In Schlüchtern formiert sich Widerstand gegen ein geplantes Gaskraftwerk im Gewerbegebiet „Am Reitstück“. Die Bürgerinitiative nennt sich „Lebenswertes Schlüchtern“ und versteht sich zunächst nicht als eingetragener Verein, sondern als „loser Zusammenschluss von Schlüchterner Bürgern“. Parteiungebunden, ehrenamtlich und nicht grundsätzlich gegen Technik – so beschreibt sie sich selbst.

Ihr Einwand richtet sich gegen eine Anlage, die vor allem ein geplantes Rechenzentrum in Birstein mit Strom versorgen soll. Fossile Energiequellen müssten möglichst durch erneuerbare Energien ersetzt werden, argumentiert die Initiative. Für Schlüchtern habe das Kraftwerk „absehbar negative“ Folgen. Eine ausführliche Darstellung der Argumente will die BI in den kommenden Wochen veröffentlichen.

Breiter Schulterschluss gegen das Projekt

Zum Vorstand gehören Ursula Hürthle, Marion Pfeil-Hubert, Ute Thesenvitz, Alfred Klüh, Dirk Zinkhan, Edwin Hubert, Dr. Harald Eifert und Professor Dr. Manfred Thesenvitz. Edwin Hubert, Harald Eifert und Manfred Thesenvitz bilden das Sprecher-Trio.

Die Initiative wirbt um weitere Mitglieder; die Mitgliedschaft ist kostenlos. Für die Öffentlichkeitsarbeit bittet der Vorstand um freiwillige Spenden. Mitglieder sollen regelmäßig per E-Mail informiert werden. Öffentliche Treffen finden bis auf Weiteres mittwochs um 19 Uhr im Gasthaus „Eckebäcker“ statt. Interessierte können dazukommen und eigene Ideen einbringen. Wegen der begrenzten Raumkapazität wird allerdings eine vorherige Anmeldung per E-Mail empfohlen.

Hinter dem Sprecher-Trio stehen Menschen mit ziemlich unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen. Harald Eifert ist Physiker und war in Forschung sowie Wissenschafts- und Innovationsmanagement tätig. Unter anderem leitete er ein Fraunhofer-Centrum in Delaware (USA); im Ruhestand arbeitet er als Mentor für Start-ups.

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Manfred Thesenvitz ist Maschinenbauingenieur, promovierte an der TU Braunschweig und arbeitete bei VW in Wolfsburg sowie in leitender Position bei Woco in Salmünster. Seit 1993 ist er Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences. Edwin Hubert ist Steuerberater und Diplom-Kaufmann. Seit 1988 ist er Mitgesellschafter und Geschäftsführer einer Steuerberatungsgesellschaft in Bad Soden-Salmünster.

750 Millionen Euro für Kraftwerk und Rechenzentrum

Auf der anderen Seite steht ein Großprojekt, das die Stadt als historische Chance betrachtet. Im Gewerbegebiet „Auf dem Reitstück“ soll ein Kraftwerk mit Investitionskosten von rund 750 Millionen Euro entstehen. Die Anlage soll 276 Megawatt Leistung erreichen, vor allem das Rechenzentrum in Birstein versorgen und zugleich zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen. Bürgermeister Matthias Möller bezeichnete das Vorhaben als größte Investition in der Geschichte Schlüchterns.

Das Rechenzentrum ist auf einem elf Hektar großen Gelände in Birstein geplant. Laut Stadt liegt das Investitionsvolumen bei mehreren Milliarden Euro. Die IT-Leistung soll bis zu 200 Megawatt betragen – vergleichbar mit dem Strombedarf von mehr als 150.000 Haushalten. Einen Bürgerentscheid zum Rechenzentrum lehnte die Gemeindevertretung ab. Schlüchtern und Birstein kündigten eine enge Zusammenarbeit bei den miteinander verbundenen Projekten an.

Der Baustart des Kraftwerks ist für Anfang 2028 vorgesehen, die Bauzeit soll etwa zwei Jahre dauern. Geplant ist ein Betrieb von mindestens 30 Jahren. Das Gebäude wäre 160 Meter lang, 90 Meter breit und 20 Meter hoch; die Schornsteine sollen bis zu 60 Meter in den Himmel ragen. Kraftwerk und Rechenzentrum werden von der Frankfurter Argaman Group geplant. Bau und Betrieb der Anlage soll ein noch nicht genannter großer deutscher Energieversorger übernehmen.

Vorgesehen ist eine „H2-ready“-Anlage: 80 Prozent der Energiegewinnung sollen aus Brennstoffzellen stammen, 20 Prozent aus Gasverbrennung. Nach Angaben der Stadt könnten dadurch Stickstoff- und CO₂-Emissionen reduziert werden. Zunächst soll Erdgas eingesetzt werden, später Wasserstoff. Ab Mitte der 2030er Jahre ist eine vollständige Umstellung auf einen CO₂-neutralen Betrieb vorgesehen.

