Die digitale Geschichtskultur erlebt derzeit einen spannenden Wandel durch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Medienproduktion. Besonders deutlich wird dies bei den sogenannten POV-Videos (Point of View), die historische Ereignisse aus der Perspektive historischer Akteure darstellen. Diese Formate erfreuen sich großer Beliebtheit auf Plattformen wie TikTok und Instagram, wo sie unter Kanälen wie @timetravellerpov und @pov_of_history Millionen von Zuschauern erreichen. Roman Smirnov, ein Geschichtswissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, hat diesen Trend analysiert und seine Erkenntnisse im März 2026 auf einer Tagung in Aachen präsentiert, wie news.rub.de berichtet.
Die Videos verpassen es nicht, die Zuschauer in pastellfarbene Fantasien zu ziehen, in denen sie historische Momente als Erlebnis durchleben. Gladiatoren, Wikingerinnen oder Soldaten des Ersten Weltkriegs werden nicht als individuelle Personen, sondern als symbolische Figuren präsentiert, die in sorgfältig inszenierte, historische Settings eingetaucht sind. Dies führt dazu, dass die Vergangenheit für die Zuschauer wie eine erlebte Gegenwart erscheint. Technologische Fortschritte haben diese Formate möglich gemacht: Zuerst mit KI-gestützter Bearbeitung historischer Fotografien und Filmen, und später durch die Entwicklung leistungsfähiger KI-Videogeneratoren wie Runway Gen-3 Alpha und Googles Veo 3, die in der Lage sind, solche Videos massenhaft zu produzieren.
Die Kritische Perspektive
Trotz der Faszination für diese Videos gibt es auch kritische Stimmen. Fachleute aus Public History und Medienwissenschaften äußern Bedenken über die Qualität der historischen Darstellungen. Oft enthalten diese Videos sachliche Fehler und reproduzieren gesellschaftliche Verzerrungen und Stereotype. Die Quellen der verwendeten Inhalte sind häufig nicht transparent nachvollziehbar, was die Glaubwürdigkeit der Informationen in Frage stellt. Smirnov hebt hervor, dass KI-Modelle, die auf großen Datenmengen basieren, den Eindruck von objektivem Wissen erwecken können, während sie in Wirklichkeit die Komplexität historischer Ereignisse simplifizieren. Die Emotionalisierung und Fokussierung auf spektakuläre Momente lassen die alltäglichen historischen Realitäten oft außen vor, wie es in einem weiteren Artikel auf virtuelle-lebenswelten.de detailliert beschrieben wird.
Das Aufkommen von KI-generierten Videos wirft auch grundlegende Fragen für die Geschichtswissenschaft auf. Historiker müssen sich nicht nur mit der Historie selbst beschäftigen, sondern auch mit der Rolle der Technologie in der Geschichtswahrnehmung. Der Einsatz von KI in der Geschichtswissenschaft wird als zunehmend relevant erachtet, was Fachleute dazu anregt, sich intensiver mit der Entwicklung historischer Medienkompetenz auseinanderzusetzen. Die Arbeitsgruppe Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung der Universität Osnabrück identifiziert KI als ein Hilfsmittel, das die Forschung bereichern kann, ohne die Notwendigkeit für Kriterien wie Quellenkritik und historische Interpretation in den Hintergrund zu drängen. In diesem Kontext ist die Entwicklung von domänenspezifischen KI-Modellen, die auf historischen Materialien trainiert werden, von zentraler Bedeutung, um die wissenschaftliche Integrität zu wahren, wie aus einem Artikel auf uni-osnabrueck.de hervorgeht.
Die Herausforderung der KI-basierten historischen Videos wird es sein, sie kritisch zu betrachten und ein Bewusstsein für die Möglichkeiten und Grenzen dieser neuen Form der Geschichtserzählung zu schaffen. Smirnov fordert daher einen reflektierten und produktiven Umgang mit KI-generierten Darstellungen. Nur so kann ein Mehrwert für die Geschichtswissenschaft und das Verständnis der Gesellschaft aus der Vergangenheit heraus geschaffen werden.