Das Gewandhaus Leipzig wird zum überwachten Biodiversitäts-Gründach
Auf dem denkmalgeschützten Gewandhaus Leipzig wächst jetzt nicht mehr bloß Kies. Auf rund 800 Quadratmetern Dachfläche entstand aus dem früheren Kiesdach ein artenreiches Biodiversitäts-Gründach. Das Gewandhaus wurde 1981 errichtet und steht unter Denkmalschutz. Während unten weiter Konzerte und Spiele liefen, wurde oben gesaugt, geschraubt, gemessen und gepflanzt.
Der Augustusplatz gilt laut Stadtklimaanalyse als klimatischer Sanierungsbereich mit hoher Hitzebelastung. Bei Starkregen kann die Kanalisation überlastet werden. Das neue Dach soll deshalb mehr können, als nur hübsch auszusehen: Durch Verdunstung kann es die sommerliche Überhitzung und den Kühlbedarf reduzieren, im Winter zusätzlich dämmen und damit Wärmeverluste sowie Heizkosten verringern. Regenwasser wird gespeichert – ein kleiner, aber realer Baustein für die Schwammstadt. Auch die Schallreflexionen im Gebäude sollen messbar abnehmen.
Messfühler im Substrat, Drohnen über dem Dach
Das Gewandhaus-Dach ist eines von vier Reallaboren der sächsischen Klimaforschung. Auf einem etwa 150 Quadratmeter großen Versuchsfeld installierte die HTWK Leipzig noch vor der Bepflanzung faseroptische Sensoren. Sie messen kontinuierlich, wie Temperatur und Feuchte im Substrat verteilt sind. Regelmäßige Drohnenüberflüge mit Wärmebildkamera ergänzen die Messungen. Die Daten stehen in Echtzeit zur Verfügung und können vor Ort über einen QR-Code abgerufen werden.
Das klingt nach großer Technik für ein vergleichsweise kleines Stück Dach – ist aber praktisch gedacht. Das Monitoring soll Trockenstress früh erkennen und eine gezielte Bewässerung trockener Bereiche ermöglichen. Die mikroklimatischen Untersuchungen laufen im UFZ-Projekt „ValiGrün“, kofinanziert durch den Sächsischen Landtag und die EU. In der erweiterten Projektbeschreibung wird ValiGrün als „Validierung des Klimaanpassungspotenzials zur Optimierung der Funktionen blau-grüner Infrastrukturen im urbanen Raum“ geführt; finanziert wird es durch SAB/EFRE, Fördernummer 100758418.
Beteiligt sind die HTWK Leipzig, die TU Dresden, das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Untersucht werden unter anderem die Auswirkungen von Gründächern auf Gebäude- und Umgebungsklima, Wasserrückhaltung und Schadstoffabbau durch Pflanzen. Für die TU Dresden ist der Ort damit zugleich Forschungsstandort und Anschauungsobjekt – mitten im Leipziger Konzertbetrieb, nicht im abgeschotteten Versuchsgelände.
2.765 Pflanzen und Blüten bis in den Herbst
Auf dem Dach wurden 2.765 regional kultivierte Klein- und Flachballenpflanzen aus neun Pflanzenfamilien gesetzt. Einige stammen aus dem Berufsbildungswerk Leipzig für Hör- und Sprachgeschädigte. Verwendet wurden die „Leipziger Gründachmischung“ mit 20 insektenfreundlichen Kräutern und Steingartenarten sowie die ZinCo-Pflanzengemeinschaften „Steinrosenflur“ und „Bienenweide“.
Die Blütenstaffel beginnt ab März mit Frühlings-Fingerkraut und Rauem Veilchen. Im Sommer folgen Rundblättrige Glockenblume, Färberkamille und Nickendes Leimkraut. Im Herbst übernimmt die Hohe Fetthenne. Für Insekten zieht sich das Angebot damit vom Frühjahr bis in den Spätherbst; für die Menschen unten bleibt es vermutlich vor allem dann sichtbar, wenn sie gezielt nach oben schauen.
Die Stadt Leipzig fördert Dach- und Fassadenbegrünungen sowie Entsiegelungen. Im „Leipziger Gründach Think Tank“ arbeiten Behörden, Wissenschaft, Gartenbau und Gründachhersteller zusammen. Seit Mitte 2023 treffen sich regelmäßig Forschende und Interessierte zu Gründächern aus Mitteldeutschland in Leipzig, jeweils an wechselnden Leipziger Standorten mit Bezug zu Gründächern. Es geht um den Austausch über aktuelle Themen, die Entwicklung neuer Projekte und den Aufbau sowie die Weiterentwicklung des Gründachkollegs. Weitere Mitglieder können sich per E-Mail an gruendachakademie@leipzig.de wenden.
