Heinz Stückes Welt auf zwei Rädern: Wie ein Hövelhofer 650.000 Kilometer Geschichte schrieb
Am 17. Oktober 2026 sitzt Ryan Anderson in Hövelhof zwischen Kisten, Dias, handgeschriebenen Tagebüchern und alten Medienberichten. Der 53-Jährige aus Texas schreibt ein Buch über Heinz Stücke, der im Juli im Alter von 86 Jahren gestorben ist. Stücke galt als bekanntester Hövelhofer – und als Fahrrad-Weltenbummler, dessen Spuren über Jahrzehnte durch fast alle Winkel der Erde führten.
Anderson ist Vorsitzender des neu gegründeten Vereins „Heinz Stücke Archiv Hövelhof“. Er sortiert Stückes Nachlass, liest dessen Aufzeichnungen und versucht, ein Leben zu ordnen, das selbst nach Stückes eigenem System ziemlich ausufernd ist. Der vorläufige Arbeitstitel seines Buches lautet „Stücke“. Einige Kapitel sind bereits geschrieben. Einen Fertigstellungstermin nennt Anderson nicht. Er will die Geschichte vollständig und faktisch korrekt erzählen.
Vom FU-Studenten zum Fahrrad-Weltreisenden
Anderson kam als Student nach Deutschland und studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin. Heute besitzt er die deutsche und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Gearbeitet hat er unter anderem in der Politik, im Bundestagsbüro des früheren CDU-Ministers Christian Schwarz-Schilling, außerdem als Firmengründer und Berater.
2014 begann Anderson seine erste große Fahrradreise – Ziel war das Nordkap. Unterwegs hörte er erstmals von Heinz Stücke. Später fuhr er unter anderem durch Indien und den Iran und gehört damit selbst zur Gemeinschaft der Fahrrad-Weltreisenden. Als Anderson aufs Rad stieg, war Stücke nach fast 52 Jahren und rund 650.000 Kilometern bereits nach Hövelhof zurückgekehrt.
Während der Corona-Pandemie hielt sich Anderson in Thailand auf. Dort beschloss er, Kontakt zu Stücke aufzunehmen. Ein Gespräch mit einem Journalisten, der ein unveröffentlichtes Stücke-Porträt für den „National Geographic Adventurer“ verfasst hatte, verstärkte sein Interesse. 2021 rief Anderson Stücke erstmals an. Danach trafen sie sich regelmäßig.
Anderson hörte vor allem zu, während Stücke von seinen Erlebnissen erzählte. Später stellte er ihm seine Buchidee vor. Stücke stimmte zu, wollte aber nicht aktiv mitarbeiten: Anderson dürfe ihn alles fragen. Ein einfacher Gesprächspartner sei Stücke nicht gewesen, sagt Anderson, aber ein sehr erzählfreudiger.
Seit 2013 hatte Stücke in seiner Wohnung neben dem alten Sennebad zehntausende Fotos, Tagebuchseiten und Reiseerinnerungen geordnet. Sein Leben dokumentierte er unterwegs und danach akribisch, fast jeden Kontakt notierte er. Der letzte Tagebucheintrag stammt laut Artikel aus dem Juni 2026.
Mit Dreigangrad, Zelt und Werkzeug
Im November 1962 fuhr der Werkzeugmacher Heinz Stücke aus Hövelhof mit einem Dreigangrad, einem Zelt und Werkzeug los. Ursprünglich wollte er die Olympischen Spiele in Tokio besuchen. Daraus wurde eine jahrzehntelange Weltreise. Regen, Hitze und Schnee, fremde Straßen und schwer beladene Gepäckträger gehörten fortan zu seinem Alltag.
Das Fahrrad wurde mehrfach gestohlen – in Afrika, Asien und Südamerika –, gelangte jedoch meist wieder zu ihm zurück. Stücke schlief in Polizeistationen, unter Brücken, in Schulen und Telefonzellen; einmal sogar auf den Ruinen von Machu Picchu. Er erkrankte an Typhus, überlebte in Afrika einen Schuss ins Bein und geriet in Mosambik in Bienenschwärme. Es gab aber auch die andere Seite: japanische Kinder halfen ihm, eine Bauernfamilie in Bolivien reparierte sein Fahrrad mit Draht.
Eine wichtige persönliche Beziehung verband Stücke mit Zoya aus Minsk. Insgesamt 28-mal besuchte er sie in Belarus. Nachdem Zoya einen anderen Mann geheiratet hatte, setzte Stücke seine Reise fort.
Finanziert wurde das Unterwegssein mit einer Broschüre, Vorträgen und angebotenen Fotos. In Japan erhielt Stücke einmal 20.000 US-Dollar, in Äthiopien gab ihm Kaiser Haile Selassie Geld. Er lebte sparsam und mit geringen Ausgaben.
