Dauerlärm belastet Gehirn, Herz und Stadtgesellschaft unerquicklich
Heute, am 19.10.2026, ist Lärm an der TU Braunschweig kein Randthema. Wer am Fenster sitzt, hört vielleicht Verkehr, Baustellen, Stimmen oder das leise Surren elektronischer Geräte. In europäischen Städten sind mehr als 40 Prozent der Stadtbevölkerung tagsüber dauerhaft Schallpegeln von über 55 Dezibel ausgesetzt. Nachts liegt der Lärm in vielen Metropolen über dem Richtwert von 40 Dezibel.
Das klingt zunächst nach einer Zahl aus einer Statistik. Im Alltag sitzt sie aber direkt neben einem – beim Lesen, Lernen, Telefonieren oder Einschlafen. Anhaltender Lärm kann die Konzentration beeinträchtigen und langfristig negative Auswirkungen auf die Gehirnfunktion haben. Das Gehirn filtert ununterbrochen unwichtige Geräusche heraus. In lauten Umgebungen ermüdet es deshalb schneller; mögliche Folgen sind auditorische Ermüdung, sensorische Überlastung und mentale Erschöpfung.
Wenn der Kopf keine Ruhe bekommt
Komplexe kognitive Aufgaben benötigen laut dem Neurobiologen Martin Korte eine Vorbereitungszeit von etwa zwölf bis 15 Minuten. Gleichzeitig sank die ungestörte Arbeitszeit am Arbeitsplatz den Angaben zufolge innerhalb von zwei Jahrzehnten von drei Minuten auf 41 Sekunden. Ein ziemlich harter Schnitt für alle, die gerade versucht haben, einen komplizierten Text zu verstehen.
Eine österreichische Metaanalyse fand unter ungestörten Laborbedingungen im selben Zeitraum allerdings keine Verschlechterung der reinen Konzentrationsfähigkeit. Das deutet darauf hin, dass nicht unbedingt die Konzentrationsfähigkeit selbst schlechter geworden ist, sondern dass sie im Alltag häufiger unterbrochen und stärker beansprucht wird.
Dauerlärm kann chronischen Stress auslösen. Neben der Lautstärke beeinflusst auch die Art des Geräuschs die Belastung: Straßenlärm wird anders verarbeitet als Naturgeräusche. Typische Quellen sind Straßenverkehr, Baustellen und elektronische Geräte. Die dauerhafte Belastung kann die Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin fördern.
Auch der Körper bleibt dabei nicht außen vor. Dauerhafte Lärmbelastung wird mit möglichen Gehörschäden, einem geschwächten Immunsystem und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht. Lärm kann Herzfrequenz und Blutdruck erhöhen und steht im Zusammenhang mit einem höheren Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkte und Schlaganfälle. Forschende untersuchen außerdem mögliche Zusammenhänge mit Veränderungen der Darmmikrobiota, nächtlichen Entzündungsprozessen und Typ-2-Diabetes.
Dezibel, die man nicht einfach wegwischen kann
Unter 80 Dezibel gilt Lärm aus wissenschaftlicher Sicht als gehörsicher. Ein normales Gespräch liegt bei etwa 60 Dezibel, Schnarchen kann bis zu 75 Dezibel erreichen. Kommunale Bauarbeiten liegen häufig über 80 Dezibel. In Einkaufszentren werden etwa 70 bis 85 Dezibel gemessen; dort können unmittelbare Stressreaktionen wie Muskelanspannung und ein Blutdruckanstieg auftreten. Stadtverkehr an Hauptstraßen kommt ebenfalls auf 70 bis 85 Dezibel.
Küchen- und Haushaltsgeräte erreichen 50 bis 65 Dezibel, Nachbargeräusche 45 bis 60 Dezibel. Router und Netzteile liegen bei 25 bis 40 Dezibel. Für Hintergrundgeräusche im Schlafzimmer werden 35 Dezibel als Richtwert empfohlen – was in einer dicht bewohnten Stadt manchmal schon nach Luxus klingt.
