eSAF zwischen Versorgungssicherheit und Markthochlauf in Europa
Am 14. Oktober 2026 ist die Kerosinfrage längst mehr als ein Thema für Tanklager und Flugpläne. Der Krieg zwischen den USA und Iran und weitere globale Krisen zeigen, wie abhängig und schwankend fossile Lieferketten sind. Die befürchtete Kerosinknappheit blieb im Sommer zwar aus, weil die internationalen Rohstoffmärkte mögliche Folgen teilweise abfedern konnten. Billig wurde es dadurch nicht: Industrie und Verbraucher zahlten mehr, besonders bei den Kerosinkosten der Luftfahrt.
Für Airlines fühlt sich diese Entwicklung sehr unterschiedlich an. Einige geben die Mehrkosten über höhere Ticketpreise weiter und bauen ihr Luxussegment aus. Andere streichen Strecken oder schreiben Verluste. Gleichzeitig bleibt offen, wie sicher Europas Versorgung ist. Neben der Straße von Hormus gilt wegen der Bedrohung der Straße von Bab al-Mandab nun auch die Ausweichroute als instabil. Was das für die europäische Versorgung bedeutet, ist noch nicht absehbar.
eSAF soll Abhängigkeiten breiter verteilen
Eine Diversifizierung der Kraftstoffquellen könnte die Abhängigkeit von fossilen Lieferketten verringern. Bio-SAF und eSAF sind dabei sogenannte „Drop-in“-Kraftstoffe: Sie lassen sich in bestehenden Flugzeugflotten und Betankungsinfrastrukturen einsetzen, ohne dass größere technische Anpassungen nötig wären. Gerade im Langstreckenflugverkehr dürften flüssige Energieträger voraussichtlich weiterhin gebraucht werden.
eSAF, auch Power-to-Liquid-Kerosin genannt, entsteht aus erneuerbarem Wasserstoff und nachhaltigem Kohlenstoff. Der Wasserstoff wird durch Elektrolyse mit erneuerbarem Strom hergestellt. Werden die europäischen Nachhaltigkeitsanforderungen eingehalten, können die Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus deutlich sinken. Für Transport, Lagerung und Betankung kann die vorhandene Infrastruktur genutzt werden.
Bio-SAF ist beim Hochlauf schon weiter. Laut einem EASA-Bericht von Juni 2025 übertraf die Branche die für 2025 geltende ReFuelEU-Beimischquote von zwei Prozent für biologisches SAF. Die SAF-Mengen stiegen gegenüber 2024 ungefähr auf das Sechsfache. Menge und Anteil des bereitgestellten Bio-SAF deuten nach Einschätzung der Autoren auf eine ausreichende Flexibilität des Marktes für zusätzliche Nachfrage hin.
eSAF leistete 2025 dagegen noch keinen nennenswerten Beitrag zur Diversifizierung der Kraftstoffversorgung und ist kurzfristig keine eigenständige Lösung für Versorgungsrisiken. Langfristig kann der synthetische Kraftstoff aber Teil eines breiter aufgestellten Portfolios werden, das Klimaschutz und Versorgungssicherheit zusammenbringt. Neben Klima- und Umweltschutz gewinnt deshalb auch die Resilienz- und Sicherheitspolitik als Argument für den Ausstieg aus fossilen Kraftstoffen an Gewicht.
Ein Markt mit Henne und Ei
Der eSAF-Markthochlauf steckt auf beiden Seiten fest. Auf der Angebotsseite ist der Kraftstoff teuer und großindustriell bislang wenig erprobt; kurzfristig fehlen Produktionskapazitäten. Gleichzeitig erschwert die begrenzte Nachfrage Investitionen und die Skalierung. Fluggesellschaften zögern, langfristige Abnahmeverträge zu hohen Preisen abzuschließen. Produzenten investieren deshalb zurückhaltend, Skaleneffekte und mögliche Kostensenkungen bleiben aus. Henne oder Ei? Genau diese Frage macht die politische Auswahl geeigneter Instrumente so mühsam.
Unklar ist, ob vor allem die langsame Produktionsskalierung oder die geringe Zahlungsbereitschaft der Luftfahrtbranche bremst. EU-Beimischquoten erhöhen zwar die Nachfrage nach SAF und eSAF im EU-Luftraum, reichen allein aber nicht. Zusätzliche marktorientierte Instrumente könnten den Markt flankieren.
Der Aufbau einer heimischen eSAF-Produktion könnte wirtschaftliche Chancen schaffen und zugleich die europäische Transformations-, Klima- und Resilienzpolitik stützen. Dafür müssten Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam und zielgerichtet vorgehen. Die Autoren halten schnelle Investitionsentscheidungen für erforderlich.
EU-Vorgaben wie ReFuelEU Aviation und verbindliche Beimischquoten schaffen erste Anreize für den SAF-Markthochlauf. Politisch bleibt es trotzdem wackelig: Wegen des laufenden Überprüfungsprozesses der ReFuelEU Aviation ist unsicher, wie es weitergeht. Die bisherigen SAF-Ziele werden zwar erreicht, ob das auch für die eSAF-Unterquote gilt, ist offen.
