Gesundes Essen, Bewegung, ein bisschen Ruhe im Kopf: Klingt machbar, ist im Alltag aber oft erstaunlich schwer. Zwischen Beruf, Care-Arbeit und Freizeit fehlt vielen Menschen schlicht die Zeit. Gesunde Lebensmittel sind nicht überall leicht zu bekommen und teilweise teurer, Sportangebote fehlen mancherorts oder sind nicht bezahlbar. Die Folgen reichen von zunehmendem Übergewicht über Diabetes bis zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Am Wissen liegt es laut dem Artikel der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen nicht grundsätzlich. Schwieriger sind die Bedingungen: begrenzte Verfügbarkeit gesunder Angebote, ungleiche Zugänge zu Sport- und Bewegungsmöglichkeiten und teilweise irreführende Informationen im Internet. In Med Berlin, am heutigen 30.10.2026, lohnt deshalb der Blick auf eine Frage, die beim Einkauf beginnt, aber längst in Schulen, Betrieben, Kommunen und digitalen Räumen angekommen ist: Wie werden gesunde Entscheidungen tatsächlich leichter?

Politik soll den Alltag mitgestalten

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen veranstaltet einen Kongress zu Ernährung, Sport, Gesundheit und Digitales. Ziel ist, strukturelle Hindernisse für einen gesunden Alltag sichtbar zu machen und politische Maßnahmen zu entwickeln, die diese Hürden verringern. In Foren erarbeiten Expertinnen, Experten sowie Praktikerinnen und Praktiker konkrete, politisch umsetzbare Vorschläge.

Im Mittelpunkt stehen Lebenswelten wie Schule, Arbeitsplatz und digitaler Raum. Dort soll Prävention nicht bloß als zusätzliche Aufgabe auf dem ohnehin vollen Zettel stehen. Gesunde Entscheidungen sollen einfacher werden, ohne dass die Verantwortung hauptsächlich beim einzelnen Menschen landet. Der Kongress will Alternativen zur bisherigen Politik aufzeigen und die Bedeutung politischer Unterstützung für Prävention im Alltag hervorheben. Das Bühnenprogramm wird von 14:00 bis 15:10 Uhr per Livestream übertragen.

Veranstalter ist das FB 2-Koordinationsbüro (Ökologie) der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Kontakt: Platz der Republik 1, 11011 Berlin, Telefon 030/227 59406, E-Mail fachbereich2@gruene-bundestag.de.

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Wie ungleich die Ausgangslage ist, zeigt der Blick auf Ernährungsarmut. Rund 13,3 Millionen Menschen in Deutschland gelten als einkommensarm. Steigende Lebenshaltungskosten und soziale Ungleichheiten verschärfen die Lage. Ernährungsarmut bedeutet dabei nicht nur, zu wenig Nahrung zu haben. Sie kann gesundheitliche Risiken, Leistungsprobleme, eingeschränkte soziale Teilhabe und gesellschaftliche Ausgrenzung nach sich ziehen.

Ein Dinner über Stromrechnung und Einkaufskorb

Beim 4. Parlamentarischen DGE-Dinner im Juni 2026 ging es um die Frage, wie Politik faire Ernährungsumgebungen schaffen und Ernährungsarmut wirksam bekämpfen kann. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von der DGE und ihren Sektionen in Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Thüringen. Moderiert wurde sie von Prof. Dr. Jörg Meier von der Hochschule Neubrandenburg. Auf dem Programm standen Fachvorträge und Berichte über praktische Erfahrungen der DGE und ihrer Sektionen.

DGE-Präsidentin Prof. Dr. Britta Renner sprach über „Stromrechnung oder Einkaufskorb? Wie kann eine integrierte Ernährungspolitik Ernährungsarmut reduzieren?“. Sie erläuterte Ursachen und Folgen der Ernährungsarmut und warb für faire Ernährungsumgebungen, in denen gesunde Entscheidungen und soziale Teilhabe leichter fallen. Die Verantwortung soll nicht hauptsächlich beim Individuum liegen.

Dr. Kiran Virmani, Geschäftsführerin der DGE, stellte den Vortrag „Gesund und bezahlbar“ vor. Dabei ging es um den DGE-VerpflegungsCheck. Einrichtungen und Betriebe können damit die gesundheitliche und nachhaltige Qualität ihrer Gemeinschaftsverpflegung überprüfen. Das Instrument dient der Qualitätsentwicklung, kann politisch gesteuert werden und Ernährungsarmut dadurch indirekt vermindern.

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) bewertet Ernährungsarmut als Ausdruck struktureller Ungleichheit, nicht als individuelles Versagen. Gefordert wird eine integrierte, sozial gerechte Ernährungspolitik: mit Maßnahmen zur Einkommenssicherung, besseren Ernährungsumgebungen und verlässlichen politischen Rahmenbedingungen.

