Lula gewinnt Brasiliens Stichwahl – und regiert gegen einen Bolsonaro-dominierten Kongress
Brasilien hat gewählt – und die Sache ist noch lange nicht ruhig. Am heutigen 26.10.2026 steht fest: Luiz Inácio Lula da Silva hat die Stichwahl gegen den rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro gewonnen und sich eine weitere Amtszeit gesichert. Nach vorläufiger Auszählung lag der 80-jährige Lula mit 51,8 Prozent der Stimmen uneinholbar vorn.
Im Vorfeld war Flávio Bolsonaro aus der ersten Runde als Sieger hervorgegangen. Am 4. Oktober fanden Präsidentschafts-, Kongress- und Gouverneurswahlen statt, mehr als 158 Millionen Menschen waren wahlberechtigt. Bolsonaro, Kandidat der Liberalen Partei PL, kam auf 47 Prozent, Lula von der Arbeiterpartei PT auf rund 45 Prozent. Weil keiner die absolute Mehrheit erreichte, wurde die Stichwahl nötig. Auch sieben Gouverneurswahlen werden in Stichwahlen entschieden.
Ein Ergebnis, das Bolsonaro nicht akzeptiert
Lula bezeichnete die Wahl als Abstimmung über die Demokratie. Die Wählerinnen und Wähler hätten für deren Sicherung gestimmt, sagte er. Flávio Bolsonaro erkannte seine Niederlage dagegen nicht an und kündigte an, die Annullierung der Wahl zu beantragen: „Es ist unmöglich, das Ergebnis anzuerkennen.“
Seine Anfechtung begründet Bolsonaro mit der Verlängerung der Öffnungszeiten der Wahllokale. Wegen Problemen im öffentlichen Nahverkehr war die Abstimmung gerichtlich verlängert worden. Nach Angaben Lulas waren in mehreren Städten Busse ausgefallen. Bolsonaro verwies zusätzlich auf starke Regenfälle im Süden und Südosten, wo er großen Rückhalt hat – obwohl auch er sich zunächst für eine Verlängerung der Wahlzeit ausgesprochen hatte. Der Richter am Obersten Gerichtshof, Cristiano Zanin, betonte die Schwere der Vorfälle.
Eine vollständige Annullierung gilt laut ZDF-Korrespondent Timm Kröger allerdings als unwahrscheinlich. Rechtsexperten sähen dafür hohe rechtliche Hürden, außerdem hätten wichtige Institutionen, darunter der Oberste Gerichtshof, die Wahl bereits anerkannt.
Das Wahlkampflager Lulas hatte nach der verlorenen ersten Runde Anfang Oktober vor allem über soziale Medien mobilisiert. Ein WhatsApp-Kanal wuchs innerhalb kurzer Zeit von einigen Zehntausend auf elf Millionen Follower. Zehntausende Lula-Anhänger gingen auf die Straße. Die politische Temperatur stieg damit noch einmal deutlich – und das bei einem Land, in dem Wahlkämpfe ohnehin selten mit angezogener Handbremse laufen.
Ein Präsident mit Gegenwind im Kongress
Wer Brasilien künftig politisch führt, entscheidet sich nicht allein im Präsidentenpalast. Bolsonaros liberale Partei und ihre Verbündeten verfügen im Abgeordnetenhaus und im Senat über die Mehrheit. Lula dürfte dort also auf erheblichen Widerstand stoßen.
Brasilien hat ein präsidentielles Regierungssystem. Der Präsident ist Staats- und Regierungschef, wird für vier Jahre direkt gewählt und darf einmal unmittelbar wiedergewählt werden. Der Nationalkongress besteht aus 81 Senatoren – je drei pro Bundesstaat mit achtjähriger Amtszeit – sowie 513 Abgeordneten, die für vier Jahre nach Verhältniswahl bestimmt werden. Gouverneure werden ebenfalls für vier Jahre direkt gewählt. Wahlberechtigt ist, wer mindestens 16 Jahre alt ist; zwischen 18 und 70 Jahren besteht Wahlpflicht.
Im Senat gewann Bolsonaros PL 19 Sitze hinzu und verfügt nun über 28 der 81 Sitze. Das Movimento Democrático Brasileiro, kurz MDB, gewann sieben Sitze und kommt auf insgesamt acht. Lulas PT gewann sechs Sitze und verfügt nun über neun. Im Abgeordnetenhaus wurden alle 513 Sitze neu gewählt: Die PL hält 121, die PT 70. Das Parteienbündnis „Federação Brasil da Esperança“ aus PT, PCdoB und PV kommt zusammen auf 88 Sitze.
Für politische Vorhaben braucht Lula deshalb Unterstützung – oft beim informellen Centrão. Zu diesem Bündnis gehören unter anderem MDB, PSD, União Brasil, Progressistas und Republicanos. Eine gemeinsame Ideologie verbindet sie nicht; entscheidend sind politischer Pragmatismus, regionale Interessen und Verhandlungen über Ministerposten, politische Ämter und Haushaltsmittel. Je nach Zusammensetzung kontrolliert das Centrão mehr als die Hälfte des Abgeordnetenhauses.
