin am FAU-Exzellenzcluster „Transforming Human Rights“.

In ihrer Dankesrede sprach Bolívar über die Kriminalisierung von Asyl und Bewegungsfreiheit, die Verlagerung von Grenzkontrollen außerhalb Europas und die politische Instrumentalisierung des Themas in Wahlkämpfen. Staaten müssten die internationalen Verträge einhalten, die sie selbst unterzeichnet haben, forderte sie. Dass sie trotz prekären Bedingungen und persönlichem Risiko weiterarbeitet, war für die Jury ein zentrales Kriterium.

Bei der Auswahl berücksichtigte das Gremium außerdem akademische und aktivistische Beiträge zur Menschenrechtsarbeit, den Druck und die prekären Bedingungen für die Nominierten, Risiken und Bedrohungen, bereits erhaltene Auszeichnungen oder andere Unterstützung sowie die Möglichkeit, auf eine besonders dringliche globale Menschenrechtssituation aufmerksam zu machen.

Venezuela: Flucht als Überlebensstrategie

Der Hintergrund von Bolívars Arbeit ist eine Krise, die Venezuela seit Mitte der 2010er Jahre politisch, wirtschaftlich und humanitär erschüttert. Seit 2017 haben mehr als acht Millionen Menschen das Land verlassen. Viele fliehen, um überhaupt über die Runden zu kommen – Fachleute sprechen von „survival migration“.

Im Dezember 2024 lebten laut R4V rund 7,9 Millionen venezolanische Flüchtlinge und Migrant:innen im Ausland, davon 6,7 Millionen in Lateinamerika und der Karibik. Die größten Aufnahmeländer waren Kolumbien mit 2,8 Millionen Menschen, Peru mit 1,7 Millionen, Brasilien mit 627.000, Chile mit 533.000 und Ecuador mit 445.000. Die meisten leben also nicht irgendwo weit weg, sondern gleich nebenan.

In der Europäischen Union war Venezuela 2024 das zweitwichtigste Herkunftsland von Asylsuchenden. Rund 72.800 Venezolaner:innen stellten erstmals einen Antrag, darunter etwa 65.000 in Spanien, 3.000 in Deutschland und 2.400 in Italien. In Spanien wurden zwischen 2017 und 2024 rund 288.000 Asylanträge venezolanischer Staatsangehöriger registriert. 2024 erhielten allerdings nur drei Prozent von 38.433 Asylentscheidungen einen Schutzstatus.

Spanien ist wegen sprachlicher, kultureller und historischer Verbindungen das wichtigste europäische Zielland. Venezuela ist dort seit 2016 das wichtigste Herkunftsland von Asylsuchenden: 2014 gab es 124 Anträge, 2024 waren es 66.134. Am 1. Januar 2024 lebten 325.254 venezolanische Staatsangehörige in Spanien; für Januar 2025 wurde ihre Zahl auf rund 400.000 geschätzt. 2014 waren es 49.717. Venezuela gehört inzwischen zu den fünf wichtigsten Herkunftsländern der ausländischen Bevölkerung Spaniens.

Die politische Entwicklung erklärt einen Teil dieses Drucks. Nach dem Tod Hugo Chávez’ im März 2013 wurde Nicolás Maduro im April 2013 knapp zum Präsidenten gewählt. Unter Maduro entwickelte sich Venezuela zu einer Autokratie: Rechtsstaatliche Prinzipien wurden weitgehend eingeschränkt, politische Gegner sind Repression und Haft ausgesetzt. Die Präsidentschaftswahlen 2018 und 2024 wurden als weder frei noch fair kritisiert; zahlreiche Staaten erkannten Maduro nicht als rechtmäßigen Präsidenten an. Die USA und die EU verhängten wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen Sanktionen gegen die Regierung und Einzelpersonen.

Die Wirtschaftskrise verschärfte sich nach dem Einbruch der Ölpreise 2014. Dabei wurden Missmanagement und die starke Abhängigkeit von der Erdölindustrie sichtbar. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf sank von 2013 bis 2020 um mehr als 80 Prozent. Ab 2017 setzte eine Hyperinflation ein. 2021 galten 90 Prozent der Bevölkerung als arm, knapp 68 Prozent als extrem arm. 2024 waren mehr als 17 Prozent unterernährt; 2008 waren es 2,8 Prozent.

Wasser- und Stromausfälle sowie Lebensmittelengpässe gehören regelmäßig zum Alltag. Im Gesundheitssystem fehlen Personal, Geräte und Medikamente. Laut WHO sank die Lebenserwartung zwischen 2013 und 2021 um mehr als drei Jahre. 2024 waren nach Angaben der Vereinten Nationen sieben Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Dazu kommen Bandengewalt, Überfälle, Entführungen, Diebstahl und Korruption. Venezuela zählt zu den gefährlichsten Ländern der Welt; Gewalttaten waren 2021 laut WHO die zweithäufigste Todesursache.

Zwischen Schutzstatus und gefährlichen Routen

Im Juni 2024 waren beim UNHCR rund 369.800 Venezolaner:innen als Flüchtlinge anerkannt, weitere 1,3 Millionen hatten einen noch nicht entschiedenen Asylantrag gestellt. Rund 5,8 Millionen galten als „andere Menschen mit Bedarf an internationalem Schutz“. Gemeint sind damit Menschen außerhalb ihres Herkunftslandes, die nicht sicher zurückkehren können, aber nicht unbedingt die Voraussetzungen für einen formellen Flüchtlingsstatus erfüllen.

Auch Menschen, die zuvor nach Venezuela geflohen waren, verließen das Land erneut. 2015 lebten nach UN-Angaben mindestens eine Million Kolumbianer