Elsterhorst: Eine historische Baracke erzählt von Kriegsgefangenschaft und Vertreibung
Am Mittwoch, 11. November 2026, lädt das Schloss & Stadtmuseum Hoyerswerda gemeinsam mit der Volkshochschule um 16 Uhr zu einer öffentlichen Führung in die Ausstellungsbaracke Elsterhorst ein. Die Teilnahme ist kostenlos, Spenden sind willkommen. Wegen erhöhter Sicherheitsvorkehrungen muss die Anmeldung spätestens einen Tag vor der Führung erfolgen.
Rund 90 Minuten dauert der Rundgang. Anmelden können sich Interessierte beim Schloss & Stadtmuseum Hoyerswerda unter 03571 20937500 oder per E-Mail an [email protected]. Die Baracke selbst ist ein historisches Zeugnis: Erhaltene Bausubstanz, Dokumente, Fotografien und persönliche Zeugnisse erzählen am authentischen Ort von der Geschichte des Lagerstandortes und den Lebensbedingungen der Menschen, die dort während und nach dem Zweiten Weltkrieg festgehalten, untergebracht oder weitergeleitet wurden.
Vom Kriegsgefangenenlager zum Umsiedlerlager
Elsterhorst lag bei Nardt nahe Hoyerswerda, im damaligen Regierungsbezirk Liegnitz der Provinz Niederschlesien. „Elsterhorst“ war von 1936 bis 1947 der germanisierte Name des Dorfes Nardt; 1995 ging Nardt in der Gemeinde Elsterheide auf. Das Wehrkreiskommando IV in Dresden schloss ab 1937 Pachtverträge für das Lagergelände, der Bau begann 1938.
Unter der Bezeichnung Stalag IV A war Elsterhorst zunächst ein Kriegsgefangenenlager für Menschen verschiedener Nationen. Im Stalag waren überwiegend polnische und tschechische Kriegsgefangene untergebracht. Zunächst wurden ein Brunnen gebohrt und Zelte errichtet, anschließend bauten tschechische Gefangene und ab 1939 auch polnische Gefangene die Baracken auf. Im September 1939 waren etwa 7000 Soldaten im Lager interniert.
Einige Gefangene arbeiteten auf Bauernhöfen, in der Forstwirtschaft sowie in den Braunkohlegruben Erika, Werminghoff und Heye III. Ab Mai 1940 änderte sich die Funktion des Standorts: Als Oflag IV D diente Elsterhorst vor allem der Internierung französischer Offiziere. Seit Ende Mai 1940 kamen außerdem französische und belgische Kriegsgefangene nach Elsterhorst. Insgesamt waren dort rund 5000 französische Offiziere untergebracht.
Nach einer anfänglichen Hungerperiode verbesserten sich ab September 1940 die Postverbindungen aus dem unbesetzten Frankreich und durch das Rote Kreuz. Dadurch entstand eine große Lagerbibliothek. Theatergruppen und weitere kulturelle Aktivitäten gab es ebenfalls. Unter der Leitung von Professor Lanzet wurde sogar die „französische Universität Hoyerswerda“ gegründet; etwa 60 % der rund 5000 französischen Offiziere waren dort eingeschrieben.
Das Hauptlager lag auf dem heutigen Gelände des Flugplatzes Nardt. Weitere Bereiche befanden sich außerhalb: Das Lazarett lag auf dem heutigen Gelände der Landesfeuerwehrschule Sachsen, die Kommandantur und die Mannschaftsunterkünfte des 2. Landesschützenbataillons an der heutigen B 96 und der Straße nach Neuwiese.
Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen im April 1945 änderte sich die Funktion erneut. Kurzzeitig diente das Lager als sowjetisches Kriegsgefangenenlager FPPL Nr. 30 für deutsche Wehrmachtssoldaten. Mehr als 65.000 deutsche Soldaten wurden dort interniert und überwiegend in sowjetische Kriegsgefangenenlager gebracht. Bis 1947 war Elsterhorst außerdem Sammel- und Quarantänelager für heimkehrende Soldaten sowie Umsiedlerlager für bis zu 120.000 Vertriebene. Von Oktober 1945 bis Anfang 1948 kamen dort heimkehrende deutsche Soldaten und Vertriebene aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern und dem Sudetenland zusammen. Im März 1948 wurde das Lager aufgelöst und von der Kreispolizei übernommen.
Eine Baracke, viele Schicksale
Die Führung in Hoyerswerda behandelt diese historischen Zusammenhänge ebenso wie die individuellen Erfahrungen der Betroffenen. Erhalten sind nur wenige Überreste auf dem Flugplatzgelände und an der B 96. Eine feste Baracke aus dem früheren Lazarettbereich steht noch auf dem Gelände der Landesfeuerwehrschule Sachsen. Dort befindet sich das Ausstellungs- und Dokumentationszentrum „Lager Elsterhorst“ des Stadtmuseums Hoyerswerda; besichtigt werden kann es im Rahmen von Führungen.
