Heute, am 7. Oktober 2026, richtet sich der Blick von der HU Berlin weit hinaus – bis tief ins Eis am Südpol. Die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften hat den Astrophysiker Francis Halzen mit dem Physik-Nobelpreis 2026 ausgezeichnet. Gewürdigt werden seine maßgeblichen Beiträge zum Neutrino-Observatorium IceCube und zur Entdeckung hochenergetischer Neutrinos astrophysikalischen Ursprungs.

Halzen, 82, wies diese Teilchen mit IceCube nach, einem mit Sensoren ausgestatteten Eiswürfel von etwa einem Kubikkilometer Größe. Das klingt erstmal nach einem ziemlich großen Gefrierschrank, ist aber ein Detektor tief unter dem Südpol. Kollidiert dort ein Neutrino mit einem Atom, entsteht ein messbarer Lichtblitz – klein, kurz und wissenschaftlich gewaltig.

Geisterteilchen im Eis

Neutrinos sind extrem schwer nachweisbare Elementarteilchen und werden deshalb oft „Geisterteilchen“ genannt. Sie besitzen nahezu keine Masse und keine elektrische Ladung, wechselwirken also kaum mit normaler Materie. Milliarden von ihnen durchqueren pro Sekunde den menschlichen Körper, die Erde und andere Planeten, ohne eine sichtbare Spur zu hinterlassen.

Entstehen können sie unter anderem bei der Kernfusion im Inneren der Sonne, bei Supernovae und in der Umgebung Schwarzer Löcher. Mit IceCube wurde eine Methode etabliert, die daraus eine neue Form der Himmelsbeobachtung macht: die Neutrino-Astronomie. Forschende können das Universum anhand dieser Teilchen untersuchen und besonders energiereiche kosmische Regionen erforschen, die mit herkömmlichem Licht nicht sichtbar sind.

Francis Halzen wurde 1944 im belgischen Tienen geboren und promovierte 1969 an der Katholischen Universität Leuven. Heute forscht er an der University of Wisconsin in Madison. Seine Auszeichnung steht damit zugleich für eine Forschung, die vom belgischen Tienen über die USA bis in das antarktische Eis reicht.

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Mehr als 25 Jahre Forschung aus Berlin

Die Humboldt-Universität zu Berlin beteiligt sich seit mehr als 25 Jahren an der Forschung im Rahmen des IceCube-Experiments. Die experimentelle Astroteilchenphysik-Gruppe der HU arbeitete zunächst am Vorgängerexperiment AMANDA mit. Dort wurden erste Neutrinos am Südpol nachgewiesen.

Später wirkte die Gruppe am Aufbau des deutlich größeren IceCube-Observatoriums mit. Das ermöglichte mehrere Entdeckungen zu hochenergetischen kosmischen Neutrinos. Marek Kowalski leitet die Neutrino-Gruppe bei DESY Zeuthen und ist Professor für Astroteilchenphysik an der HU.

2006 kam Kowalski mit einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Emmy-Noether-Forschungsgruppe an die HU, um am IceCube-Experiment mitzuwirken. Seit 2014 hat er eine gemeinsame Professur an der HU und am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY. Wer in Berlin über Neutrinos spricht, landet also ziemlich schnell bei Südpol, Eis und Zeuthen – eine geografisch etwas wilde, wissenschaftlich aber schlüssige Runde.

Der nächste Detektor steht schon auf der Liste

Die IceCube-Kollaboration bereitet gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern bereits den Nachfolgedetektor IceCube-Gen2 vor. Er soll neue Untersuchungen von Objekten wie Schwarzen Löchern und explodierenden Sternen ermöglichen. Das Projekt wurde auf die deutsche Shortlist für die Förderung großer Forschungsinfrastrukturen gesetzt; Ziel ist, IceCube-Gen2 in den kommenden Jahren zu realisieren.

Die HU-Pressemitteilung dazu wurde am 6. Oktober 2026 veröffentlicht. Gerade einmal einen Tag später ist der Nobelpreis nun der große Rahmen, in dem die Berliner Beteiligung sichtbar wird: nicht als kurzer Gastauftritt, sondern als jahrzehntelange Arbeit an Experimenten, deren Sensoren im Eis auf Lichtblitze warten.

Ein Nobelpreis mit langer Geschichte

Der Physik-Nobelpreis war die erste Kategorie in Alfred Nobels Testament. Nobel wollte diejenigen auszeichnen, die der Menschheit im vergangenen Jahr den größten Nutzen erwiesen haben. Der erste Physik-Nobelpreis ging 1901 an Wilhelm Conrad Röntgen für die Entdeckung der Röntgenstrahlen. Traditionell werden die Nobelpreise am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, überreicht.

Die weiteren Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger 2026 stehen ebenfalls fest: In der Medizin werden Karl Deisseroth, Peter Hegemann und Georg Nagel ausgezeichnet, in der Chemie Henri Kagan und Kenso Soai. Die Nobelpreise für Literatur, Frieden und Wirtschaftswissenschaften werden am 8., 9. beziehungsweise 12. Oktober bekannt gegeben.

Und irgendwo unter dem Eis geht die Arbeit weiter. Kein Applaus, kein roter Teppich, nur Sensoren, Daten und der nächste winzige Lichtblitz.