Heute, am 22.10.2026, ist an der FU Berlin ein Thema präsent, das Stephan Malinowski seit seiner Studienzeit begleitet: der Kolonialismus. Der Historiker sagt, an Universitäten werde inzwischen mehr über Kolonialismus als über den Holocaust geforscht. Das ist eine zugespitzte Beobachtung – und sie steht mitten in einer wissenschaftlichen wie öffentlichen Debatte, die sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat.

Im Interview mit Christina Tilmann geht es genau um diese Verschiebungen: Warum wird koloniale Gewalt heute anders diskutiert als früher? Welche Vergleiche sind historisch tragfähig, wo werden sie politisch benutzt? Der Beitrag ist als Interview gekennzeichnet und wurde am 22. Oktober 2026 veröffentlicht.

Ein Vergleich, der nicht gleichsetzt

Malinowski ist Kurator der Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“, die das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt. Im Mittelpunkt steht der historische Vergleich zwischen kolonialer Gewalt und den Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Ausstellung setzt Gewaltphänomene, die in beiden Fällen auftraten, miteinander in Beziehung und untersucht bei verschiedenen Sachthemen ihre feststellbaren Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Es geht dabei ausdrücklich nicht um eine Gleichsetzung. Die Ausstellung fragt vielmehr, warum diese unterschiedlichen Gewalt- und Herrschaftsformen überhaupt miteinander verglichen werden, wo empirisch nachweisbare Ähnlichkeiten bestehen und wann ein Vergleich vor allem als politisches Argument dient. DHM-Stiftungspräsident Raphael Gross sagt, das Museum wolle die Debatte nicht entscheiden. Besucherinnen und Besucher sollen sich ein eigenes Urteil bilden.

Die Auseinandersetzung beschäftigt Historikerinnen und Historiker seit Jahrzehnten. Sie berührt auch die Frage nach der Singularität des Holocaust. Bis in die 1930er-Jahre reicht der Blick der Ausstellung zurück: Schon damals zogen antikoloniale Intellektuelle Parallelen zwischen europäischer Kolonialherrschaft und dem Nationalsozialismus.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Namibia als historischer Schwerpunkt

Ein Schwerpunkt liegt auf der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia. Zwischen 1904 und 1908 führte die deutsche Kolonialverwaltung einen Vernichtungskrieg gegen Herero und Nama. Zehntausende Menschen wurden getötet, in die Omaheke-Wüste getrieben oder starben in Lagern. Der Genozid gilt als erster Genozid des 20. Jahrhunderts.

Malinowski zufolge gibt es zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen kolonialer und nationalsozialistischer Gewalt. Für die Jahre 1941 und 1942 erklärt er, die Nationalsozialisten hätten bestehende Muster kolonialer Gewalt in den von ihnen beherrschten Teilen Europas nicht nur fortgeführt, sondern radikalisiert und verstärkt. Gleichzeitig weist er auf deutliche Unterschiede zwischen den Gewaltregimen hin – gerade diese Spannung hält den Vergleich offen.

Die Ausstellung blendet mögliche historische Verbindungen deshalb nicht aus, stellt aber empirische historische Befunde in den Mittelpunkt. Keine schnelle Gleichung, kein bequemes Abhaken. Eher ein Raum, in dem man an manchen Stellen länger stehen bleibt, als einem lieb ist.

Fakten gegen ideologische Schärfe

Die Diskussion über koloniale und nationalsozialistische Gewalt sei in den vergangenen 20 Jahren stark ideologisch aufgeladen worden, sagt Malinowski. Die Ausstellung soll dazu beitragen, die Debatte wieder stärker auf überprüfbare Fakten und Tatsachen zu konzentrieren. Seine Hoffnung: Besucher lernen auf Grundlage von Faktenkenntnissen etwas – Kenntnisse, die notwendig seien, um sich sinnvoll an der Diskussion zu beteiligen.

Der Artikel des SWR wurde am 16. Oktober 2026 veröffentlicht und aktualisiert. Das Gespräch für die „Schwäbische Zeitung“ führte Christina Tilmann; dort spricht Malinowski auch über seine langjährige Forschung zum Kolonialismus und über die auffällige Verschiebung universitärer Forschungsinteressen. Ein Stoff, der nicht leise wird, nur weil die Seminarstunde vorbei ist.

Zum Interview bei der SWP · Zum Beitrag des Deutschen Historischen Museums · Zum Artikel des SWR