In vielen deutschen Städten ist die Belastung an Hauptverkehrsstraßen und Schienenwegen sowie in der Nähe großer Flughäfen hoch. Die Lärmbelastung wird jeweils für den gesamten Tag und gesondert für die Nacht ermittelt. Für die EU-weite Vergleichbarkeit dienen der Tag-Abend-Nacht-Lärmindex LDEN und der Nachtlärmindex LNight.
Entlang der untersuchten Hauptverkehrsstraßen sind rund 17,3 Millionen Menschen LDEN-Pegeln von über 55 Dezibel ausgesetzt. Bei solchen Pegeln können erhebliche Belästigungen und Kommunikationsstörungen auftreten. Separate Datentabellen erfassen außerdem Straßenverkehrslärm, Schienenverkehrslärm und Fluglärm in der Umgebung der Großflughäfen.
Wer plant, wer geschützt wird
Lärmkarten machen die Belastung sichtbar. Sie informieren die Bevölkerung und bilden die Grundlage für Lärmaktionspläne. Gemeinden, Landesbehörden und das Eisenbahn-Bundesamt erstellen diese Pläne, um die Belastung zu verringern. In der EU erfolgt die Ermittlung nach einheitlichen Verfahren auf Grundlage der Umgebungslärmrichtlinie.
Die dort genannten Fristen sahen Lärmkarten bis zum 30. Juni 2022 und Lärmaktionspläne bis zum 18. Juli 2024 vor. Die Pflicht gilt für Ballungsräume mit mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, Hauptverkehrsstraßen mit mehr als 3 Millionen Kraftfahrzeugen pro Jahr, Haupteisenbahnstrecken mit mehr als 30.000 Zügen pro Jahr und Großflughäfen mit mehr als 50.000 Flugbewegungen pro Jahr.
In Deutschland betrifft das 72 Ballungsräume mit rund 25,5 Millionen Menschen, 52.000 Kilometer Hauptverkehrsstraßen, 13.000 Kilometer Haupteisenbahnstrecken und alle neun Großflughäfen. Die Ergebnisse zeigen eine weitreichende Betroffenheit der Bevölkerung durch Verkehrslärm. Der Beitrag des Umweltbundesamtes wurde zuletzt am 6. Mai 2025 aktualisiert.
Die Belastung ist zudem sozial ungleich verteilt. Einkommensschwächere Stadtbewohner sind laut Untersuchungen häufig überdurchschnittlich stark von Lärm betroffen. Wer an einer lauten Straße wohnt, kann nicht einfach den ruhigeren Stadtteil wählen oder die Fenster austauschen lassen. Das ist die unangenehme Seite der Dezibelrechnung.
Älter werden mit Geräuschen
Im höheren Alter verschärft sich die Situation. Ein Hörverlust nach dem 60. Lebensjahr erfordert mehr geistige Anstrengung, um Gesprächen zu folgen. Das kann zu mentaler Erschöpfung und sozialem Rückzug führen. Unbehandelter Hörverlust wird außerdem mit einem erhöhten Risiko für kognitive Beeinträchtigungen in Verbindung gebracht.
Forschende in München simulieren Hörsituationen in einer schalltoten Kammer, um neue Hörhilfen und bessere städtische Klangumgebungen zu entwickeln. Eine schalltote Kammer – schon das Wort wirkt, als würde die Welt dort kurz den Atem anhalten. Im Alltag helfen zur individuellen Entlastung Noise-Cancelling-Kopfhörer.
Städtebaulich werden weniger Verkehr, zusätzlicher Schallschutz und mehr Grünflächen als Gegenmaßnahmen genannt. In Innenräumen können Vorsatzschalen mit Mineralwolle, akustisches Verbundglas sowie schallabsorbierende Möbel oder andere schallabsorbierende Einrichtung den Schalldruck reduzieren. Draußen rollt währenddessen vielleicht schon der nächste Bus vorbei.
Quelle: ad-hoc-news.de und Umweltbundesamt.