Schon in Lulas bisheriger Amtszeit fehlte eine stabile Kongressmehrheit. Das Parlament überstimmte mehrfach seine Vetos, zuletzt im April 2026 beim sogenannten Dosimetrie-Gesetz. Es hätte unter anderem Strafminderungen für Verurteilte im Zusammenhang mit dem Putschversuch vom 8. Januar 2023 ermöglicht, darunter möglicherweise Jair Bolsonaro. Das Oberste Gericht setzte die Anwendung des Gesetzes nach Verfassungsbeschwerden vorläufig aus.
Sicherheit, Preise und ein alter Familienname
Kriminalität und öffentliche Sicherheit gehören zu den zentralen Herausforderungen. Die Kriminalität zählt für viele Brasilianer zu den größten Sorgen, obwohl die Mordrate 2025 auf 19,1 vorsätzliche gewaltsame Todesfälle je 100.000 Einwohner sank – den niedrigsten Wert seit 2012. Gleichzeitig stieg die Zahl der Femizide 2025 auf 1.571, den höchsten Wert seit Einführung des Straftatbestands 2015. Auf jeden vollendeten Femizid kamen 2,7 versuchte Femizide.
In Teilen des Landes kontrollieren die kriminellen Organisationen PCC und Comando Vermelho den Drogenhandel und weitere Bereiche des lokalen Lebens. Die USA stuften beide Gruppen im Mai 2026 als Terrororganisationen ein. Lulas Regierung lehnt das unter Verweis auf die staatliche Souveränität Brasiliens ab und warnt vor möglichen US-Militäreinsätzen.
Flávio Bolsonaro, 45 Jahre alt, war 16 Jahre Abgeordneter in Rio de Janeiro und ist seit 2019 Senator. Er gilt als moderater als sein Vater Jair Bolsonaro, setzte im Wahlkampf aber klar auf Sicherheit: Geplant sind 500.000 zusätzliche Haftplätze und Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild El Salvadors. Außerdem kündigte er eine Amnestie für seinen Vater an.
Jair Bolsonaro wurde wegen seiner führenden Rolle beim Putschversuch im Januar 2023 zu 27 Jahren Haft verurteilt und steht aus gesundheitlichen Gründen unter Hausarrest. Flávios Ergebnis lag über einer Datafolha-Prognose von Ende September, die Lula bei 40 und Bolsonaro bei 36 Prozent gesehen hatte. In einer Stichwahlumfrage lagen beide bei etwa 47 beziehungsweise 45 Prozent, ihre Ablehnungswerte betrugen jeweils 45 Prozent.
Lula, 80 Jahre alt, war bereits von 2003 bis 2011 Präsident und regiert erneut seit 2023. Bei Beginn einer möglichen neuen Amtszeit im Januar 2027 wäre er 81. Er wirbt mit Arbeitsmarktreformen und Sozialprogrammen und unterstützt eine Reduzierung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit von 44 Stunden an sechs Tagen auf 40 Stunden an fünf Tagen.
Seine Bilanz ist gemischt, wie das bei Regierungen meistens ist – nur klingt es in Wahlkämpfen gern einfacher. Die Arbeitslosenquote sank Ende 2025 auf 5,1 Prozent, den niedrigsten Wert seit 2012. Der Mindestlohn wurde jährlich erhöht. Seit 2026 sind Einkommen bis 5.000 Reais monatlich, etwa 845 Euro, steuerfrei. Die Entwaldung im Amazonasgebiet ging deutlich zurück. Zugleich stiegen Staatsausgaben und öffentliche Verschuldung, zeitweise erhöhten sich die Lebensmittelpreise. Ein Betrugsskandal bei der Rentenversicherung INSS führte 2025 zum Rücktritt des zuständigen Sozialministers.
Polarisierung bis in Kirchen und soziale Netzwerke
Lula wird besonders im ärmeren Nordosten, von Frauen, Geringverdienenden und Katholiken unterstützt. Bolsonaro erhält vor allem im wohlhabenderen Süden, bei Evangelikalen, Männern und Besserverdienenden Zustimmung. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung gehört evangelikalen Kirchen an; rund 70 Prozent der Evangelikalen wählten 2018 Jair Bolsonaro. Viele Menschen verbinden Lula mit sozialem Aufstieg und einem aktiven Sozialstaat.
Im rechten Spektrum kandidierten außerdem Ronaldo Caiado von der PSD, Romeu Zema von NOVO und Renan Santos von MISSÃO; sie blieben in Umfragen einstellig. Lula wird von einem Bündnis unterstützt, das von der politischen Linken bis zur Mitte reicht. Geraldo Alckmin von der PSB soll bei einem Wahlsieg erneut Vizepräsident werden.
Die Wahlkampfthemen reichten über Sicherheit hinaus: Lebenshaltungskosten, Korruption und das Verhältnis zu den USA standen ebenfalls im Mittelpunkt. Viele Wähler sehen Korruption als strukturelles Problem. Lula setzt auf Sozialprogramme, Steuerbefreiungen und stärkere Arbeitnehmerrechte, Bolsonaro fordert einen schlankeren Staat, Ausgabenkürzungen, eine Verwaltungsreform und eine neue Aus
