Washington. Ein trockenes Klicken, dann läuft die nächste Prognose über den Bildschirm: Künstliche Intelligenz soll bei den US-Zwischenwahlen im November 2026 zu einem zentralen Wahlkampfthema werden. Nicht nur wegen der Modelle und Chips, sondern wegen der Gebäude, die dafür aus dem Boden wachsen – riesige KI-Rechenzentren mit enormem Strom- und Wasserbedarf.

Donald Trump hält deren Bau weiterhin für einen wichtigen Wachstumsmotor. Für den Wettbewerb mit China bei künstlicher Intelligenz seien die Anlagen notwendig, erklärt der Präsident. Gemeinden sollten sie wegen der erwarteten Arbeitsplätze sowie der Steuer- und Einnahmeeffekte akzeptieren. Viele Menschen vor Ort sehen das deutlich nüchterner. Eine Gallup-Umfrage ergab, dass 71 Prozent ein KI-Rechenzentrum in ihrer lokalen Gemeinde ablehnen, 48 Prozent sogar stark. Nur 27 Prozent unterstützen den Bau.

Der Streit kommt im Wahlkampf an

Der Widerstand beeinflusst die Zwischenwahlen 2026 inzwischen ganz praktisch. Mehrere Bundesstaaten verhängen Baustopps oder verschärfen Genehmigungen. Nach einer von Bloomberg zitierten Untersuchung wurden mindestens 75 Projekte im Wert von rund 130 Milliarden US-Dollar blockiert oder verzögert. In einigen Regionen zogen Behörden Baugenehmigungen zurück, nachdem Lokalpolitiker unter Druck geraten waren.

Für die Technologiebranche ist das heikel. Sie investiert hohe Summen und ist deshalb auf eine KI-freundliche Politik angewiesen. Republikanische Strategen forderten KI-Unternehmen und politische Aktionskomitees, darunter mit Elon Musk verbundene Gruppen, auf, Werbekampagnen zur Verteidigung der Rechenzentren gegen lokalen Widerstand zu finanzieren. Bis zu den Zwischenwahlen dürfte eine mögliche Neuregelung daran wenig ändern: Die Skepsis vieler Wähler sitzt tief.

In Ohio griff der demokratische Senatskandidat Sherrod Brown den republikanischen Senator Jon Husted in Fernsehwerbung wegen dessen Unterstützung für Rechenzentrumsentwickler an. Ein Memo des National Republican Senatorial Committee warnte, der Widerstand könne Husteds Sitz gefährden. Michigan zeigt, wie breit der Konflikt inzwischen reicht: Der republikanische Senatskandidat Mike Rogers fordert ein einjähriges Moratorium für neue Anlagen und ein transparentes Genehmigungsverfahren mit stärkerer Beteiligung der lokalen Gemeinden. Der demokratische Kandidat Abdul El-Sayed verlangt ebenfalls strenge Umweltstandards und Moratorien.

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Auch anderswo wird zugespitzt. In Wisconsin nannte der republikanische Gouverneurskandidat Tom Tiffany seinen demokratischen Gegner „Data Center David Crowley“. In Wyoming gewann der Republikaner Chuck Gray seine Vorwahl zum Repräsentantenhaus, nachdem er versprochen hatte, Rechenzentrumsprojekte zu stoppen und ein bundesweites Verbot anzustreben.

Stromrechnung, Lärm und Wasser

Die Gründe der Anwohner klingen weniger nach Zukunftsvision als nach Haushaltsrechnung: mögliche höhere Stromrechnungen, eine stärkere Belastung des Stromnetzes, Lärm und hoher Wasserverbrauch. Branchenprognosen zufolge könnten Rechenzentren bis 2028 jährlich etwa 39 Milliarden Gallonen Kühlwasser verbrauchen.

In Pittsburg, Kalifornien, sprach sich die 17-jährige Sadie Cisneros vor dem Stadtrat gegen eine geplante Anlage mit rund 300.000 Quadratfuß Fläche aus. Sie verwies auf mögliche Luftqualitäts- und Lärmbelastungen nahe einer Mittelschule. Man kann sich die Szene leicht vorstellen: Sitzungssaal, Mikrofon, gespannte Gesichter – und draußen wahrscheinlich der ganz normale Verkehrslärm, der gegen die Versprechen vom leisen digitalen Fortschritt antritt.

