Razzia im Casa Kuà legt Versorgungslücken für trans Menschen offen
Am Sonntagabend, dem 18. Oktober 2026, durchsuchte das Landeskriminalamt Berlin das trans-inter-queere Gesundheitszentrum „Casa Kuà“ in Kreuzberg. Anlass war zunächst der Verdacht, dort könnten medizinische Hormonpräparate ohne ärztliche Aufsicht verabreicht worden sein. Später erklärte die Polizei, es gehe um den Verdacht des illegalen Handels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten.
Rund 40 Polizist:innen waren im Zentrum, während sich dort 13 Frauen des Transfrauen-Kollektivs „The Dolls“ aufhielten. Die Beamt:innen stellten nach Polizeiangaben Hormonpräparate, weitere Medikamente, Betäubungsmittel, Datenträger und Bargeld im vierstelligen Bereich sicher. Das Zentrum in der Naunynstraße war Ziel eines regelmäßigen Treffens einer trans Selbsthilfegruppe.
„Nicht an Östrogen zu kommen, ist leichter gesagt als getan“
Die Reaktion folgte prompt und lautstark. Vor dem „Casa Kuà“ kam es zu einer spontanen Demonstration mit rund 140 Beteiligten; eine Person erhielt einen Platzverweis. Auch Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano war vor Ort. Am folgenden Samstag demonstrierten in Kreuzberg rund 2.500 Menschen für den Schutz queeren Lebens und gegen die Durchsuchung.
Trans Personen reagierten empört und verwiesen auf Diskriminierung und Versorgungslücken. Kim, eine 40-jährige Transfrau ohne deutsche Staatsbürgerschaft, war an diesem Tag zum ersten Mal im „Casa Kua“. Sie hatte zuvor große Schwierigkeiten, geeignete medizinische Versorgung zu finden. Die Durchsuchung habe in der Gruppe Angst und Traumatisierung ausgelöst, berichtet sie; viele Anwesende hätten kaum Deutsch gesprochen.
Kim beschreibt den Zugang zu Östrogen in Berlin als schwieriger als den Zugang zu Kokain und vermutet hinter der Razzia eine politische Motivation. Für viele Transfrauen ist eine Hormonersatztherapie notwendig, weil ihre Körper zu wenig Östrogen produzieren. Die Präparate sind verschreibungspflichtig – und wirken je nach Anwendung unterschiedlich, etwa als Tablette, Gel oder intramuskuläre Spritze.
Östrogen und Testosteron können unter anderem das Thromboserisiko erhöhen. Korrekte Dosierung und medizinische Begleitung sind deshalb wichtig. Nur: Die Versorgung ist vielerorts ein Geduldsspiel. Endokrinologische Praxen haben sehr lange Wartelisten. In Würzburg, dem Standort des Endokrinologen Martin Fassnacht, brauchen Patient:innen inzwischen zusätzlich zur Überweisung ein Schreiben, das die Dringlichkeit der Behandlung bestätigt. Für als nicht dringend eingestufte Fälle beträgt die Wartezeit dort 15 bis 18 Monate.
Ein Gesundheitssystem, das viele nicht auffängt
Fassnacht ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Nach bislang unveröffentlichten Studien der Fachgesellschaft kommen in Deutschland nur 1,1 Endokrinolog:innen auf 100.000 Einwohner:innen – die niedrigste Versorgungsdichte Europas. Neben fehlendem Fachwissen gebe es schlicht zu wenige Fachärzt:innen.
Samson Grzybek vom Projekt „QueerMed“ sagt, die medizinischen Bedürfnisse trans, inter und nichtbinärer Menschen seien sehr unterschiedlich. Im heteronormativen Gesundheitssystem würden sie häufig nicht berücksichtigt. Viele Endokrinolog:innen seien zudem unzureichend mit Hormonersatztherapien vertraut.
Die medizinische Forschung basiert weiterhin überwiegend auf Männern mit weißer Hautfarbe. Fachleute fordern deshalb eine geschlechtersensible Medizin. Endometriose wird wegen der geringen Forschung häufig spät oder gar nicht erkannt. ADHS wird bei Personen, die nicht dem biologisch männlichen Standard entsprechen, seltener diagnostiziert – auch, weil sich die Symptome anders zeigen können.
Im Medizinstudium ist gendersensible Medizin bislang nur unzureichend verankert, entsprechende Weiterbildungen sind häufig freiwillig. Ab Oktober 2027 soll eine neue Approbationsordnung gelten: Studierende müssen dann das Fach „Gendermedizin“ belegen.
