Mit 86 Jahren noch einmal die Schulbank drücken? Für den Waliser Brian Jones war das keine Schnapsidee, sondern ein ziemlich konkretes Vorhaben. Siebzig Jahre nach einem ersten Fehlversuch legte der Rentner erneut seine Mathematik-Abschlussprüfung ab – und bestand.

Jones wollte geistig fit bleiben und holte das General Certificate of Secondary Education (GCSE) in Mathematik nach. Der Abschluss ist mit der deutschen Mittleren Reife vergleichbar; in Wales werden einzelne Fächer separat zertifiziert. Zur Vorbereitung besuchte Jones wöchentlich einen Kurs mit sechs Jugendlichen. Er genoss den Unterricht, gewann Selbstvertrauen und merkte nebenbei, dass sich der Prüfungsstoff in sieben Jahrzehnten ordentlich verändert hatte.

Rechnen gegen das Vergessen

Ganz ohne Bauchweh ging es trotzdem nicht. Jones befürchtete zunächst, wieder durchzufallen. Am Ende reichte es für die Note C – ungefähr eine deutsche 3. „Ich will meinen Kopf aktiv halten“, erklärte er sinngemäß, und das Alter spiele dabei keine Rolle.

Was beim Rechnen im Gehirn passiert, erläutert der Neurobiologe Martin Korte von der TU Braunschweig. Vor allem Stirn- und Scheitellappen werden beansprucht. Der Scheitellappen hilft beim räumlichen Vorstellungsvermögen, während der Stirnlappen das Arbeitsgedächtnis nutzt, Rechenwege zwischenspeichert und analytisches Denken unterstützt.

Gerade der Stirnlappen gehört zu den am schnellsten alternden Hirnregionen. Intensive geistige Nutzung kann diesen Prozess laut Korte verlangsamen. Aktive Nervenzellen setzen Stoffe frei, die ihr Überleben unterstützen und die Zahl der Verbindungen im Gehirn erhöhen. Mathematik trainiert dabei besonders das Arbeitsgedächtnis – jene Fähigkeit, die im Alter häufig nachlässt und dann für leichtere Ablenkbarkeit oder größere Schwierigkeiten bei der Planung sorgen kann.

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Rechnen ist aber nicht der einzige Weg. Frühere Hobbys wie Musizieren, Karten- und Brettspiele oder das Lernen einer bekannten Fremdsprache können geistig fordern. Auch soziale Aktivitäten, Reisen und neue Eindrücke bringen Bewegung in festgefahrene Routinen und verlangen zusätzliche Aufmerksamkeit. Jones setzte sich ein anspruchsvolles, realistisches Ziel, lernte mit deutlich jüngeren Mitschülern und erfüllte damit gleich mehrere dieser Empfehlungen.

Einbeinstand, Rückwärtslesen und Fingertanzen

Ein am 25.10.2026 veröffentlichter Ratgeber zur geistigen Fitness im Alter verweist ebenfalls auf das Zusammenspiel von Bewegung, Koordination, geistigen Aufgaben und gesunden Gewohnheiten. Denktraining allein verhindert allerdings keine Demenz.

Der Bayerische Rundfunk stellte fünf einfache Übungen für den Alltag vor: den Einbeinstand, auch „Flamingotest“ genannt, Zähneputzen mit der nicht-dominanten Hand, eine Koordinationsübung mit einer Hand am Ohr und der anderen an der Nase, das Rückwärtslesen von Telefonnummern sowie „Fingertanzen“. Klingt zunächst ein bisschen nach Kindergeburtstag. Genau darin liegt aber der Reiz: Die gewohnten Abläufe geraten kurz aus dem Takt.

Komplexe Bewegungsabläufe können die Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften stärken. Untersucht wurde das unter anderem bei Schlagzeugern. Auch Gleichgewichtstests liefern Hinweise auf gesundheitliche Risiken. 50- bis 60-Jährige, die weniger als zehn Sekunden auf einem Bein stehen konnten, hatten laut Studien ein nahezu doppelt so hohes Sterberisiko innerhalb der folgenden zehn Jahre.