2014 beendete Stücke seine Reise nach 51 Jahren und kehrte nach Hövelhof zurück. Er hatte 196 Länder besucht und knapp 650.000 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Mehr als 50 Jahre führte er Tagebuch und fotografierte seine Erlebnisse; dabei sammelte er über 100.000 Bilder von Menschen, Märkten, Landschaften und Alltagsszenen.
Ein Leben zwischen Tagebuchseiten
Als Kind las Stücke Karl May. Ursprünglich wollte er Fußballprofi werden, zugleich hatte er ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater. Einen erlernten Beruf besaß er nicht, später sprach er jedoch perfekt Englisch und Spanisch sowie Französisch, Russisch und Japanisch.
Nach Einschätzung Andersons machten die Reisen und die Berichte darüber Stücke bekannt. Darauf sei Stücke stolz gewesen. Enge Freundschaften habe er nur wenige gehabt, dafür zahlreiche Bekanntschaften auf der ganzen Welt. Seine Gefühle hielt er vor allem in seinen Tagebüchern fest. Sein „bester Freund“ sei stets das Tagebuch gewesen.
Viele dieser handgeschriebenen Bände hat Anderson gelesen. Sie dienen ihm für Recherchen und für Gespräche mit Zeitzeugen. Für seine Arbeit fuhr er Stückes Routen durch Japan und Südamerika teilweise selbst nach. Im kommenden Jahr will er Bekannte Stückes in Afrika treffen.
Stückes Heimatort stellte ihm eine kleine Wohnung zur Verfügung, in der sich Kisten mit Tagebüchern, Negativen und Fotos befinden. Der Nachlass umfasst außerdem Dias, Aufzeichnungen und Medienberichte. Sortiert ist er nach Stückes eigenem Ordnungssystem, überwiegend analog – also nicht gerade mit einem Klick durchsuchbar.
Stücke hatte seine Sammlung bereits zu Lebzeiten der Gemeinde Hövelhof vermacht; ein Nachlassverwalter wacht darüber. Anderson darf in Stückes Wohnung wichtige und weniger wichtige Materialien sortieren. Genau dafür wurde der Verein „Heinz Stücke Archiv Hövelhof“ gegründet: Der Nachlass soll inventarisiert, digitalisiert und dauerhaft aufbewahrt werden.
Zum Vorstand gehört neben Anderson auch der Hövelhofer Fotostudiobesitzer Gerd Buschmeier. Langfristig plant Anderson ein Online-Museum. Ein Vereinstreffen mit freiwilligen Helfern und Interessierten ist für Samstag, den 17. Oktober, angekündigt: zunächst in Stückes Wohnung „Am Hallenbad 1“, anschließend im HoT, Sennestraße 36. Gesucht werden besonders Fahrradfans und Menschen mit Interesse an Geografie.
Kontakt zum Verein: Ryan Anderson unter jra@jamesryananderson.com, Gerd Buschmeier unter fotostudio.buschmeier@gmail.com.
Vom Weltumradeln zur nächsten Radreise
Stückes Route klingt heute fast unwirklich: einmal um die Welt, ohne Gepäckwagen, ohne App, ohne schnelle Rückfahrt. Wer dagegen eine Radreise für die nächsten Ferien sucht, findet ganz unterschiedliche Formate – Rundreisen, Streckentouren, Sternfahrten sowie Rad- und Schiffstouren. Die angebotenen Reisedauern reichen bis 5 Tage, über 6–8 Tage bis ab 9 Tage.
Auf den kürzeren und längeren Strecken liegen etwa München und die bayerischen Seen, der Innradweg von Innsbruck nach Passau oder von St. Moritz nach Innsbruck, die Bayerischen Highlights, Chiemsee, Salzburg und Tirol sowie der Tauernradweg zwischen Krimml, Salzburg, Schärding und Passau. Auch Bozen, der Gardasee und Venedig, Brügge und Brüssel, das Frankenland, der Main-Radweg und das Fränkische Seenland gehören dazu.
Wer Wasser in der Nähe mag, kann den Starnberger See und Bad Tölz, das Salzkammergut und österreichische Seenland, Triest, Pula und die Alpe-Adria-Radwege wählen. Im Norden stehen Spreewald, Potsdam, Rügen und die Ostseeküste, Lübeck, Stralsund und Nordfriesland auf der Liste. Dazu kommen Münsterland, die Hase-Ems-Region und der Nordsee-Ostsee-Kanal.
Weiter südlich führen Touren durch Südtirol, über den Etsch-Radweg, in die Dolomiten und an den Gardasee. Angeboten werden außerdem der Loire-Radweg und die Loire-Schlösser, der Elbe-Radweg zwischen Prag, Dresden und Magdeburg, der Donauradweg zwischen Wien, Bratislava, Budapest, Passau und Regensburg sowie Elsass, Weinstraße,