Alice, 29 Jahre alt und ebenfalls trans, sagt, sie kenne sich bei Dosierung und Anwendung von Hormonpräparaten oft besser aus als ihre Ärzt:innen. Trans Personen informierten sich untereinander und in Internetforen; für sie sei dieser Austausch von großer Bedeutung. Alice ist nicht in Deutschland geboren und hat nach eigenen Angaben Schwierigkeiten mit der deutschen Bürokratie. Im „Casa Kua“ tauscht sie sich deshalb mit anderen Transfrauen aus.
Das Zentrum ist mehr als ein Ort, an dem über sichere Hormonanwendung gesprochen wird. Es bietet auch psychische Unterstützung. „QueerMed“ hilft Betroffenen dabei, ihre medizinischen Bedürfnisse im Gesundheitssystem durchzusetzen. Grzybek kritisiert das repressive Vorgehen: Nicht die hilfesuchenden Personen seien das Problem, sondern ein Gesundheitssystem, das sie nicht ausreichend auffange.
Aufenthaltsstatus, Hautfarbe, Versicherung
Wer im Gesundheitssystem Diskriminierung erlebt, meidet medizinische Einrichtungen womöglich später ganz. Notwendige Behandlungen oder Untersuchungen werden dann nicht wahrgenommen. Menschen mit nichtweißer Haut sind zusätzlich von rassistischer Diskriminierung und fehlendem medizinischem Wissen betroffen, etwa bei der Erkennung von Hautkrankheiten auf schwarzer Haut. Schwarze trans Personen sind dadurch besonderen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt.
Menschen ohne sicheren Aufenthaltstitel haben weitere Einschränkungen. Das Selbstbestimmungsgesetz schließt Menschen ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus aus. Asylsuchende können in Deutschland ihren Geschlechtseintrag oder Namen nicht ändern lassen. Das „Casa Kuà“ richtet sich insbesondere an queere Menschen, die von Rassismus betroffen sind.
Auch trans* und nicht-binäre Menschen ohne deutschen Pass, gesicherten Aufenthaltsstatus oder Krankenversicherung können von Kostenübernahmen ausgeschlossen sein. Der Zugang zu Hormonersatztherapie oder anderen geschlechtsaffirmativen Behandlungen bleibt ihnen im Gesundheitssystem oft versperrt. Hinzu kommen Diskriminierung, Lieferengpässe und Wissenslücken bei Ärzt:innen.
Der LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt beschreibt selbstorganisierte Netzwerke und Initiativen deshalb für viele Betroffene als einzigen Weg, notwendige Medikamente zu erhalten und sich in geschützten Räumen auszutauschen. Selbstorganisierte Treffen zur trans* Gesundheit, bei denen auch Medikamente ausgetauscht werden, seien eine Folge bestehender Versorgungslücken sowie von Diskriminierung und Gewalt. Besonders betroffen seien BIPOC trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen.
Politische Kritik und Forderungen
Maik Brückner, queerpolitischer Sprecher der Linke-Fraktion im Bundestag, bezeichnete den Polizeieinsatz als „beschämend“ und forderte Aufklärung. Die Bundesregierung komme bei der Schließung einer Regelungslücke nicht voran, erklärte Brückner. Diese erschwere trans Menschen derzeit den Zugang zu Hormonpräparaten für ihre Transition in Arztpraxen sowie die Kostenübernahme durch gesetzliche Krankenkassen.
Die Linke.queer, ein Zusammenschluss queerer Parteimitglieder, nannte den Einsatz „inakzeptable Repression“. Der LSVD⁺ warnte ebenfalls vor Repressionen gegen Schutzräume wie das „Casa Kuà“. Alva Träbert aus dem Bundesvorstand des Verbands erklärte, der Zugang zu bedarfsgerechter, sicherer und diskriminierungsfreier Gesundheitsversorgung sei für trans Menschen weiterhin erheblich erschwert.
Der Verband fordert einen flächendeckenden, niedrigschwelligen Zugang zu geschlechtsaffirmativen Gesundheitsleistungen und klare gesetzliche Regelungen zu deren dauerhafter Absicherung. Die Bundesregierung solle Versorgungslücken schließen, geschlechtsaffirmative Leistungen gesetzlich absichern und Diskriminierung im Gesundheitswesen abbauen. Im Mittelpunkt solle das Menschenrecht auf eine selbstbestimmte und würdevolle Gesundheitsversorgung stehen.
Am 20. Oktober 2026 veröffentlichte der LSVD⁺ seine Einordnung zur Durchsuchung vom Abend des 18. Oktober. Die Polizei hatte zunächst erklärt, Hormonpräparate seien möglicherweise ohne ärztliche Aufsicht verabreicht worden; am Montag präzisierte sie den Verdacht auf illegalen Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Für die Menschen im „Casa Kuà“ blieb davon vor allem der Einsatz in den eigenen Räumen – und die lange Liste an offenen Fragen.
