FU-Studie zeigt wachsenden Druck auf Journalistinnen in der Nahostberichterstattung
Eine Studie der Freien Universität Berlin zeigt, wie eng die Berichterstattung über die Nahostregion inzwischen mit Fragen der Pressefreiheit verbunden ist. Befragt wurden im Mai und Juni 2026 rund 180 Journalistinnen deutscher Medien, die über die Nahostregion und damit verbundene Themen berichten. Von knapp 600 systematisch ausgewählten Medienschaffenden nahmen etwa 30 Prozent anonym an der Online-Befragung teil.
Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sich die Pressefreiheit in diesem Themenfeld seit dem 7. Oktober 2023 verschlechtert habe. Fast drei Viertel nehmen eine gestiegene Bedrohungslage wahr, 71 Prozent berichten von eigenen Bedrohungserfahrungen. Das sind keine abstrakten Sorgen: Für viele gehört der Druck offenbar zum Arbeitsalltag.
Selbstzensur beginnt nicht erst beim fertigen Text
35 Prozent verspüren nach eigenen Angaben bei Nahostthemen ein Bedürfnis nach Selbstzensur, weitere 19 Prozent antworteten mit „teils/teils“. Besonders häufig äußerten diesen Wunsch freie Journalistinnen: 52 Prozent von ihnen berichteten davon. Bei Medienschaffenden mit Migrationsgeschichte waren es 47 Prozent.
Als Gründe nannten die Befragten öffentliche Anfeindungen, mögliche Missverständnisse und vor allem erwartete berufliche Nachteile. Druck entsteht laut Studie sowohl durch Angriffe von außen als auch innerhalb der Redaktionen. Dort beschrieben die Journalistinnen ein konfliktreiches, teils toxisches Diskussionsklima zwischen Kolleginnen mit unterschiedlichen politischen Positionen. Auch Hierarchien können Themenvorschläge oder Formulierungen beeinflussen.
Die Haltungen der Befragten ließen sich dabei nicht eindeutig einem „Für“ oder „Wider“ einer Konfliktpartei zuordnen. 92 Prozent befürworten eine klare Positionierung von Medien bei Menschenrechtsverletzungen. Zustimmung fanden sowohl der Schutz jüdischen Lebens als auch ein Waffenstillstand in Gaza. Ein früherer Bericht von Reporter ohne Grenzen stellte laut dem vorliegenden Bericht zugleich fest, dass Aussagen palästinensischer Quellen und von Menschenrechtsorganisationen stärker hinterfragt worden seien als Aussagen des israelischen Militärs.
Was Redaktionen jetzt ändern könnten
Die Kommunikations- und Konfliktwissenschaftlerinnen der FU Berlin empfehlen, redaktionelle Entscheidungen zu Themen, Quellen und Formulierungen fachlich zu begründen und nachvollziehbar zu machen. Journalistinnen sollten die Möglichkeit erhalten, solche Entscheidungen ohne berufliche Nachteile zu hinterfragen. Externe Interventionen müssten intern dokumentiert werden, damit später erkennbar bleibt, ob und wie sie redaktionelle Entscheidungen beeinflusst haben.
Für freie Journalistinnen und Medienschaffende mit Migrationsgeschichte fordern die Autorinnen vertrauliche Anlaufstellen sowie rechtliche und psychosoziale Unterstützung. Auch anderen betroffenen Medienschaffenden sollten Medienunternehmen bessere Hilfen anbieten. Das klingt nicht nach einer großen Revolution, eher nach sauberem Handwerk und einem sicheren Ort für ein schwieriges Gespräch. Gerade daran scheint es aber zu fehlen.
Die Studie erschien im Oktober 2026 als Arbeitspapier des CeMIL (Center for Media and Information Literacy) der Freien Universität Berlin. Ihre Studienplanung wurde von Reporter ohne Grenzen unterstützt. Die Forschenden betonen, dass die Ergebnisse wegen möglicher Selbstselektion nicht repräsentativ für den deutschen Journalismus insgesamt sind. Aus den subjektiven Einschätzungen lassen sich daher keine repräsentativen Aussagen über alle Journalist*innen ableiten. Die Daten zeigen außerdem nicht, dass bestimmte Beschäftigungsverhältnisse oder andere Merkmale Selbstzensur verursachen. Sie liefern laut den Forschenden jedoch erstmals belastbare Daten zum wahrgenommenen Druck in der Nahostberichterstattung und sollen Ansatzpunkte für weitere Forschung zur inneren Pressefreiheit und zu redaktionellen Entscheidungsprozessen geben.
