Bürgerinitiativen vernetzen sich im Streit um den Windpark am Weißen Stein
In Brackenheim trafen sich rund 170 Menschen, die sich in Bürgerinitiativen mit dem Ausbau der Windkraft beschäftigen. Mitorganisator Ingolf Weber begrüßte die Gäste, darunter Vertreterinnen und Vertreter von 32 Bürgerinitiativen. Die meisten kamen aus Baden-Württemberg, einige reisten aus anderen Bundesländern an – sogar aus Schleswig-Holstein.
Bürgermeister Thomas Csaszar sprach ein Grußwort. Danach wechselten sich Vorträge, Gespräche und eine Ausstellung ab. Auf einer benachbarten Wiese stand ein großer Gitteraufbau: Er zeigte die Dimension des Fundaments einer Enercon-E-175-Windkraftanlage, wie sie auch am Weißen Stein geplant ist. Der Uhu des Falkners Benedict Stirblies aus Tripsdrill blieb dabei vermutlich gelassener als mancher Gast.
Positionen zwischen Wald, Wind und Wasserhaushalt
Prof. Dr. Andreas Schulte von der Universität Münster war per Videobotschaft zugeschaltet. Er erklärte, die Ziele der Energiewende seien verfehlt worden, und sprach von bereits „versenkten“ 1.000 Milliarden Euro. Josef Erhard, der 47 Jahre als Förster in Bayern tätig war, nannte den Windkraftausbau eine „Zerstörungswelle“.
Erhard forderte die Bürger zum Engagement auf. In Deutschland seien 0,65 % der Fläche als Nationalpark ausgewiesen, während 2 % als Windkraftvorranggebiete ausgewiesen seien, sagte er. Die Wildpflanzen-Expertin Sibylle Arpogaus sprach über die Bedeutung von Wäldern für die Gesundheit.
Der Ingenieur Manfred Brugger referierte über den sogenannten „Windwahn“. Windkraftanlagen entzögen dem Wind kinetische Energie und bremsten dadurch die Luftströmung, erklärte er. Brugger stellte Fragen zu möglichen Auswirkungen auf Klima und Wasserhaushalt sowie dazu, warum der Temperaturanstieg in Deutschland stärker ausfallen könnte als im globalen Durchschnitt.
Dr. Michael Andrick, Kolumnist der „Berliner Zeitung“ und Autor eines Spiegel-Bestsellers, nahm die heutige Diskussionskultur in den Blick. Es ging um das Widersprechen gängigen Narrativen. Der Ingenieur Klaus Kerner informierte außerdem über Risiken der Bürgerbeteiligung an Windparks.
Der Weiße Stein als konkreter Streitpunkt
Der Hintergrund ist nicht nur allgemein, sondern sehr lokal. Von Dezember 2024 bis März 2025 führten Dossenheim und Schriesheim ein gemeinsames Interessensbekundungsverfahren zur Entwicklung eines Windparks am Weißen Stein durch. Dafür entstand eine interkommunale Dialoggruppe aus Verwaltungsmitarbeitenden und Gemeinderatsmitgliedern. Sie prüfte verschiedene Projektangebote und Auswahlkriterien für mögliche Projektierer, führte Fachgespräche und besichtigte den Wald mit Expertinnen und Experten.
Die Dialoggruppe empfahl PIONEXT als potenziellen Projektierer. Am 21. und 23. Oktober 2025 fanden in Dossenheim und Schriesheim Bürgerinformationsveranstaltungen zum Bürgerentscheid statt.
Die Verbandsversammlung des Verbands Region Rhein-Neckar beschloss, das Windenergiegebiet nach Abwägung der eingegangenen Stellungnahmen weiterzuverfolgen. Die westliche Teilfläche blieb im Planentwurf erhalten. Der nordwestliche Bereich am Hartenbühl wurde aus der Planung genommen, um den erforderlichen Abstand zum Vogelschutzgebiet einzuhalten. Nach der Prüfung der luftfahrtbezogenen Belange blieb die westliche Teilfläche ebenfalls im Planentwurf.
Laut Umweltbericht gab es zu diesem Zeitpunkt keine belastbaren Anzeichen, die grundsätzlich gegen eine Genehmigungsfähigkeit der Windenergieanlagen sprachen. Als Quelle nennt PIONEXT den Verband Region Rhein-Neckar, Einheitlicher Regionalplan Rhein-Neckar – Fortschreibung des Teilregionalplans Windenergie, Umweltbericht, Entwurf zur zweiten Offenlage und zweiten Anhörung, Stand Dezember 2025, S. 107.
Im Erfassungszeitraum 2026/27 sollen umfangreiche faunistische Untersuchungen stattfinden. Bei Vögeln werden Brutvorkommen, Fortpflanzungsstätten und Reviere erfasst. Bei Fledermäusen geht es um Quartiere, Jagdhabitate sowie Balz- und Schwärmkontrollen. Außerdem werden weitere Arten nach Anhang IV der FFH-Richtlinie untersucht: Haselmaus, Wildkatze, Amphibien und Reptilien.
Ein Teil der Arbeit läuft bereits. Haselmäuse werden mit sogenannten Nesttubes kontrolliert, außerdem gibt es Untersuchungen zu Brutvögeln und Fortpflanzungsstätten windkraftempfindlicher Vogelarten. Für Fledermäuse finden Netzfänge sowie Schwärm- und Balzkontrollen statt.
Vernetzung über Brackenheim hinaus
Nach der Veranstaltung wurde das Aktionsbündnis Windkraft-Vernetzung Baden-Württemberg gegründet. Der Verein „Gegenwind Bergstraße“ gehört zu den neun Gründungsmitgliedern. Das nächste Monatstreffen findet am Donnerstag, 8. Oktober 2026, um 19:30 Uhr im Neuen Ludwigstal statt. Gäste sind willkommen.
Kontakt: karin.reinhard12@gmail.com und gegenwind-bergstrasse.de. Spendenkonto: DE96 6709 2300 0033 3033 27.
Wie weit der Streit über Windkraft inzwischen reicht, zeigt auch ein aktuelles WDR-5-Feature. „Kulturkampf im deutschen Wald“ wurde am 20. September 2026 veröffentlicht, dauert 53:29 Minuten und bleibt bis zum 22. September 2031 verfügbar. Martin Zähringer und Jane Tversted haben die Recherche verfasst; produziert wurde das Feature 2026 vom WDR.
Die Reise führt nach Bad Münstereifel, Güstrow, Mettmann und Thüringen. Im Mittelpunkt stehen Bürgerinitiativen, die gegen Windkraftanlagen kämpfen. Genannt werden Sorgen um Landschaft, Heimat, Artenschutz und politische Mitsprache. Gleichzeitig fragt das Feature, wo legitimer Protest in Desinformation, Klimawandelleugnung oder rechte Einflussnahme übergeht.
Auch die Strategie der AfD, sich als politischer Arm der Anti-Windkraft-Bewegung anzubieten, wird thematisiert – ebenso völkische Naturbilder, Angriffe auf die Energiewende, Naturschutz, Populismus und wirtschaftliche Interessen. Die Recherche kreist um eine schwierige Frage: Wie lassen sich demokratische Konflikte über Klimaschutz austragen, ohne dass der Streit im Wald völlig aus dem Ruder läuft?