Argaman-Geschäftsführer David Roitman begründet den steigenden Energiebedarf unter anderem mit dem Ausbau von Rechenzentren im Zuge der Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Am Standort Schlüchtern kreuzen sich laut Roitman zwei große Gasleitungen. Das nahe Umspannwerk Elm soll den erzeugten Strom langfristig zur Netzstabilisierung aufnehmen. Eine eigene Wasserstoff-Pipeline könnte später den klimaneutralen Betrieb ermöglichen.

Versprechen von Wärme und Gewerbesteuer

Für Schlüchtern mit rund 17.000 Einwohnern geht es auch ums Geld. Bürgermeister Möller erwartet hohe Gewerbesteuereinnahmen; nach seiner Einschätzung könnten die Einnahmen um 40 Prozent steigen. Davon könnten unter anderem ein neuer Feuerwehrstandort gebaut und Kindertagesstätten saniert werden.

Außerdem soll die bei der Stromerzeugung entstehende Abwärme in ein Fernwärmenetz fließen. Die geplante Wärmekapazität liegt bei etwa 50 Megawatt. Damit könnten bis zu 10.000 Haushalte sowie öffentliche Einrichtungen, Gewerbe- und Industriebetriebe versorgt werden.

Bevor die Bagger anrücken, müssen die politischen Gremien über einen Prüfauftrag an Magistrat und Verwaltung entscheiden. Erst danach soll über eine mögliche Zustimmung zum Projekt beraten werden. Auf den Tisch kommen sollen Emissionen, Lärm sowie Umwelt-, Bau-, Steuer- und Naturschutzfragen. Die Stadt plant Informationsveranstaltungen für die Bürgerschaft. Erste Termine sind für den 8. und 9. September um 19:30 Uhr im Café Fabrice in Schlüchtern angekündigt; weitere Veranstaltungen sollen in der Stadthalle stattfinden.

H2-ready – und trotzdem erst einmal Erdgas

Genau an diesem Punkt wird die Debatte knifflig. Die Bundesregierung plant neue Gaskraftwerke, um die Stromversorgung abzusichern, wenn Wind- und Solarenergie nicht ausreichen. Ein Gesetzentwurf des Bundeswirtschaftsministeriums sieht vor, dass diese Anlagen neben Erdgas auch Wasserstoff nutzen können.

Wissenschaftler des RWI, der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg und Vertreter der Deutschen Umwelthilfe bezweifeln allerdings, dass ausreichend grüner Wasserstoff verfügbar sein wird. Experten warnen deshalb, H2-ready-Kraftwerke könnten länger mit Erdgas betrieben werden. Wasserstoffanlagen gelten außerdem als technisch anspruchsvoll und teurer als herkömmliche Gaskraftwerke. Grüner Wasserstoff wird mithilfe erneuerbarer Energien hergestellt und verursacht bei der Produktion praktisch keine CO₂-Emissionen.

Schlüchtern wäre damit kein Einzelfall. In Maintal stießen Pläne für ein Gaskraftwerk zur Versorgung eines Rechenzentrums auf Widerstand; das Projekt ist ins Stocken geraten. Auf der Ingelheimer Aue zwischen Wiesbaden und Mainz gibt es ebenfalls Proteste gegen ein Gaskraftwerk, das später Wasserstoff nutzen soll. Dort wird zunächst fossiler Brennstoff eingesetzt, eine Petition gegen das Projekt sammelt Unterschriften.

Auch in Gießen soll ein großes Rechenzentrum entstehen. Sein Stromverbrauch wäre höher als der der gesamten Stadt. Das Stadtparlament stimmte dem Projekt zu, erwartet werden Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen. Anwohner und ein Parteienbündnis lehnen das Vorhaben wegen befürchteter Umweltbelastungen ab.

Rechenzentren werden zum Infrastrukturthema

Der deutsche Rechenzentrumsmarkt wächst weiterhin dynamisch. Die installierte Kapazität stieg 2025 auf rund 3 Gigawatt. Das Wachstum konzentriert sich vor allem auf die Ballungsräume Frankfurt am Main, Berlin, Hamburg, München und das Ruhrgebiet. Zunehmende Anfragen für Netzanschlüsse verschärfen die Herausforderungen bei der Stromversorgung – Rechenzentren werden damit zu einem wichtigen Faktor der Energieinfrastruktur.

Die Kurzstudie „Rechenzentren in Deutschland“ untersucht deshalb ihre räumliche Verteilung, die Nähe zur Gasinfrastruktur und zu Kraftwerken sowie die Anbindung an Wärmenetze. Das theoretische Abwärmepotenzial der derzeit betriebenen Rechenzentren liegt bei rund 15 Terawattstunden pro Jahr. Das entspricht etwa 3 Prozent des Wärmebedarfs privater Haushalte. 71 Prozent der Rechenzentren liegen in Gemeinden mit einem vorhandenen Wärmenetz, was eine Nutzung der Abwärme grundsätzlich erleichtert.

Für 2030 wird eine Rechenzentrumskapazität von rund 9,5 Gigawatt prognostiziert – etwa doppelt so viel wie heute. Die potenzielle Abwärmemenge könnte bis dahin auf 39