Auch die Geschichte der Toten gehört dazu. Französische Kriegsgefangene, die im Lager starben, wurden zunächst neben dem Friedhof Nardt bestattet. Ab 1952 wurden ihre sterblichen Überreste exhumiert und nach Frankreich überführt. Im hinteren Friedhofsbereich bestattete sowjetische Soldaten wurden 1974 exhumiert und zum Ehrenhain an der heutigen Dietrich-Bonhoeffer-Straße in Hoyerswerda umgebettet.
1992 und 1993 errichtete der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nahe der B 96 die Kriegsgräberstätte Nardt. Dort wurden mehr als 1200 im Lager verstorbene deutsche Soldaten und Vertriebene beigesetzt. Die Koordinaten des ehemaligen Lagers lauten 51° 27′ 2,9″ N, 14° 11′ 59,9″ O.
Wer nicht an einer Führung teilnehmen kann, darf die Ausstellungsbaracke werktags während der regulären Öffnungszeiten der Landesfeuerwehrschule Sachsen kostenlos selbstständig besichtigen. Für Gruppen von 10 bis 25 Personen sind nach Vereinbarung individuelle Führungen möglich. Weitere Informationen gibt es auf nardt.de. Die letzte öffentliche Führung des Jahres ist für Mittwoch, 9. Dezember 2026, um 16 Uhr geplant.
Was Archive noch erzählen können
Wie solche Orte erforscht werden, zeigt der im März 2026 aktualisierte Rechercheleitfaden des Bundesarchivs zur Kriegsgefangenschaft im Zweiten Weltkrieg. Grundsätzlich unterscheiden Archive vier Quellengruppen: Sachakten von Kriegsgefangenenorganisationen zu Aufbau, Verwaltung und Betrieb der Lager, personenbezogene Unterlagen wie Kranken- und Personalakten sowie Entlassungspapiere, Selbstzeugnisse ehemaliger Kriegsgefangener – darunter Tagebücher, Fotos und Briefe – und Unterlagen von Hilfsorganisationen, ehemaligen Gefangenenverbänden und Forschungskommissionen.
Welche Stelle zuständig ist, hängt davon ab, ob es um das deutsche oder alliierte Kriegsgefangenenwesen, um deutsche Soldaten in alliierter Gefangenschaft oder um alliierte Soldaten in deutscher Gefangenschaft geht. Sachakten und Selbstzeugnisse zu deutschen Soldaten in alliierter Gefangenschaft liegen teilweise im Bundesarchiv-Militärarchiv. Personenbezogene Unterlagen zur westalliierten Gefangenschaft befinden sich in der Abteilung Deutsches Reich (DR) in Berlin-Tegel, Nachweise zur sowjetischen Gefangenschaft beim DRK-Suchdienst München.
Bei alliierten Soldaten in deutscher Gefangenschaft liegen Sachakten deutscher Kriegsgefangenenstellen im Militärarchiv, personenbezogene Unterlagen überwiegend in den Archiven der jeweiligen Heimatländer. Ergänzende Nachweise können in der Abteilung DR, bei den Arolsen Archives oder beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz vorhanden sein.
Die Überlieferung ist allerdings dünn – sehr dünn. Von den Unterlagen der deutschen Wehrmacht ist vermutlich deutlich weniger als ein Prozent des ursprünglichen Bestands erhalten. Kriegseinwirkungen, Vernichtungen bei Feindgefahr und mögliche Aktenverbrennungen rissen große Lücken. Besonders viele Unterlagen gingen beim britischen Luftangriff auf Potsdam am 14. April 1945 verloren, als das Heeresarchiv zerstört wurde. Weitere Akten könnten beim Transport von Potsdam nach Bad Reichenhall/Berchtesgaden auf Befehl von Generalmajor Walter Scherff verbrannt worden sein. Auch bei Registraturen von Kriegsgefangenenlagern kam es vermutlich zu befohlener Vernichtung. Detaillierte Aussagen zu einzelnen Lagern oder bestimmten Aspekten sind deshalb teilweise nicht mehr möglich.
Für Leitung und Organisation war der Chef des Kriegsgefangenenwesens im Oberkommando der Wehrmacht zuständig. Die Wehrmacht verwendete unterschiedliche Lagertypen: Armee-Kriegsgefangenensammelstellen (AGSST), Auffanglager, Frontstalags und Durchgangslager (Dulags) als erste Stationen nahe der Front; Offizierslager (Oflags) und Mannschaftsstammlager (Stalags) für die dauerhafte Unterbringung von Offizieren beziehungsweise Mannschaftsdienstgraden; Dulag Luft und Stalag Luft der
