Gen-Z-Proteste blockieren Hochschulen: Widerstand gegen Kürzungen und Wehrpflicht
Am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin haben Studierende den Außenbereich blockiert. Die FU bestätigte die Aktion. Sie sei Teil einer offenbar bundesweiten Mobilisierung gegen Kürzungen im Bildungsbereich. Der Lehrbetrieb soll digital weiterlaufen; Lehrende wurden aufgefordert, ihre Veranstaltungen online anzubieten. Die Universität erklärte, sie respektiere friedlichen Protest und beobachte die Situation.
Zu der Blockade bekannte sich auf Instagram das Aktionskomitee der Initiative Gen Z. Die Beteiligten verlangen die Rücknahme von Kürzungen an Hochschulen, eine bessere Finanzierung von Universitäten sowie Bildungs- und Sozialeinrichtungen, ein Ende von Militarisierung und Aufrüstung, keine Einführung einer Wehrpflicht und ein Ende der „Komplizenschaft mit Kriegsverbrechen“.
Blockaden in Berlin, Leipzig und Hamburg
Nach Darstellung der Aktivisten flössen zugleich Milliardenbeträge in die Aufrüstung, während Hochschulen finanziell geschwächt würden. Als Beispiele nennen sie den baulichen Zustand der Technischen Universität Berlin und geplante Streichungen bei kritischen Lehrangeboten an der FU. Das Otto-Suhr-Institut sei ausgewählt worden, weil dort insbesondere das Politikstudium betroffen sei; unter anderem sollten Stellen beliebter Mitarbeiter gestrichen werden.
Auch in Leipzig wurde laut mehreren Social-Media-Accounts der Eingang des Universitäts-Hauptcampus blockiert – unter anderem mit Zäunen, Mülltonnen und Fahrradschlössern. In Hamburg war nach Angaben und Bildern aus sozialen Medien die Hochschule HAW Finkenau betroffen. Bereits am Mittwoch versperrten dort rund 50 Personen die Eingänge mit Müllcontainern und Baustellenabsperrungen und warben für die Demonstration am Samstag.
Die größere Kundgebung ist für Samstag, den 31. Oktober 2026, angekündigt. Unter den Mottos „Gen Z regelt“ und „Gen Z steht auf“ sind Jugendproteste in 21 bis 23 deutschen Großstädten geplant. Die Bewegung entstand in sozialen Netzwerken und wird vor allem von Schülerinnen, Schülern und Studierenden organisiert; unterstützt wird sie durch reichweitenstarke Accounts. Ihr Erkennungszeichen: ein Eichhörnchen.
Von Bildung bis Lebenshaltungskosten
Im Positionspapier fordert die Bewegung mehr politische Beteiligung junger Menschen und Generationengerechtigkeit. Dazu kommen höhere Investitionen in Schulen und Infrastruktur, kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte und bessere Bildungschancen unabhängig von der sozialen Herkunft. Gefordert werden außerdem Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten, keine Kürzungen im Sozialbereich und stärkerer Klimaschutz.
Die Ablehnung einer Wiedereinführung der Wehrpflicht und verpflichtender Dienstmodelle gehört ebenfalls zu den zentralen Punkten. Die Berliner Studierenden rufen zur Teilnahme an einem bundesweiten Protest am 31. Oktober auf. Demonstrationen sind unter anderem in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, München, Leipzig, Dresden und Magdeburg sowie in Städten in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg geplant. In Hamburg soll die Demonstration um 14 Uhr am Jungfernstieg beginnen.
Wie groß die Proteste werden, ist schwer abzuschätzen: Die Zahl der Zusagen in sozialen Netzwerken liegt teilweise deutlich über den bei Behörden angemeldeten Teilnehmerzahlen. Vorbild sind Schülerproteste in Frankreich, bei denen es Ende September zu gewalttätigen Ausschreitungen kam.
Regierung setzt auf Deeskalation
Der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille sagte, die Bundesregierung stehe für Generationengerechtigkeit, stabile Sozialsysteme und ein leistungsfähiges Bildungssystem. Bei den für Samstag angekündigten Jugendprotesten erwartet die Bundesregierung derzeit keine zwangsläufigen Ausschreitungen.
Das Bundesinnenministerium erklärte, es gebe keine Erkenntnisse über konkrete Gewaltaufrufe oder geplante gewalttätige Ausschreitungen. Bisherige Mobilisierungsaufrufe betonten überwiegend den friedlichen Charakter der Proteste; ausdrücklich distanzierten sich Beteiligte auch von Gewalt. Die Organisatoren betonen, Gewalt gegen Menschen oder Sachen widerspreche den Grundsätzen der Bewegung.
Gleichzeitig beteiligen sich nach Angaben des Innenministeriums Teile der linksextremistischen Szene und vereinzelt Gruppen aus dem auslandsbezogenen Extremismus an der Mobilisierung. Innenpolitiker von Union und SPD warnen deshalb davor, dass extremistische Gruppen die Bewegung instrumentalisieren könnten. Grünen-Co-Chef Felix Banaszak und weitere politische Stimmen rufen dazu auf, die Anliegen der Jugendlichen ernst zu nehmen.
Die Bundesschülerkonferenz distanzierte sich nach anfänglicher Unterstützung von der Bewegung. Die Landesschüler*innenvertretung NRW unterstützt weiterhin deren Kernforderungen. Die Polizei bereitet sich auf die Demonstrationen vor und setzt laut Einsatzkonzept vor allem auf Kommunikation und Deeskalation.
Wehrdienst als Auslöser für neuen Protest
Der Streit über die Wehrpflicht fällt in eine Zeit, in der das Gesetz über den neuen Wehrdienst im Januar in Kraft getreten ist. Ziel der Regierung ist es, mehr junge Menschen für die Bundeswehr zu gewinnen. In zahlreichen Städten demonstrierten deshalb Tausende Schülerinnen und Schüler gegen eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht und gegen verpflichtende Musterungen.
Die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ sprach von mehr als 45.000 Teilnehmenden in rund 100 Städten. Von der Polizei wurden für einzelne Orte folgende Zahlen genannt: 2.400 Menschen in Berlin-Wedding, 700 in München, 400 in Nürnberg, 200 in Stuttgart und 180 in Frankfurt. In Hamburg waren es mehrere Hundert; zunächst gab es dort keine konkrete Polizeizahl.
Der Sprecher der Initiative, Bela Breitner, erklärte, die Bundesregierung wolle die Wehrpflicht schrittweise einführen. Die Antworten auf die Fragebögen zeigten demnach, dass Jugendliche kein Interesse an der Bundeswehr hätten. Kern des neuen Wehrdienstgesetzes ist die verpflichtende Musterung junger Männer ab dem Jahrgang 2008. Mit den Musterungen sollen Freiwillige für einen Ausbau der Bundeswehr gewonnen werden. Werden die angestrebten Personalzahlen nicht erreicht, kann der Bundestag über die Einführung einer Wehrpflicht entscheiden.
Die Wehrpflicht war 2011 ausgesetzt worden. Bundeswehr und Bundesregierung setzen beim neuen Wehrdienst zunächst auf Freiwilligkeit. Ziel ist, die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten bis 2035 auf 255.000 bis 270.000 zu erhöhen. Die Bundeswehr erreichte in diesem Jahr ihr Personalziel von mindestens 186.000 Soldatinnen und Soldaten. Zum 31. Juli dienten laut Verteidigungsministerium rund 186.700 Männer und Frauen in der Bundeswehr – so viele wie seit 13 Jahren nicht mehr.