Alter Orientierungswert für den Einbeinstand
18–49 Jahre 1 Minute
50–59 Jahre 40 Sekunden
60–69 Jahre 35 Sekunden
70–79 Jahre 20 Sekunden
Über 80 Jahre 5 Sekunden

Die Kognitions- und Fitnessexpertin Anna Milani beschreibt kognitiv-motorisches Dual-Task-Training als eigenständigen Trainingsbereich. Dabei wird eine motorische Aufgabe mit einer schrittweise schwierigeren Denkaufgabe kombiniert. Entscheidend ist, wie stabil die Bewegung bleibt. Die gleichzeitige körperliche und geistige Belastung aktiviert zentrale Kontrollstrukturen stärker als isolierte Aufgaben.

Was neben Sudoku noch zählt

Das spanische Referenzzentrum CRE Alzheimer empfiehlt Kreuzworträtsel, Wortsuchspiele und Sudoku ebenso wie Bilderrätsel, Karten- und Dominospiele. Lesen gehört dazu, außerdem das Auswendiglernen von Kochrezepten und Liedern sowie das Erlernen von Fremdsprachen oder Musikinstrumenten.

Die Weltgesundheitsorganisation bewertet kognitives Training als mögliche Maßnahme für Erwachsene mit normalen oder leicht beeinträchtigten geistigen Fähigkeiten. Zur Demenzvorbeugung reicht Denktraining allein jedoch nicht aus. Empfohlen werden zusätzlich regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, geringer Alkoholkonsum, ausreichend Schlaf und soziale Kontakte. Bluthochdruck, Diabetes und Cholesterin sollten kontrolliert werden.

Schon elf Minuten intensive Bewegung täglich können laut Auswertungen der Cambridge-Neurowissenschaftlerinnen Barbara Sahakian und Christelle Langley das Sterberisiko senken. 150 Minuten moderate bis intensive Bewegung pro Woche werden mit einem noch größeren Nutzen verbunden. Eine Auswertung der UK Biobank nennt sieben Stunden Schlaf als optimal für Menschen mittleren und höheren Alters. Unter sieben untersuchten Lebensstilfaktoren war Schlaf mit einer Reduktion des Depressionsrisikos um 22 Prozent verbunden.

Auch beim Essen zeigen sich Zusammenhänge. Eine Untersuchung mit 3.176 Personen zur MIND-Diät stellte geringere Depressionswerte und bessere kognitive Werte fest. Soziale Isolation erhöhte den Angaben zufolge das Demenzrisiko älterer Menschen um 26 Prozent; nach Angaben der WHO ist etwa jeder vierte ältere Erwachsene von sozialer Isolation betroffen.

Peter Berlit von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie erklärte, ein aktiver und gesunder Lebensstil könne den kognitiven Abbau um Jahre verzögern und das Demenzrisiko um mehr als 40 Prozent senken. In einer 14-jährigen Untersuchung, die in „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde, reduzierten täglich 5.000 bis 7.500 Schritte bei 296 kognitiv unbeeinträchtigten Personen schädliche Eiweißablagerungen im Gehirn deutlich.

Korte fasst seine Alltagsempfehlungen mit der „5L+G-Regel“ zusammen: Lernen, Laufen beziehungsweise Sport, Lieben beziehungsweise Zeit mit anderen Menschen, Lachs als Symbol für gesunde Ernährung – etwa mit Linsen, Gemüse, Obst und Fisch –, Lachen zum Stressabbau und Gewohnheiten ändern. Ein ziemlich voller Merkzettel, aber keiner, für den man zwingend wieder eine Prüfung ablegen muss.

Musik als Training mit mehreren Ebenen

Ein Instrument passt gleich an mehreren Stellen in dieses Bild. Musik kann das Gehirn auf unterschiedliche Weise anregen: Beim Hören, Tanzen oder aktiven Musizieren werden Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Bewegung und Emotionen gleichzeitig aktiviert. Besonders wirkungsvoll ist das aktive Spielen eines Instruments.

Wer neue Stücke lernt, Noten liest und sein Gehör schult, trainiert mehrere Fähigkeiten parallel. Das ist in jedem Alter möglich. Forschungen der University of South Florida zeigen, dass Klavierunterricht bei älteren Erwachsenen unter anderem Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und geistige Reaktionsfähigkeit verbessern kann.

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Herausforderung und Alltag, die Brian Jones’ Geschichte so nahbar macht: ein Kursraum, sechs jüngere Mitschüler, veränderte Rechenaufgaben und die Nervosität vor einer Prüfung. In Braunschweig, an der TU, sitzt derweil die Erklärung dazu – im Stirnlappen, im Arbeitsgedächtnis und in den Verbindungen, die weiterarbeiten, wenn man ihnen etwas zu tun gibt.