Ein raues Umfeld – weit über Nahost hinaus
Der Befund steht in einem größeren Zusammenhang. Reporter ohne Grenzen dokumentierte 2025 in Deutschland 55 Angriffe auf Medienschaffende und Redaktionen, nach 89 Angriffen im Jahr 2024. Besonders gefährlich bleiben Demonstrationen und Recherchen in rechtsextremen Milieus. Betroffen sind vor allem Lokaljournalistinnen und -journalisten, also jene, die beim Termin im Ort oft kaum Abstand zwischen Kamera, Notizblock und wütender Menge haben.
Eine Studie der TU Dresden kommt laut Reporter ohne Grenzen zu dem Ergebnis, dass bei rechtsextremen Protesten insbesondere privater oder polizeilicher Begleitschutz die Sicherheit von Medienschaffenden erhöht. Zahlen des Bundeskriminalamts, die nach einer Anfrage der Linksfraktion vorliegen, weisen zudem auf einen starken Anstieg von Gewalttaten gegen Journalistinnen und Journalisten in den vergangenen zwei Jahren hin. Einen großen Teil dieser Taten ordnen die Behörden dem politisch rechten Spektrum zu.
Auch die Berichterstattung über den Gaza-Krieg führte 2025 laut Bericht weiterhin zu einem angespannten Arbeitsklima in Redaktionen. Nahostjournalistinnen und -journalisten berichteten bereits im Vorjahr von einem verengten Meinungskorridor, der insbesondere Kritik an der israelischen Kriegsführung erschwere. Digitale Hetze und Hass machten die Arbeit zusätzlich schwierig. Für manche beginnt der Arbeitstag dann nicht mit Kaffee und Recherche, sondern mit dem Löschen beleidigender Nachrichten.
Hasskampagnen, Plattformen und Überwachung
Die US-Politik unter Donald Trump beeinflusst laut dem Bericht den öffentlichen Diskurs und die Medienlandschaft in Deutschland. Die Delegitimierung traditioneller Medien als Verbreiter von Falschnachrichten sowie rechtspopulistische und rechtsextreme Online-Publizisten aus den USA dienen deutschen Akteuren als Vorbild. Meinungsgetriebene, reichweitenstarke Online-Portale gehen systematisch gegen andere Medien und einzelne Medienschaffende vor. Daraus können Hasskampagnen entstehen; zugleich kann Desinformation die gesellschaftliche Polarisierung weiter verstärken.
Die US-Regierung unterstützt laut Bericht den Widerstand großer Plattformen gegen EU-Regulierungen. Plattformalgorithmen begünstigen weiterhin Desinformation, während integrierte Faktenchecks, etwa bei Meta, eingestellt oder reduziert wurden. In der Medienpolitik sieht Reporter ohne Grenzen kaum Fortschritte bei der Förderung des Journalismus und der Sicherung der Medienvielfalt. Eine im Koalitionsvertrag vorgesehene steuerliche Begünstigung für gemeinnützigen Journalismus wurde bislang nicht umgesetzt.
Weiter diskutiert werden Überwachung, anlasslose Speicherung von Kommunikationsdaten und die Vorratsdatenspeicherung auf EU- und Bundesebene. Eine anlasslose Chatkontrolle wurde auf EU-Ebene vorläufig verhindert. Der Regierungsentwurf zur Umsetzung der EU-Richtlinie gegen strategische Einschüchterungsklagen, kurz SLAPPs, soll allerdings nur grenzüberschreitende Fälle erfassen.
Eine weitere Gefahr sieht der Bericht im Einsatz sogenannter Staatstrojaner durch den Bundesnachrichtendienst. Der BND darf Überwachungssoftware auf Mobilgeräten von Journalistinnen und Journalisten installieren, wenn diese Kontakt zu einer Zielperson haben – auch dann, wenn sie selbst weder Ziel einer Ermittlungsmaßnahme sind noch einer Straftat beschuldigt werden. Der Deutsche Fachjournalisten-Verband unterstützt Reporter ohne Grenzen als Fördermitglied.
Von der FU Berlin, 29.10.2026.
