Wuppertaler Rundschau gewinnt den Durchblick-Preis für lokales OB-Duell
Am 31. Oktober 2026 geht der Durchblick-Preis des Bundesverbands kostenloser Wochenzeitungen (BVDA) nach Wuppertal: Tomas Cabanis, Stefan Seitz, Roderich Trapp und Jörn Koldehoff von der Wuppertaler Rundschau gewinnen den mit 5.000 Euro dotierten Medienpreis. Ausgezeichnet wurde ihr zweistündiges öffentliches „OB-Duell“ vor der Oberbürgermeister-Stichwahl zwischen Miriam Scherff (SPD) und Matthias Nocke (CDU). Auch Publikum war dabei.
Das Format zeigte, wie Lokalmedien politische Auseinandersetzungen begleiten und den direkten Austausch zwischen Kandidierenden und Bürgern ermöglichen können. Keine große Berliner Bühne, sondern ein konkreter Termin vor Ort, mit bekannten Gesichtern und Fragen, die in der Stadt tatsächlich herumgehen.
Geschichte vor der eigenen Haustür
Den zweiten Platz belegen Lars Kindermann und weitere Mitarbeitende der Rheinischen Anzeigenblätter aus Köln. Für die Serie „80 Jahre Kriegsende“ erhalten sie 3.000 Euro. Die Beiträge dokumentieren die Ereignisse im Frühjahr 1945, als alliierte Truppen durch das heutige Verbreitungsgebiet im Rhein-Erft-Kreis in Richtung Köln vorrückten.
Recherchiert wurde bei Stadtarchivaren, kommunalen Geschichtsvereinen und Lokalhistorikern. Die Serie stellte die historischen Ereignisse anhand lokaler Schauplätze und persönlicher Perspektiven dar. Gerade diese Nähe macht aus großer Geschichte etwas Greifbares: einen Ort, einen Weg, vielleicht eine Erinnerung, die in einer Familie weitergegeben wurde.
Der dritte Platz und 2.000 Euro gehen an Miriam Dabitsch von den FUNKE Anzeigenblättern in Nordrhein-Westfalen. Ihr Beitrag „Vier Jahre im Todesbunker von Volmarstein“ erzählt die Geschichte von Thomas Frauendienst, der in einem Heim schweres Leid erfahren hatte. Die Jury würdigte Dabitschs Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Thema.
Warum lokale Nachrichten mehr sind als Termine und Baustellen
Der BVDA vergibt den Durchblick-Medienpreis 2026 zum 21. Mal. Neu ausgerichtet wurde der Preis in diesem Jahr: Im Mittelpunkt stehen die publizistische Qualität und die gesellschaftliche Relevanz kostenloser Wochenzeitungen. Die neue finanzielle Ausstattung wurde durch den Sponsor HAIBERG ermöglicht.
BVDA-Ehrenpräsident Alexander Lenders betonte die Bedeutung kostenloser Wochenzeitungen für Information, Orientierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bei einer Veranstaltung an der TU Dortmund sprach außerdem die Medienwissenschaftlerin Wiebke Möhring über die Rolle des Lokaljournalismus.
Ihre Zahlen sind ziemlich deutlich: Mehr als 80 Prozent der Menschen interessieren sich für Nachrichten aus ihrer Region, 48 Prozent sogar mit „äußerst“ oder „sehr“ großem Interesse. Im Vergleich zu Politik, Internationalem, Umwelt und Klimawandel, Kriminalität und Sicherheit sowie Wissenschaft und Technologie liegen lokale Nachrichten mit 59 Prozent vorn. Das Interesse steigt mit zunehmendem Alter.
Lokale Nachrichten bedienen laut Möhring ein Bedürfnis nach sozialer Orientierung und helfen, gesellschaftliche Komplexität zu reduzieren. Wer weiß, was im Rathaus passiert, welche Entscheidung im Gemeinderat ansteht oder warum eine Straße monatelang gesperrt ist, kann sich leichter einmischen. Die Nutzung lokaler Nachrichten steht positiv mit sozialer Integration und zivilgesellschaftlicher Aktivität in Verbindung – etwa mit Vereinsmitgliedschaften oder der Teilnahme an lokalen Initiativen.
Für die Kommunalpolitik sind Lokalnachrichten eine zentrale Informationsquelle über das Handeln örtlicher Amtsträger. Transparenz und Kontrolle gehören dabei zum demokratischen Handwerk auf Gemeindeebene. Wissenschaftliche Studien zeigen zugleich, was fehlt, wenn Lokalzeitungen und kostenlose Wochenzeitungen verschwinden: Die Qualität ortsbezogener Informationen sinkt, ebenso Gemeinsinn und Zugehörigkeitsgefühl sowie die Qualität politischer Arbeit. Gleichzeitig nehmen Gesetzesverstöße und Korruption zu.