Schon beim dritten digitalen Parlamentarischen DGE-Dinner im Juni 2025 war der Ton ähnlich deutlich. Der Titel lautete: „Gesund aufwachsen? Gesund alt werden? Ernährungsarmut verhindert beides!“ Mehr als 100 Personen aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft diskutierten Ursachen und Lösungsansätze. Im Mittelpunkt standen die Auswirkungen steigender Lebenshaltungskosten und sozialer Ungleichheit auf Ernährung, Gesundheit, soziale Teilhabe und Würde. Wieder waren die DGE und dieselben sechs Sektionen beteiligt, wieder moderierte Prof. Dr. Jörg Meier.

Dr. Anja Simmet von der Universität Hohenheim stellte die MEGA_kids-Studie zur Ernährungssituation von Familien mit Kindern unter Armutsbedingungen vor. Nach der Definition des WBAE liegt materielle Ernährungsarmut vor, wenn Menschen wegen fehlender finanzieller Mittel keine gesundheitsfördernde Ernährung sicherstellen können. Dr. Eva Hummel und Lena Fehrenbach vom Max Rubner-Institut präsentierten außerdem das ELSiA-Projekt zur Ernährungs- und Lebenssituation armutsbedrohter Seniorinnen und Senioren. Ziel sind ein umfassendes Verständnis ihrer Lebenslage und ein Aktionsplan mit wirksamen Maßnahmen – mit Schwerpunkt auf der Veränderung der Lebensbedingungen.

Forschung, die nicht im Aktenschrank bleiben soll

Die DGE arbeitet an offenen Forschungsfragen und Bedarfen im Bereich Ernährungsarmut. Grundlagen sind unter anderem das DGE-Positionspapier „Perspektiven der Ernährungsforschung 2022“ und die Forschungsförderung im Rahmen der DGE-Ernährungsberichte aus Mitteln des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH).

Im 15. DGE-Ernährungsbericht wurde die MEGA_kids-Studie veröffentlicht. Sie untersucht die Ernährungs- und Gesundheitssituation armutsgefährdeter Familien mit minderjährigen Kindern und lief von Juli 2021 bis Juni 2024. Im 16. DGE-Ernährungsbericht, der 2028 erscheinen soll, wird die SEED-Studie veröffentlicht. Sie untersucht materielle und soziale Ernährungsarmut in der Gesamtbevölkerung, ihre Ursachen, Einflussfaktoren und Auswirkungen sowie politische Handlungsmöglichkeiten. Die Laufzeit reicht von Juni 2025 bis April 2028.

Was Forschung praktisch bedeuten kann, zeigen die Projekte der DGE-Sektionen und Vernetzungsstellen im Jahr 2026. In Schleswig-Holstein richtet sich die Prävention von Sarkopenie auf die Seniorenernährung, vor allem auf die Vorbeugung des altersbedingten Verlusts von Muskelmasse und Muskelkraft. Fehl- oder Mangelernährung kann Sarkopenie verstärken, besonders gefährdet sind ältere Menschen in finanzieller Notlage.

Die möglichen Folgen sind unerquicklich und sehr konkret: weniger Mobilität und Selbstständigkeit, soziale Isolation, ein höheres Sturz- und Knochenbruchrisiko, steigende Pflegebedürftigkeit, größere Belastungen für Angehörige und höhere Kosten im Gesundheitssystem. Frühzeitige Prävention kann Pflegebedarfe verzögern und Pflegegrade stabilisieren. In zwei Modellkommunen sollen Strukturen gegen armutsbedingte Fehl- und Mangelernährung aufgebaut werden, verbunden mit Gesundheit, Pflege, sozialer Teilhabe und nachhaltiger Ernährung.

Auch das EU-Schulprogramm Obst, Gemüse und Milch in Schleswig-Holstein setzt früh an. Die DGE-Sektion unterstützt Grund- und Förderschulen. Das Programm wuchs von ursprünglich 50 auf inzwischen mehr als 300 Schulen. Kinder erhalten unabhängig vom Einkommen ihrer Familien Zugang zu gesunden Lebensmitteln; Kinder aus verschiedenen sozialen Gruppen können ohne Stigmatisierung teilnehmen.

Im IN-FORM-Projekt „Velokis“ geht es um eine akzeptierte, ausgewogene und bezahlbare Schulverpflegung. Kinder und Jugendliche nehmen eher am Schulmittagessen teil, wenn es schmeckt und gut in den Schulalltag integriert ist. Armutsbetroffene Kinder, Jugendliche und Familien werden besonders berücksichtigt. Personen mit Betreuungs- oder Verpflegungsaufgaben werden zu Verpflegungslotsinnen und -lotsen qualifiziert.

In Thüringen richtet sich das IN-FORM-Projekt „Gesundheit auf dem Teller: Nudging-Ansätze in Kitas“ an alle Akteurinnen und Akteure der Kitaverpflegung. Kleine Veränderungen im Kita-Alltag sollen gesundheitsfördernde, sozial gerechte und nachhaltige Entscheidungen unterstützen. Die Wahlfreiheit der Kinder soll erhalten bleiben.

Ein weiteres IN-FORM-Projekt in Mecklenburg-Vorpommern arbeitet an digitaler Schulverpflegung. Gesunde und nachhaltige Mahlzeiten sollen zu Chancengerechtigkeit, Wohlbefinden und Lernerfolg beitragen.