Heute, am 6. November 2026, schaut die Startup-Szene aus Leipzig auf eine ungewöhnlich dichte Nachrichtenlage: In München wird an einem vollelektrischen Regionalflugzeug gearbeitet, in Berlin fließt viel Geld in Fintech und Einkaufssoftware, während neue Übernahmen quer durch die europäische Softwarebranche für Bewegung sorgen. Und dann ist da noch die große Frage, wie viel Kapital, Geduld und öffentliche Förderung junge Unternehmen tatsächlich brauchen.

Der passende Ort dafür ist die HHL Leipzig. Die Initiative Stage Two von HHL und RWTH Aachen hat erstmals die Bilanz ihrer sechs Wettbewerbsjahrgänge vorgelegt. Knapp 300 Hochschul-Startups sammelten seit 2021 mindestens 300 Mio. Euro ein: über 200 Mio. Euro als Investitionen, rund 90 Mio. Euro als öffentliche Fördermittel. Mehr als drei Viertel der Startups erhielten eine Finanzierung, über zwei Drittel des Kapitals kamen allerdings erst nach der Wettbewerbsteilnahme.

Flugzeuge, CO₂ und kritische Infrastruktur

Für VÆRIDION aus München geht es derweil hoch hinaus. Das Luftfahrt-Startup schloss eine Series-A2-Runde über 30 Mio. Euro ab und wurde zusätzlich für eine EU-Förderung von 94,5 Mio. Euro ausgewählt. Der Fördervertrag steht noch aus. Beteiligt sind SHIFT Invest, Invest-NL, World Fund, Project A, Vsquared Ventures und Alexander Rittweger.

Das Geld soll in den ersten zulassungskonformen Prototyp des vollelektrischen Regionalflugzeugs „Microliner“ fließen. Geplant sind neun Passagiere und bis zu 400 Kilometer Reichweite. Die EU-Mittel sollen außerdem eine industrielle Endmontage am Flughafen Oberpfaffenhofen ermöglichen. Nach Unternehmensangaben gibt es bereits Abnahmeabsichten für mehr als 130 Flugzeuge im Gesamtwert von über 730 Mio. Euro. Eine ziemlich große Hausnummer für ein Flugzeug, das noch nicht im Linienbetrieb unterwegs ist.

Bei der Stage-Two-Veranstaltung am 22. und 23. Oktober in Berlin präsentierten sich über 50 Gründungsteams mehr als 70 europäischen Investoren. In Aussicht gestellte Investmentzusagen überstiegen 5 Mio. Euro. Die Initiative will Hochschulausgründungen mit Kapitalgebern aus Europa vernetzen – ein Ansatz, der angesichts der Zahlen nicht bloß nach Visitenkarten-Sammeln klingt.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Auch Bosch Business Innovations richtet den Blick auf robuste Systeme. Der Corporate Venture Builder erweitert seinen Investmentfokus auf Technologien für widerstandsfähigere kritische Infrastrukturen. Gefördert werden sollen Startups für Energieversorgung, industrielle Produktion und Versorgungssysteme. Auf der Liste stehen unter anderem KI-Energiemanagement, intelligente Stromnetze, Energiespeicher, vorausschauende Instandhaltung sowie Wasser- und Hochwasserschutz.

Gemeinsam mit externen Gründern sollen eigenständige Unternehmen auf Basis von Bosch-Technologien, Patenten und industrieller Kompetenz entstehen. Bis 2030 will Bosch rund 200 Mio. Euro in den Aufbau neuer DeepTech-Startups investieren.

Aus Großbritannien kommt Viridi mit einer Finanzierungsrunde über 2,2 Mio. Pfund. Angeführt wurde sie von Odyssey Ventures, weitere Investoren sind Alphatron Impact Ventures und TOP Ventures. Das DeepTech-Startup entwickelt Katalysatoren, die abgeschiedenes CO₂ als Rohstoff für die chemische Produktion nutzbar machen. Zunächst geht es um Tenside für Reinigungs- und Körperpflegeprodukte. Die Technologie soll fossile und palmölbasierte Rohstoffe teilweise ersetzen und bestehende Produktionsanlagen nutzen können.

Mehr Geld für KI, Zahlungen und Kanzleien

Das Berliner Fintech Pliant nahm in einer überzeichneten Series-C-Runde 80 Mio. US-Dollar auf. Lead-Investoren waren Seaya Nova und Speedinvest, außerdem beteiligten sich Illuminate Financial, Motive Ventures und Molten. Pliant baut eine modulare B2B-Zahlungsplattform für Firmenkarten, Geschäftskonten, Währungsumtausch und Ausgabenmanagement.

Mit dem frischen Kapital will das Unternehmen in die USA und nach Kanada expandieren und KI-Agenten in Zahlungsprozesse integrieren. Über standardisierte Schnittstellen sollen externe KI-Systeme Finanzabläufe automatisieren können. Nach Unternehmensangaben hat sich der Umsatz drei Jahre in Folge verdoppelt; der jährlich wiederkehrende Umsatz lag zuletzt über 100 Mio. US-Dollar.

