In Frankreich halten die Schülerproteste an – und sie sind längst größer als der Ärger über einzelne Stundenpläne oder kaputte Fenster. Seit dem 21. September 2026 demonstrieren Schüler*innen landesweit gegen die Unterfinanzierung des Bildungswesens. Seit etwa einer Woche weitet sich die Bewegung besonders schnell aus. Lehrer und Studenten haben sich angeschlossen, ebenso Eltern und Gewerkschaften. Auch radikale Gruppen und populistische Parteien mischen mit.

Was mit Forderungen nach besseren Lernbedingungen begann, ist teilweise in Gewalt gekippt. Brennende Mülltonnen, ein angezündetes Feuerwehrauto und beschädigte Schulgebäude gehören zu den Vorfällen. Nach Angaben des französischen Innenministeriums ist etwa jede dritte weiterführende Schule von Protestaktionen betroffen. Fast 2.000 Menschen wurden festgenommen, 305 Polizisten und 170 Schüler verletzt. Das Ministerium spricht bei den gewaltsamen Ausschreitungen von „städtischer Unruhe“ und nicht mehr von einer legitimen Protestform.

Wut über Schulen, Druck auf die Regierung

Der Unmut hat einen ziemlich konkreten Kern: In öffentlichen Schulen fällt häufig Unterricht aus, Lehrkräfte streiken regelmäßig, Klassen sind überfüllt. Dazu kommen Lehrkräftemangel sowie unzureichende und marode Schulgebäude. Viele Eltern schicken ihre Kinder, sofern sie es sich leisten können, auf private Schulen. So wächst eine soziale Ungleichheit, beinahe eine Zweiklassengesellschaft im Bildungssystem.

Schulen haben in Frankreich eine starke symbolische Bedeutung. Sie sollen Kinder zu Bürgern der Republik erziehen; über den Schulen steht das Motto „Liberté, Egalité, Fraternité“. Zwischen diesem Anspruch und dem Alltag mit fehlendem Personal, kaputten Räumen und Unterrichtsausfall klafft eine Lücke. Enttäuschung und Wut bei Schülern und Eltern sind da nicht schwer zu verstehen.

Auch die Universitäten kämpfen mit unzureichender Ausstattung und fehlenden Materialien. Studenten solidarisierten sich deshalb früh mit den Schülern. Frankreich gibt inzwischen mehr Geld für den Schuldendienst als für den Bildungshaushalt aus. Eine finanzielle Lösung der Probleme gilt angesichts der hohen Staatsverschuldung als schwierig.

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Bildungsminister Édouard Geffray ließ am Freitag gut 400 Schulen schließen und ordnete dort Fernunterricht an. Er rief zur Ruhe auf und kündigte Gespräche mit Gymnasiasten an. Die Forderungen der Schüler müssten angehört werden, sagte Geffray; Dialog sei der einzige Weg. Premierminister Sébastien Lecornu berief wegen der Lage an den Gymnasien eine Krisensitzung ein. Medienberichten zufolge sollten Minister geplante Reisen absagen.

Dialog und Härte – beides gleichzeitig

Die Regierung verfolgt nach Einschätzung des ZDF-Korrespondenten Thomas Walde eine Doppelstrategie: Sie will mit Schülern und Studenten sprechen, damit diese sich gehört fühlen und der Protest nachlässt. Gleichzeitig soll gegen Gewalt und Sachbeschädigung hart vorgegangen werden. Der Justizminister forderte Staatsanwälte zu einem entschlossenen Vorgehen auf. Eltern betroffener Schüler könnten für Schäden an Schulen haftbar gemacht werden.

Ob diese Mischung aus Gesprächsbereitschaft und Härte reicht, ist offen. Ohne zusätzliche Mittel fehlen der Regierung die Möglichkeiten, grundlegende Forderungen zu erfüllen. Und auf der Straße wird es unübersichtlich. Als Faktoren für die schnelle Eskalation gelten die Beteiligung linksradikaler Akteure und der Einfluss sogenannter Black Blocks. Black-Block-Aktivisten sollen sich unter protestierende Schüler gemischt haben; Verantwortlichkeiten sind dadurch schwer zuzuordnen.