Der Doppelauktion fehlt noch die letzte Genehmigung
Deutschland, Österreich und Luxemburg wollen gemeinsam den europäischen Markthochlauf von erneuerbarem, strombasiertem Kerosin beschleunigen. Ihr Doppelauktionsmechanismus soll eSAF-Produzenten und Abnehmer zusammenführen. Frankreich ist ebenfalls als Partner des angekündigten Mechanismus genannt. Staatliche Förderung soll dabei die Preislücke zwischen Produktionsangeboten und Abnehmernachfrage schließen und künftige Zahlungs- und Warenströme planbarer machen.
Vorgesehen sind bis zu zwei Milliarden Euro aus Deutschland, bis zu 60 Millionen Euro aus Österreich und bis zu 60 Millionen Euro aus Luxemburg. Die drei Länder bündeln ihre Fördermittel, um Investitionen in industrielle eSAF-Produktion zu erleichtern. Die geförderten Mengen sollen entsprechend dem jeweiligen Anteil der eingebrachten Fördermittel in Deutschland, Österreich und Luxemburg in Verkehr gebracht werden.
Der Hintergrund ist ein ziemlich praktischer Zeitkonflikt: Produzenten brauchen langfristige Abnahmeverträge, um neue Anlagen abzusichern. Abnehmer schließen Flugkraftstoffverträge üblicherweise über deutlich kürzere Zeiträume. Diese zeitliche und wirtschaftliche Lücke hat den Bau neuer Produktionsanlagen bislang erschwert.
Bei der Doppelauktion werden in einem wettbewerblichen Verfahren zunächst Angebote von eSAF-Produzenten ermittelt. Parallel wird die Nachfrage der Abnehmer erfasst. Ein Intermediär gleicht die Differenz zwischen Angebots- und Nachfragepreisen mit staatlichen Mitteln aus. Das Programm soll langfristige Produktionsperspektiven mit wettbewerblichen Abnahmebedingungen verbinden, neue Anlagen ermöglichen und einen wettbewerblichen Abnahmemarkt entwickeln.
Ganz in trockenen Tüchern ist das Vorhaben noch nicht: Es steht unter dem Vorbehalt der beihilferechtlichen Genehmigung durch die Europäische Kommission. Die deutsche Marktkonsultation zum geplanten Fördermechanismus ist abgeschlossen. Sie war Teil des beihilferechtlich erforderlichen Verfahrens und sammelte Rückmeldungen aus Industrie und Wissenschaft. Die Ergebnisse zeigen breites Marktinteresse an einem beschleunigten eSAF-Ausbau in Europa; zugleich betonen die Rückmeldungen die Bedeutung geeigneter Förderinstrumente, um bestehende Investitionshemmnisse zu überwinden.
Deutschland, Österreich und Luxemburg sind außerdem Gründungsmitglieder der im Dezember 2025 gestarteten „eSAF Early Movers’ Coalition“. Sie soll durch Zusammenarbeit, Erfahrungsaustausch und gemeinsame finanzielle Unterstützung den europäischen Markthochlauf beschleunigen.
Fördern, aber nicht blindlings
Auf der Angebotsseite kommen Förderprogramme für Forschung und Entwicklung infrage, ebenso finanzielle Unterstützung für Demonstrationsanlagen sowie Hilfe für Anlagen- und Infrastrukturbetreiber. Wettbewerbspolitische Maßnahmen könnten aktive Marktteilnehmer stärken. Ziel wäre, technologische Reife, Skalierbarkeit und Markteintritt zu verbessern.
Auch der Staat könnte als Abnehmer auftreten, etwa mit Beschaffungen für Notfalldienste oder das Militär. Vorgeschlagen wird zudem, eSAF in nationale Erdölreserven zu integrieren. Staatliche Abnahmegarantien könnten Produzenten zunächst Planungssicherheit geben und Akzeptanz sowie Verfügbarkeit erhöhen. Mittelfristig könnte daraus ein ausreichendes Angebot zu akzeptableren Preisen für private Abnehmer entstehen.
Eine einseitige Förderung wäre allerdings riskant. Der Markthochlauf ist kein Selbstläufer und braucht flexibel anpassbare Instrumente für Angebot und Nachfrage. Werden ohne genaue Analyse der Marktstruktur nur die Quoten erhöht, während Kapazitäten fehlen, drohen künstliche Verknappung und weiter steigende eSAF-Preise. Umgekehrt könnte eine starke Produktionsförderung ohne Abnahmegarantien Überkapazitäten schaffen, die Wirtschaftlichkeit des Sektors kurzfristig gefährden und wichtigen frühen Marktteilnehmern den Markteintritt erschweren.
Mittel- und langfristig könnten solche Verzerrungen den europäischen Wirtschaftsstandort schwächen. Auch die Ziele einer größeren Resilienz und geringerer Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferquellen wären dann beeinträchtigt. Der angekündigte Doppelauktionsmechanismus soll genau dieses Gleichgewichtsproblem entschärfen – zumindest ein Stück weit.
Was der EU-Blick auf 2025 zeigt
Der am 17. September 2026 veröffentlichte Jahresbericht der EASA zur Umsetzung der ReFuelEU-Aviation-Verordnung untersucht die SAF-Verfügbarkeit und Versorgung in der EU im Jahr 2025, dem ersten Jahr der verbindlichen Vorgaben. SAF umfasst synt
