Wer nachts am Himmel über Berlin Fledermäuse beobachtet, sieht oft nur kurze, schwarze Schatten. Trotzdem hängt an diesen Tieren erstaunlich viel: Sie jagen Insekten, bestäuben Pflanzen und verbreiten Samen. Ein neuer Übersichtsartikel in Nature Reviews Biodiversity zeigt nun, dass selbst der Nachweis einer Fledermausart nicht bedeutet, dass sie ihre ökologische Funktion noch vollständig erfüllt.

Forschende des Museums für Naturkunde Berlin, der Universität Neapel Federico II und der Humboldt-Universität zu Berlin plädieren deshalb für einen weiter gefassten Fledermausschutz. Nicht nur Arten sollen erhalten bleiben, sondern auch das, was sie in ihren Ökosystemen leisten. Die Arbeit von Danilo Russo und Mirjam Knörnschild erschien 2026 unter dem Titel „Preserving bat-mediated ecosystem functions“ (DOI: 10.1038/s44358-026-00217-2). Unterstützt wurde sie durch einen Humboldt-Forschungspreis für Danilo Russo und eine Förderung der Leibniz-Gemeinschaft für Mirjam Knörnschild.

Wenn eine Art noch da ist, aber ihre Aufgabe verliert

Insektenfressende Fledermäuse regulieren Bestände, darunter land- und forstwirtschaftliche Schädlinge. Der Artikel aus dem Jahr 2025 nennt als Größenordnung: Bis zu 1.000 Insekten können Fledermäuse pro Nacht beziehungsweise bis zu 1.000 Insekten pro Stunde fangen. Sie orientieren sich dabei mit Echolokation. Nektarfressende Arten bestäuben in Tropen und Subtropen Pflanzen, fruchtfressende Tiere verbreiten Samen und helfen so beim Pflanzenwachstum und bei der Waldregeneration.

Ohne diesen nächtlichen Jagddruck könnten sich bestimmte Insekten unkontrolliert vermehren. Das kann Nahrungsnetze, Landwirtschaft und menschliche Gesundheit beeinträchtigen. Übermäßige Insektenbestände werden zudem mit Bodenversauerung und negativen Folgen für Pflanzen und Ökosysteme in Verbindung gebracht. Wissenschaftliche Studien zeigen laut dem Artikel, dass Fledermäuse sogar das Überleben bestimmter Pflanzenarten beeinflussen. Als Bestäuber und Samenverbreiter tragen sie zur Fruchtbildung und zur Biodiversität bei; invasive Arten können sie durch ihre Insektenregulierung daran hindern, zu dominieren.

Fledermäuse gehören zur Ordnung Chiroptera und sind die einzigen aktiv flugfähigen Säugetiere. Weltweit sind mehr als 1.400 Arten bekannt. Große und kleine Faltennasen gehören zu den genannten Gruppen. Viele Arten sind nachtaktiv und ernähren sich von Insekten, Früchten oder Nektar. In Kolonien finden sie nicht nur Partner und Schutz, sondern auch soziale Strukturen und Informationsaustausch. Ihre Anpassung an Wälder, Höhlen, Stadtgebiete und Feuchtgebiete stabilisiert die jeweiligen Ökosysteme.

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Das Problem beginnt oft, bevor eine Art aus einer Region verschwindet. Bestände können zu klein werden, Beziehungen zu Pflanzen oder Beutetieren sich verändern. Künstliche Beleuchtung stört die Tiere, zerschneidet Lebensräume und unterbricht Flugwege. Auch das Nahrungsangebot verschiebt sich, etwa wenn Insekten, Blüten oder Früchte jahreszeitlich anders verfügbar sind. Hitze, Dürre und Krankheiten kommen hinzu. Mehrere Belastungen summieren sich mitunter; Verhalten und Fortpflanzung leiden dann schon, während deutliche Bestandsrückgänge noch gar nicht sichtbar sind.

Gerade häufige Arten verdienen deshalb Aufmerksamkeit. In Agrarlandschaften, Städten und anderen stark veränderten Lebensräumen übernehmen sie möglicherweise einen großen Teil der verbliebenen ökologischen Leistungen. Gehen weitverbreitete Arten zurück, können die Folgen großräumig ausfallen. Durch den Verzehr von Mücken, Käfern und anderen schädlichen Insekten sinkt außerdem der Bedarf an chemischen Pestiziden; das kann landwirtschaftliche Kosten verringern und die Nahrungsmittelproduktion effizienter machen.

Quartiere, Dunkelheit und Nahrung zu jeder Jahreszeit

Die Forschenden schlagen vor, große Populationen mit hoher genetischer Vielfalt zu erhalten. Nötig ist außerdem ein Netz geeigneter Quartiere und dunkler Flugkorridore. Pestizidbelastungen sollen sinken, während Lebensräume mit ausreichendem Nahrungsangebot zu unterschiedlichen Jahreszeiten bewahrt werden. Wälder bieten Schutz und Nahrung, Höhlen dienen als Schutz vor Witterung und als Überwinterungsplätze, Feuchtgebiete sind wichtige Jagdgebiete für Insekten.