Abgeordnete und Bürgermeister der Partei La France insoumise sollen an Demonstrationen teilgenommen und diese dadurch legitimiert haben. Einzelnen Vertretern wird zugeschrieben, Gewalt gerechtfertigt zu haben. Zugleich sind die Proteste an Schulen von den Aktionen linksradikaler Gruppen zu unterscheiden. In sozial prekären Vororten, wo bestehende gesellschaftliche Spannungen besonders leicht aufbrechen, beteiligen sich auch sozial benachteiligte und gewaltbereite Jugendliche.

Die Schülerproteste spiegeln laut der Berichterstattung deshalb eine breitere gesellschaftliche Unzufriedenheit wider. Politische Ränder profitieren von der Bewegung. Frankreich ist hoch verschuldet, und die Frage steht im Raum, ob eine weitere Eskalation andere Länder anstecken könnte. Ein „neues 68“ wird als historische Parallele thematisiert – ein großer Vergleich, aber einer, der in Paris derzeit nicht einfach vom Tisch gewischt wird.

Polizeigewalt und verletzte Jugendliche

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zeichnet ein zusätzlich scharfes Bild. Nach ihren Angaben verliefen die Proteste fast ausnahmslos friedlich, obwohl Schulen blockiert wurden und einige Demonstrierende Gewalt anwandten. Berichten zufolge setzte die Polizei Tränengas, Blendgranaten, Schlagstöcke und Gummigeschosse ein. Kinder seien teils grob festgehalten worden.

Ein 15-Jähriger verlor durch eine polizeiliche explosive Blendgranate eine Hand. Ein 14-Jähriger erlitt durch eine aus nächster Nähe abgefeuerte Tränengaskartusche einen zertrümmerten Kiefer. Die französische Regierung kündigte daraufhin eine vorübergehende Aussetzung des Einsatzes von Blendgranaten an.

Seit Beginn der Demonstrationen wurden laut Berichten mehr als 6.800 Menschen festgenommen; offenbar waren 86 Prozent davon Kinder. Die Behörden leiteten Berichten zufolge 36 interne Ermittlungen wegen mutmaßlichen polizeilichen Fehlverhaltens ein. Human Rights Watch verweist dabei auf frühere Fälle polizeilicher Gewalt bei den Gelbwesten-Protesten 2018, bei den Protesten gegen die Rentenreform 2023 und bei Umweltdemonstrationen.

Begonnen hatten die aktuellen Proteste an Schulen in Arbeitervierteln. Dort sind rassifizierte Jugendliche laut dem Artikel häufig Polizeischikanen und staatlicher Gewalt ausgesetzt. Seit Anfang 2026 wird außerdem ein Gesetzentwurf beraten, der Polizeibeamten beim Einsatz von Schusswaffen eine „Rechtmäßigkeitsvermutung“ einräumen würde. Menschenrechtsgruppen warnen, dies könne die Schwelle für den Schusswaffengebrauch senken und die Polizei stärker vor gerichtlicher Kontrolle schützen.

Ein Gespräch mit Blick über Frankreich hinaus

Über die Proteste, die Bildungsmisere und die politische Sprengkraft sprach der SWR mit Claire Demesmay, Politikwissenschaftlerin und Direktorin des Institut Français in Bonn, mit Carolin Dylla, ARD-Korrespondentin in Paris, sowie mit Jürgen Ritte, Romanist in Paris. Der Artikel wurde am 16. Oktober 2026 veröffentlicht und aktualisiert.

Die Forderungen der Jugendlichen treffen auf ein System, dessen Probleme als strukturell und seit Langem bekannt gelten. Gleichzeitig berührt die Bewegung Fragen, die weit über Klassenzimmer hinausreichen: Wer kann sich gute Bildung leisten? Wie reagiert ein hoch verschuldeter Staat auf wachsende Ungeduld? Und wo endet legitimer Protest, wenn Flammen vor Schulen lodern?

Human Rights Watch fordert von der französischen Regierung, Kinder und ihr Recht auf Protest zu schützen, Polizeigewalt gründlich und zügig zu untersuchen, polizeiliche Taktiken und Befugnisse zu reformieren, die übermäßige Gewalt begünstigen, und die Forderungen der protestierenden Jugendlichen zu berücksichtigen. Heute, am 19. Oktober 2026, bleibt die Lage angespannt – auch hier an der TU Braunschweig verfolgt man die Bilder aus Frankreich wohl mit einem mulmigen Gefühl im Bauch.