Zwischen Plattformen, Postadressen und Raubmordkopieren
Der Correctiv-Journalist David Schraven warnte vor einem unbedachten Einsatz Künstlicher Intelligenz. Traditionelle Medien seien zunehmend von sozialen Medien abhängig und zugleich stärker von ihrem Publikum abgeschnitten. Investitionen in soziale Medien sollten die Reichweite erhöhen, doch entsprechende Einnahmen flossen nicht zurück.
Die Übernahme journalistischer Inhalte durch soziale Medien nannte Schraven zunächst „Raubkopieren“, heute spreche er von „Raubmordkopieren“. Messenger-Dienste ersetzten Telefonnummern zunehmend durch Nutzernamen. Dadurch verlören Medien den direkten Kontakt zu ihrem Publikum. KI fasse Newsletter zusammen, bevor Nutzer die ursprünglichen Informationen direkt von den Medien erhalten – die Öffnungsraten sinken, die Erlöse ebenso.
Eine Postadresse ist da, nüchtern gesagt, erstaunlich wertvoll: Haushalte bleiben über sie direkt erreichbar, und Plattformbetreiber kontrollieren diesen Kontaktweg nicht. Schraven plädierte deshalb dafür, dass Medien ihre Kernfunktion erfüllen und vor Ort Erlebnisse sowie Gemeinschaft schaffen, statt noch mehr Geld in große Plattformen und deren Algorithmen zu stecken.
Ein Feld im Umbruch
Wie breit dieses Feld ist, zeigt das Dossier „Lokaljournalismus“ der Bundeszentrale für politische Bildung. Es untersucht die gesellschaftliche Rolle lokaler Medien und ihre aktuellen Aufgaben: das Verhältnis zur Demokratie, wirtschaftliche Veränderungen und alternative Finanzierungsmodelle, die Beziehung zu Bürgern, crossmediale Arbeitsweisen und digitale Entwicklungen. Auch Verantwortung, journalistische Distanz, die Berichterstattung über Unglücke sowie Themen wie Flüchtlinge und Migration gehören dazu.
Weitere Schwerpunkte sind Lokaljournalismus in Ostdeutschland und im europäischen Kontext, Bürgerproteste, Leserbeteiligung, Blogs und neue Beteiligungsmodelle, der Einfluss von PR auf lokale Medien sowie Ausbildung und Praxis lokaler Journalistinnen und Journalisten. Lokaljournalismus wird darin als Beobachter und Vermittler politischer Prozesse und gesellschaftlicher Debatten beschrieben. Lokale Medien sollen politische Themen für den Alltag der Menschen verständlich machen.
Die Kommunikation vor Ort findet längst nicht mehr nur in traditionellen Medienhäusern statt. Blogs, digitale Formate und weitere Medienangebote mischen mit; Medien, Formate und journalistische Konzepte befinden sich seit Jahren im Umbruch. Das Dossier enthält Beiträge aus dem Lokaljournalistenprogramm und dem Fachmagazin drehscheibe für Lokalredaktionen.
Das Dossier erschien am 29. November 2012. Der Einführungstext von Wiebke Möhring wurde am 21. Dezember 2011 veröffentlicht und ist mit einer Lesedauer von sechs Minuten angegeben. Eine zentrale Frage lautet, was Journalismus in der lokalen Sphäre ausmacht und welche Ziele und Herausforderungen lokale Medienschaffende haben. Uwe Vetterick, Chefredakteur der Sächsischen Zeitung in Dresden, bringt eine angemessene lokale Berichterstattung auf den Satz: „Genau hinschauen und schreiben, was ist.“
Zu den Praxis- und Videobeiträgen gehören Bürgerproteste gegen Fluglärm, Ortsumgehungen und Atomenergie, Lokalblogger und ihre Recherchen sowie die Reaktionen etablierter Zeitungen. Hinzu kommen Video-Interviews und multimediale Arbeitsweisen, die Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden, der Einfluss von PR-Strategien auf lokale Medien, Journalistenausbildung und die Bedeutung professioneller Distanz. Ein Schwerpunkt liegt außerdem auf der Berichterstattung über die Unterbringung von Flüchtlingen.
Das Dossier verweist auf Infografiken der Bundeszentrale für politische Bildung mit unterschiedlichen Creative-Commons-Lizenzen. Das Lokaljournalistenprogramm der bpb bietet Veranstaltungen, Publikationen, Weiterbildung und Service für Lokaljournalisten an.
Quelle und Kontakt: Bundesverband kostenloser Wochenzeitungen e. V. (BVDA), Markgrafenstraße 15, 10969 Berlin, Telefon 030 726298-2818.