Städte können Ersatzlebensräume in Gebäuden und an Laternen bieten, wenn natürliche Strukturen verschwinden – wobei Laternen eben auch Licht ins Dunkel bringen und Flugwege stören können. Urbanisierung und landwirtschaftliche Expansion zerstören Jagd- und Schlafplätze und beeinträchtigen Fortpflanzung und Überlebensrate. Der Klimawandel verändert Lebensbedingungen und Nahrungsressourcen, auch die Insektenbestände, von denen Fledermäuse abhängen. In Nordamerika hat das Weißnasen-Syndrom, eine Pilzinfektion, zu starken Rückgängen von Fledermauspopulationen geführt.

Für den Alltag werden Fledermauskästen als zusätzliche Nist- und Rückzugsplätze empfohlen, ebenso naturnahe, artenreiche Gärten. Pestizide zu vermeiden, Rückzugsgebiete in Städten zu schaffen und andere Menschen über die Bedeutung der Tiere zu informieren, gehört ebenfalls dazu. Wer möchte, kann an lokalen Naturschutzprojekten, Workshops und Informationsveranstaltungen teilnehmen. An der Ruhr-Universität Bochum informieren Forschungs- und Öffentlichkeitsarbeitsprojekte über Fledermäuse und ihren Schutz; als Beispiel wird eine „Bat Excursion“ am 16. Mai 2025 auf dem Hauptfriedhof Bochum genannt.

Auch das Bild der Tiere in der Öffentlichkeit spielt hinein. In Kultur und Folklore gelten Fledermäuse je nach Kultur als Glücksbringer oder Vorboten von Unglück. Filme und Literatur zeigen sie häufig als furchteinflößend, mystisch oder mit der Nacht und dem Unbekannten verbunden. Solche Darstellungen prägen die Wahrnehmung – und damit womöglich auch die Bereitschaft, Schutzmaßnahmen mitzutragen.

Was GPS-Sender über die Nacht verraten

Wie sich Fledermäuse tatsächlich bewegen, lässt sich mit Radio-Telemetrie verfolgen: Sendersignale und Antennen verraten Tagesquartiere und eingeschränkt auch Flugwege. Eine Studie nutzte moderne GPS-Telemetrie, die regelmäßigere und zuverlässigere Aufenthaltsdaten liefert. Die Mini-GPS-Empfänger wiegen inzwischen etwa 1–2 Gramm. Über mehrere Tage speichern die Logger automatisch in voreingestellten Abständen Aufenthaltsorte, Aktivitätsdaten, Flugverhalten, Ruhephasen, wichtige Lebensraumstrukturen und Flughöhen.

Nach wenigen Tagen lösen sich die Logger vom Fell. Ideal ist, wenn das während der Tagesruhe in einem Kasten geschieht, damit die Geräte gefunden und ausgelesen werden können. In einer Pilotstudie an den Plöner Seen wurden im Sommer 2018 zehn weibliche Abendsegler mit GPS-Sendern ausgestattet; fünf Logger konnten nach einigen Tagen in den Kästen wiedergefunden werden.

Die ersten Auswertungen zeigten, dass sich die Tiere uneingeschränkt in ihrem Lebensraum bewegten und mehrere Kilometer zurücklegten. Lichtschranken an den Kästen ermöglichten zusätzlich eine lückenlose zeitliche Überwachung: Im April bezogen die Abendsegler ihre Sommerquartiere, Mitte Mai gründeten sie allmählich Wochenstubenkolonien. Mitte Juli wanderten sie nach dem Flüggewerden der Jungtiere aus dem Gebiet ab. Von Mitte September bis Anfang Oktober folgte eine Zwischenquartierphase, ab November begann der allmähliche Einzug in den Winterschlaf. Nach Temperaturanstiegen kam es im Dezember und Ende Februar zu Ausflügen; ab Anfang April wurden die Kästen nach dem Winterschlaf wieder synchron besiedelt.

Die GPS-Daten von fünf Tieren ergaben ein einheitliches Bewegungsmuster: eine etwa einstündige Jagdphase in der ersten Nachthälfte, danach die Rückkehr ins Quartier und kurze Ausflüge in der zweiten Nachthälfte. Bezogen auf die verfügbare Nachtlänge nutzten die Weibchen weniger als ein Drittel der Zeit zur Nahrungssuche. Ihre Aktionsräume waren wegen des Flugvermögens sehr groß. Häufig suchten sie Gewässer, Laubwälder sowie Offenlandbereiche mit alten Bäumen und kleinen Waldinseln auf.

Voneinander getrennte Kolonieterritorien, wie sie bei anderen Fledermausarten häufig vorkommen, wurden nicht festgestellt. Als Grund gilt die Jagdstrategie der Abendsegler: Sie fangen frei in der Luft schwebende Insekten, das sogenannte „Luftplankton“. Insektenschwärme liefern viel Energie bei vergleichsweise geringem Zeitaufwand und erklären die