Eberswalde verbindet KI, Forschung und neue Behandlungspfade gegen Depressionen
Eberswalde setzt bei der Behandlung schwerer Depressionen auf neue Wege: Das Zentrum für Psychische Gesundheit am GLG Martin Gropius Krankenhaus arbeitet mit einem sogenannten Track-Modell und will künstliche Intelligenz künftig für eine frühere Erkennung von Krankheitsverläufen und individuellere Therapien nutzen. Gegründet wurde das Zentrum vor zwei Jahren.
Seit 2026 besteht außerdem eine Partnerschaft mit der MSB Medical School Berlin. Ausbildung, Forschung und Krankenversorgung sollen dadurch enger zusammenrücken. Die Ärztliche Direktorin Univ.-Prof. Dr. med. Uta-Susan Donges sieht den Nutzen von KI vor allem dort, wo sie das medizinische Personal entlasten und diagnostische Abläufe präziser machen kann.
Behandlung nach Pfaden statt nach Stationsgrenzen
Im Zentrum wurden die frühere Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, die Psychosomatik, psychiatrische Tageskliniken und Institutsambulanzen zusammengeführt. Die Behandlung soll dadurch stärker aus einer Hand erfolgen: Ambulante und stationäre Angebote werden miteinander verzahnt, Übergänge zwischen Station, Tagesklinik und Institutsambulanz erleichtert. Patientinnen und Patienten können so häufiger von denselben Behandlern betreut werden.
Das Track-Konzept organisiert die Versorgung entlang fester Behandlungspfade für schwere Depressionen – und nicht primär entlang klassischer Stationsgrenzen. Die Ketten sollen durchgängiger und zielgerichteter werden. Der Name „Zentrum für Psychische Gesundheit“ lenkt den Blick zudem stärker auf Gesundheit, Prävention und gemeindenahe Behandlung.
Zum Angebot gehören psychische und psychosomatische Behandlungen für Menschen vom Kindes- bis zum Seniorenalter. Häufige Felder sind Angststörungen, Depressionen, Psychosen und Abhängigkeitserkrankungen. Bei akuten Krisen ist außerhalb der regulären Sprechzeiten der Institutsambulanzen rund um die Uhr eine stationäre Aufnahme möglich.
In der ausgebauten Psychosomatik, die in die Tageskliniken integriert und um eine psychosomatische Institutsambulanz ergänzt wurde, werden körperliche, psychische und soziale Faktoren gemeinsam betrachtet. Dabei geht es etwa um die Frage, wie chronischer Stress, traumatische Erfahrungen, Trauer oder soziale Probleme körperliche Beschwerden auslösen können – und wie körperliche Erkrankungen wiederum die Psyche beeinflussen.
Was KI im Klinikalltag leisten soll
Ein vorgesehenes Einsatzgebiet ist die klinische Dokumentation. KI-Systeme könnten große Datenmengen auswerten, komplexe Muster erkennen und Hinweise auf Krankheitsverläufe liefern, bevor diese im Alltag eindeutig auffallen. Therapien ließen sich dann stärker an den individuellen Patientenprofilen ausrichten. Für die kommenden Jahre wird eine schnelle Weiterentwicklung von KI in der Medizin erwartet.
Ein Selbstzweck soll die Technik nach Ansicht von Donges aber nicht sein. Sie müsse dem Nutzen der Patientinnen und Patienten dienen. Zugleich sind Fragen offen: Wie transparent sind die Entscheidungen solcher Systeme? Wer trägt die Verantwortung, wenn eine Empfehlung falsch ist? Und wie werden Haftung und Datenschutz geregelt? Gerade bei medizinischen Abläufen sind diese ethischen und rechtlichen Fragen keine Nebensache.
Parallel zur digitalen Entwicklung fließen neurowissenschaftliche und psychologische Forschungsergebnisse in die Versorgung ein. Das Zentrum setzt bei schweren Depressionen auch die repetitive transkranielle Magnetstimulation ein. Dabei werden bestimmte Hirnareale schmerzfrei mit Magnetfeldern stimuliert – ein nicht-invasives Verfahren zur Beeinflussung der Hirnaktivität. Laut Zentrum ist die Rückmeldung der Patientinnen und Patienten durchgehend positiv.
Die leitende Oberärztin Dr. Janine Müller hat kürzlich zu Emotionswahrnehmung und Empathie bei Depressionen promoviert. Ärztinnen und Ärzte arbeiten außerdem an Grundlagenforschungsprojekten, unter anderem mit der Charité. Forschungsergebnisse sollen möglichst direkt in die Behandlung einfließen, statt irgendwo in einem Ordner zu verschwinden.
Ausbildung zwischen Berlin und Barnim
Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen macht auch vor dem Krankenhaus nicht halt. Das GLG Martin Gropius Krankenhaus wirbt deshalb mit Rotationsmöglichkeiten, tariflicher Bezahlung und betrieblicher Gesundheitsförderung. Dazu kommen die Lage im Grünen und die Bahnverbindung nach Berlin, die etwa 30 Minuten dauert.
Als akademisches Lehrkrankenhaus der Charité versucht das Haus, Studierende für eine spätere Tätigkeit zu gewinnen. Für Studierende im Praktischen Jahr gibt es strukturierte Ausbildungsinhalte, eine monatliche Aufwandsentschädigung und Wahlfächer in Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie seit Kurzem in Kinder- und Jugendpsychiatrie.
An der Hochschule für Gesundheitsfachberufe Eberswalde wurde außerdem ein dualer Bachelorstudiengang Pflege etabliert; das Krankenhaus ist Ausbildungsort. Die Partnerschaft mit der MSB Medical School Berlin ergänzt diese Angebote seit 2026. Für ein Zentrum, in dem Behandlung, Lehre und Forschung ohnehin eng ineinandergreifen sollen, ist das mehr als ein organisatorischer Zusatz.
Der Blick aus Eberswalde reicht damit vom Stationsalltag bis in die Grundlagenforschung: feste Behandlungspfade, psychiatrische und psychosomatische Angebote, Magnetstimulation, KI und akademische Ausbildung stehen nebeneinander. Noch ist vieles im Aufbau, manches wird sich im klinischen Alltag erst bewähren müssen. Aber genau dort – zwischen Dokumentationsaufwand, schwierigen Verläufen und kleinen Fortschritten bei Patientinnen und Patienten – entscheidet sich, ob aus technischen Möglichkeiten tatsächlich bessere Versorgung wird.