Beim spanischen Fintech Kabilio stehen Steuerberatung und Buchhaltung im Mittelpunkt. Das Unternehmen schloss eine Finanzierungsrunde über 10 Mio. Euro ab, angeführt von Picus Capital und Visionaries Club. Auch die spanische Innovationsförderagentur CDTI war beteiligt. Kabilios KI-Software automatisiert unter anderem die Rechnungsverarbeitung und den Abgleich von Banktransaktionen.

Die Zahl der betreuten Kanzleien stieg laut Unternehmen innerhalb eines Jahres von 100 auf knapp 500. Als Nächstes sind ein neuer KI-Agent für Buchhaltungsaufgaben und die Weiterentwicklung der Plattform „Kabilio Empresas“ geplant.

Mindmax, ein britisches EdTech-Startup, nahm 3,3 Mio. US-Dollar beziehungsweise 2,5 Mio. Pfund auf. Concept Ventures führte die Runde an, hinzu kamen Redrice Ventures, Daybreak Ventures, Lerer Hippeau und mehrere Business Angels. Mindmax entwickelt eine KI-Lernplattform für personalisierten Einzelunterricht für Erwachsene. Die Software passt Inhalte an Wissensstand, Lernziele und Lernfortschritte an. Mit virtuellen Tutoren können Nutzer kommunizieren und sich Zusammenhänge interaktiv erklären lassen.

Die Zahlen zum deutschen Startup-Ökosystem liefern dazu den größeren Rahmen. Laut EY Startup-Barometer flossen 2025 8,4 Mrd. Euro in deutsche Startups, 19 Prozent mehr als 2024 und das drittstärkste Jahr überhaupt. KfW Research kommt wegen einer engeren Definition auf rund 7,2 Mrd. Euro. Gleichzeitig sank die Zahl der Deals das vierte Jahr in Folge auf 716 Finanzierungsrunden, ein Minus von 5 Prozent.

Neu gegründet wurden 2025 laut startupdetector 3.568 Startups – 29 Prozent mehr als im Vorjahr und ein neuer Rekord. Schon im ersten Halbjahr entstanden 1.500 Startups. Besonders stark legten Bayern mit 46 Prozent, Sachsen mit 56 Prozent und Nordrhein-Westfalen mit 33 Prozent zu. Das ist nicht dasselbe wie die 690.000 Existenzgründungen des KfW Gründungsmonitors, der auch Selbstständigkeit im Nebenerwerb erfasst. startupdetector und EY betrachten vor allem skalierende Technologie- und Innovations-Startups, die typischerweise im Handelsregister eingetragen und für Venture Capital geeignet sind.

Am meisten Kapital floss in Software und KI: 2,7 Mrd. Euro, 20 Prozent mehr als 2024. Energy/Cleantech kam auf 1,2 Mrd. Euro und wuchs damit um 43 Prozent am stärksten. Health/Biotech erreichte 1,1 Mrd. Euro, ein Plus von 12 Prozent. Defense/Dual-Use wurde durch Helsings Finanzierungsrunde zu einem bedeutenden Segment.

Bayern lag beim Investitionsvolumen erstmals vorne und kam auf 3,3 Mrd. Euro. Berlin führte bei der Zahl der Deals mit 218 Finanzierungen. München lag bei den Neugründungen pro Kopf erstmals deutlich vor Berlin. Nordrhein-Westfalen mit 164 und Sachsen mit 43 verzeichneten ebenfalls deutliche Zuwächse.

Bei 45 Prozent der Startups stehen KI-Komponenten im Zentrum des Produkts, 2024 waren es 39 Prozent. 82 Prozent setzen KI operativ ein: 63 Prozent intern und 62 Prozent im Produkt. Von den 2025 gegründeten Startups hatten 27 Prozent einen KI-Bezug, nach 18 Prozent im Jahr 2024.

Der größte Deal des Jahres ging an Helsing aus München: 600 Mio. Euro bei einer Bewertung von 14 Mrd. US-Dollar. Danach folgten Finanzierungsrunden von Green Flexibility und Tubulis. Insgesamt gab es 18 Finanzierungsrunden über mindestens 100 Mio. Euro, sechs mehr als 2024. Deutschland hatte 2025 rund 48 aktive Unicorns. Helsing führt die Bewertungsliste mit 14 Mrd. US-Dollar an, Celonis folgt mit 13 Mrd. US-Dollar und ist damit ein Decacorn. Neu hinzu kamen Black Forest Labs, n8n, Parloa, Quantum Systems, IQM und Isar Aerospace.

Übernahmen mit Berliner Akzent

Conrad Electronic hat das Berliner Einkaufssoftware-Startup Hivebuy übernommen. Für Haufe Group Ventures bedeutet das den Exit aus einem Investment von 2023. Hivebuy wurde 2021 gegründet und digitalisiert betriebliche Einkaufsprozesse – von Bestellanforderungen und Genehmigungen bis zur Rechnungsprüfung. Rund 70 Unternehmen nutzen die Plattform.

Hivebuy bleibt als eigenständiges Unternehmen in Berlin bestehen und wird weiterhin vom Gründerteam geführt.