Der Widerstand konzentriert sich unter anderem auf Georgia und Michigan. In Michigan gerieten 17 Projekte ins Stocken; mehr als 50 Gemeinden führten lokale Moratorien ein oder verabschiedeten entsprechende Maßnahmen. In Pennsylvania verlangt Gouverneur Josh Shapiro von Entwicklern unter anderem die Zustimmung lokaler Gemeinden und bestimmte Zahlungen, bevor staatliche Genehmigungen erteilt werden.

Texas setzte Gouverneur Greg Abbott Projektgenehmigungen bis zum Abschluss einer Prüfung aus. Die demokratische Kandidatin Gina Hinojosa hatte den Bundesstaat zuvor als „Wilden Westen“ für Entwickler kritisiert. New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul setzte im Juli staatliche Genehmigungen für Anlagen mit mindestens 50 Megawatt Leistung für bis zu ein Jahr aus. New York hatte im Juli als erster US-Bundesstaat vorübergehend den Bau weiterer sogenannter Hyperscale-Rechenzentren verboten.

Trump setzt auf Wachstum – mit Kostenbremse

Trump lehnt entgegen Forderungen der Technologiebranche eine globale Regulierung von KI ab. Künstliche Intelligenz werde künftig zur „Superintelligenz“, sagt er. Zugleich hatte er gefordert, dass Technologieunternehmen ihre Energiekosten selbst tragen. Freiwillige Zusagen von Unternehmen sollten private Verbraucher vor höheren Strompreisen schützen.

Nun setzt sich Trump für eine Regelung ein, nach der die Technologiekonzerne die zusätzlichen Stromkosten der Rechenzentren übernehmen. Das soll den Ärger über steigende Preise dämpfen. Ob es reicht? Christian Lammert, Professor für die Politik Nordamerikas an der Freien Universität Berlin, sieht den zentralen Konflikt nicht in der grundsätzlichen Frage, ob Innovation gewünscht ist. Entscheidend sei vielmehr, wer von der KI profitiert – und wer für Stromnetze, Umweltfolgen und gesellschaftliche Konflikte bezahlt.

Die Dimensionen werden bei den Energieprognosen sichtbar. Die US-Energiebehörde EIA erwartet einen weiter steigenden Stromverbrauch in den Vereinigten Staaten: 2025 waren es 4.195 Terawattstunden, 2026 werden voraussichtlich 4.268 Terawattstunden erreicht, 2027 sollen es 4.391 Terawattstunden sein. Zu den Hauptursachen zählen Rechenzentren für Künstliche Intelligenz und Kryptowährungen, aber auch die zunehmende Nutzung von Strom zum Heizen und im Verkehr, etwa für Elektroautos.

Hunderte Milliarden Dollar fließen derzeit in den Ausbau von KI-Rechenzentren. Besonders stark wächst die Stromnachfrage in Texas, wo unter anderem Google, Microsoft und Amazon neue Anlagen errichten. Anfang August verhängte der republikanische Gouverneur Greg Abbott einen Baustopp für neue Rechenzentren. Danach senkte die EIA ihre Prognose für Texas: Für 2027 erwartet sie nun ein Nachfragewachstum von 6 Prozent statt zuvor 14 Prozent.

Große Anlagen, begrenzte Netze

Rechenzentren verursachen in den USA insgesamt etwa 4 bis 6 Prozent des Stromverbrauchs. Gas und Kernkraft sind weiterhin die wichtigsten Energiequellen für ihren Strombedarf. Techunternehmen versuchen deshalb zunehmend, ihren Strom selbst zu erzeugen – durch den Bau von Gaskraftwerken oder die Wiederinbetriebnahme stillgelegter Atomkraftwerke. Der Anteil erneuerbarer Energien am US-Strommix könnte laut EIA 2027 auf 27 Prozent steigen.

Auch in Deutschland stößt der Ausbau an Grenzen. In Frankfurt, dem größten deutschen Rechenzentrumsstandort, sind leistungsstarke neue Stromanschlüsse laut Netzbetreiber erst ab Mitte der 2030er-Jahre wieder möglich. Das klingt nach einer Zahl aus ferner Zukunft, ist für Betreiber aber eine ziemlich konkrete Wand.

Umweltschützer kritisieren neben dem hohen Stromverbrauch den Wasserbedarf: Zur Kühlung der Server werden große Mengen Wasser benötigt, während dieses in vielen Regionen knapper wird. Genau an dieser Stelle trifft der amerikanische Wahlkampf auf eine sehr handfeste Frage – wer am Ende den Lärm hört, die Rechnung bezahlt und den Wasserhahn aufdreht, wenn die Serverfarmen längst laufen.

Quelle 1: Handelsblatt
Quelle 2: Pollar News
Quelle 3: tagesschau.de