Ein Dach als Baustelle – und als Lehrstück
Die Arbeiten liefen bei laufendem Konzert- und Spielbetrieb. Beengte Zufahrten und geringe Standflächen machten eine aufwendige Baustellenlogistik nötig. Nach der Montage von Arbeitsschutzgeländern wurden Blitzschutzanlage und Beleuchtung demontiert. Der alte Kies wurde abgesaugt, danach erneuerten die Beteiligten Dachabdichtung und Abläufe vollständig.
Unter den Pflanzen liegt ein mehrschichtiger Aufbau: Wurzelschutzfolie WSF 40, Schutz- und Speichermatte SSM 45 sowie Drän- und Wasserspeicherelemente Floradrain FD 25. Die Floradrain-Elemente halten Regenwasser in Mulden und leiten überschüssiges Wasser zu den Abläufen. Insgesamt wurden 60 Kubikmeter ZinCo-Systemerde „Steinrosenflur“ per Silozug aufgebracht.
Aus statischen Gründen beträgt die Substrathöhe überwiegend 8 bis 10 Zentimeter, Anhügelungen erreichen bis zu 15 Zentimeter. Kiesfangleisten trennen die bepflanzten Flächen von Rand- und Technikbereichen. Die Planung und Baubetreuung übernahm das Ingenieurbüro für Bauwerkserhaltung in Leipzig, den Garten- und Landschaftsbau Heidel Garten- und Landschaftsbau aus Hartenstein. Die Kiesabsaugung erledigte die Firma Wagner aus Zwenkau, fachlich beraten zur Pflanzenzusammenstellung hat Dr. Peter Otto von der Universität Leipzig.
Eine Praxisanleitung zur Pflege und Optimierung Leipziger Gründächer soll später weiteren Bauherren als Leitfaden dienen. Im Think Tank gehören dazu auch die Begleitung studentischer Arbeiten zu Gründächern, die Konzeption des 6. Leipziger Gründachkollegs und des 2. Mitteldeutschen Gründachtags für 2027. Auf der aktuellen Themenliste stehen außerdem der Aufbau eines neuen Gründachs auf dem Gewandhaus zu Leipzig, die Ausstattung des Gewandhaus-Gründachs mit Messinstrumenten und Bewässerungssystem sowie die Entwicklung eines Messkonzepts für das Gewandhaus-Gründach. Als physische Projekte werden ein Modell-Gründach im Botanischen Garten und die Begleitung des Aufbaus eines Gründachs auf dem Gewandhaus zu Leipzig genannt.
Zum Wissenstransfer zählen das Leipziger Gründachkolleg, der Mitteldeutsche Gründachtag, die Broschüre „Die Grüne Stadt“ und die Broschüre „Leipziger Gründächer pflegen, erhalten und optimieren“. In „Wasser und Abfall“, Ausgabe 5/2026, erschienen sechs Beiträge: N. Wollschläger und R. Graß schreiben über die Auswirkungen des Klimawandels auf das ökologische Potenzial von Gründächern in Mitteldeutschland. L. Müller, M. Ruzanski, A. Richter und B. Hohlig behandeln den Leitfaden zur Zustandsverbesserung bestehender extensiver Gründächer. P. Schneider spricht im Interview „Mehr Gründächer für Leipzig durch Qualifizierung, Vernetzung und neue Impulse mit dem Wettbewerb 2026“ über das Thema.
Ebenfalls dabei sind der Vergleich vorgelagerter Umweltwirkungen bei Gründachsubstraten mit Ersatzbaustoffen von P. Schneider, J. Kannengießer, C. Dorer, G. Wilhelm und A. Marx, der Beitrag von L. Moeller, R. Trabitzsch und K. Bernhard zur Qualität des Ablaufwassers von Gründächern sowie die Untersuchung von A. Bernhardt, U. Meyer und A. Brinckmann-Lange zu Rückhaltevermögen und Abflusseigenschaften von Gründächern. In „Wasser und Abfall“, Ausgabe 9/2026, erschien außerdem der Beitrag „Herausforderungen und Chancen der kommunalen Förderung von Dachbegrünung“ von A. Richter und F. Löffler.
Im Netzwerk vertreten sind das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung GmbH – UFZ, das Amt für Umweltschutz der Stadt Leipzig, das Amt für Schule der Stadt Leipzig – Schulbiologiezentrum, die Leipziger Wasserwerke, der Botanische Garten der Universität Leipzig, die HTWK, die Hochschule Magdeburg-Stendal, die Hochschule Anhalt, TROPOS, das Bildungs- und Demonstrationszentrum Dezentrale Infrastruktur – BDZ e. V., ThINK – Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz GmbH, ZinCo GmbH, Optigrün international AG, Garten-
