André Brodocz wird Präsident der Universität Erfurt – Amtsantritt im Zeichen des Spardrucks
André Brodocz wird neuer Präsident der Universität Erfurt. Der Professor für Politische Theorie wurde mit großer Mehrheit gewählt, nachdem das Amt im ersten Wahlgang zunächst unbesetzt geblieben war. Wann seine Amtszeit beginnt, steht noch nicht fest. Bis dahin führt Prof. Dr. Walter Bauer-Wabnegg die Hochschule kommissarisch weiter.
Für Brodocz ist die Wahl auch deshalb bemerkenswert, weil er der erste Präsident der Universität Erfurt aus den eigenen Reihen ist. Die Vorsitzende des Universitätsrats und Leiterin der Findungskommission, Prof. Dr. Andrea Dorothea Bührmann, begrüßte seine erneute Kandidatur. Sie verwies auf sein langjähriges Engagement als Senator, Mitglied des Universitätsrats, Dekan und seit Februar 2024 als Vizepräsident.
Ein vertrautes Gesicht an der Spitze
Brodocz ist seit 2009 Professor für Politische Theorie in Erfurt und seit Anfang beziehungsweise Februar 2024 Vizepräsident für Forschung und akademische Karriere. Als Dekan der Staatswissenschaftlichen Fakultät wurde er mehrfach wiedergewählt. Bührmann hob außerdem seine politische Expertise und seine Vernetzung in Thüringen hervor.
Seit fast 30 Jahren arbeitet Brodocz an ostdeutschen Universitäten, wo er stets seinen Lebensmittelpunkt hatte. Politikwissenschaft, Soziologie und Neuere deutsche Literatur studierte er an der Philipps-Universität Marburg. Anschließend war er zwölf Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden bei Prof. Dr. Hans Vorländer. Er promovierte mit „summa cum laude“ und habilitierte sich 2007.
Der künftige Präsident leitet derzeit ein DFG-gefördertes Forschungsprojekt zur Rekonfiguration von Recht und Politik in den Verfassungstransformationen Boliviens und Ecuadors. Ein weiteres, von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördertes Projekt untersucht ökologische Konflikte und Repräsentationsansprüche.
„Ich freue mich außerordentlich über meine Wahl und fühle mich der Universität Erfurt eng verbunden“, erklärte Brodocz. Gleichzeitig sieht er herausfordernde Zeiten auf die Hochschule zukommen. Hintergrund ist die Rahmenvereinbarung der Landesregierung, durch die erhebliche Einsparungen beim Personal erwartet werden. Brodocz betonte, diese Einsparungen dürften nicht ausschließlich Stellen wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treffen. Mit jeder jungen wissenschaftlichen Generation seien Innovationen in Forschung und Lehre verbunden.
Weniger Geld, mehr Zusammenarbeit
Der finanzielle Druck betrifft nicht nur Erfurt. Das Thüringer Bildungs- und Finanzministerium haben sich auf einen Gesetzentwurf für die Hochschulrahmenvereinbarung VI geeinigt. Die zehn staatlichen Hochschulen und Universitäten sollen in den kommenden fünf Jahren rund 3,1 Milliarden Euro erhalten. Die Studierendenzahl ist seit Jahren rückläufig und liegt derzeit bei rund 45.000.
Die Landesmittel sollen zwar jährlich steigen, voraussichtlich aber deutlich langsamer als die Inflation und die Tarifkosten im öffentlichen Dienst. Auch die Ruhestandsgehälter pensionierter Professoren müssen aus den Hochschulbudgets bezahlt werden. Vorgesehen sind rund 608 Millionen Euro im Jahr 2027 und rund 643 Millionen Euro im Jahr 2031. Über fünf Jahre entspricht das einem Anstieg von 5,8 Prozent; in den vergangenen fünf Jahren war der Etat der staatlichen Hochschulen noch um 16,4 Prozent gewachsen.
Kai-Uwe Sattler, Vorsitzender der Landespräsidentenkonferenz, bewertet den Entwurf trotz des Sparzwangs positiv, weil er finanzielle Planungssicherheit für fünf Jahre biete. Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Teichert sieht weitgehend Konsens mit den beteiligten Hochschulen. Qualität und Attraktivität der Hochschulen sollen trotz der schwierigen Finanzlage mindestens erhalten bleiben.
Die Hochschulen verfügen über Globalbudgets und können ihre Mittel weitgehend eigenständig verteilen. Auch Finanzmittelbestände sollen weiterhin genutzt werden können und nicht angetastet werden. Gleichzeitig erwartet das Ministerium angesichts des Kostendrucks mehr Kooperation: etwa bei gemeinsamer Rechtsberatung im Prüfungs-, Arbeits- und Vergaberecht, aber auch in Studium und Lehre.
KI, Lehramt und ein Rechenzentrum für alle
Als Beispiel für die Zusammenarbeit gilt das Pilotprojekt „ThüLeNa“, das sieben Hochschulen im Bereich Ingenieurwissenschaften verbindet. Es könnte zum Modell dafür werden, dass Studierende Leistungspunkte auch an anderen Thüringer Hochschulen erwerben können. Bereits bestehende Kooperationen gibt es unter anderem bei Lizenzen und KI-Rechenzentren.
In Ilmenau entsteht ein Landesrechenzentrum, das ab 2028 von allen zehn staatlichen Hochschulen genutzt werden soll. Künstliche Intelligenz soll außerdem ein eigener Schwerpunkt der neuen Rahmenvereinbarung werden. Studierende sollen auf eine Arbeitswelt vorbereitet werden, in der KI eine größere Rolle spielt – mit praktischen Fähigkeiten wie dem Prompten, aber ebenso mit Kenntnissen über ethische Fragen.
Weitere Schwerpunkte sind die Lehrerausbildung, die Fachkräftegewinnung, Innovationen und deren Transfer in die Thüringer Wirtschaft sowie eine stärkere sprachliche und kulturelle Vorbereitung ausländischer Studierender. Bei der Lehrerausbildung sollen sich die Hochschulen stärker am Bedarf der Schulen orientieren. Die Universität trägt dabei gemeinsam mit der Politik Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft – ein großer Anspruch, gerade wenn gleichzeitig an Personalstellen gerüttelt wird.
Entscheidung noch in diesem Jahr
Die neue Rahmenvereinbarung soll erstmals acht statt fünf Jahre gelten. Eine Zwischenevaluation der inhaltlichen Vorgaben ist für Ende 2030 geplant. Spätestens dann soll auch über die Finanzierung der verbleibenden drei Jahre entschieden werden.
Noch befindet sich der Entwurf in der Ressortabstimmung. Danach soll das Kabinett beraten; im September soll der Entwurf in den Landtag eingebracht werden. Der Landtag soll die Vereinbarung bis Jahresende beschließen, weil die aktuelle Vereinbarung dann ausläuft.
Für Brodocz bleibt bis zu seinem Amtsantritt also einiges offen. Im November war zunächst eine andere Kandidatin zur Präsidentin gewählt worden. Mit ihr kam laut Universität bei den anschließenden Verhandlungen jedoch keine Einigung zustande; dies wurde Mitte Juli mitgeteilt. Bis der neue Präsident tatsächlich übernimmt, bleibt Walter Bauer-Wabnegg an der Spitze der Universität Erfurt.
Quelle: Süddeutsche Zeitung / dpa
Weitere Informationen: Universität Erfurt
Hintergrund: MDR
