Sarah Veceras Praxisbuch macht Kirchengemeinden zu Orten rassismuskritischer Veränderung
Rassismus beginnt nicht erst am Rand der Gesellschaft. Er kann beim Geburtstagskaffee auftauchen, in einer Konfirmandinnengruppe als Meme weitergereicht werden oder in der Sitzordnung einer Gemeinde stecken. Sarah Vecera will Kirchengemeinden dabei helfen, solche Situationen wahrzunehmen und handlungsfähig zu werden. Ihr neues Praxisbuch „Wie ist Jesus weiß geworden?“ ist 2026 im Patmos Verlag erschienen.
Vecera arbeitet bei der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) als Referentin für Rassismuskritik und Intersektionalität sowie als Koordinatorin für Global Education mit dem Schwerpunkt „Rassismus und Kirche“. Anlass für das Buch waren mehr als 150 Lesungen zu ihrem ersten Werk. Jede Gemeinde persönlich besuchen, sagt sie sinngemäß, könne sie schließlich nicht.
Gemeinde als Begegnungsort
Wie dringend solche Räume gebraucht werden, zeigen aktuelle Studien. Laut Polarisierungsbarometer 2025 des Mercator Forums Migration und Demokratie an der TU Dresden nehmen mehr als 81 Prozent der Menschen in Deutschland die Gesellschaft als gespalten wahr. Die Mitte-Studie 2025 der Friedrich-Ebert-Stiftung nennt fehlende Begegnungsorte als eine zentrale Ursache.
Kirchengemeinden haben solche Orte längst: Kitas, Hauskreise, Teams und Seniorenkreise. Das Praxisbuch möchte sie für rassismuskritische Arbeit öffnen. Es umfasst sieben Einheiten zu Jesusbildern und der Geschichte des Rassismus, strukturellem Rassismus, persönlichen Prägungen, Intersektionalität, Ökumene und Mission.
Der erste Teil ist für die individuelle Reflexion gedacht, der zweite für Gruppenarbeit – etwa in Hauskreisen, Teams, Konfirmandinnengruppen oder Kirchenvorständen. Zwei Entwürfe für Gottesdienste und Bibelarbeit, Körperübungen sowie Vereinbarungen für Gespräche gehören ebenfalls dazu. Kopiervorlagen gibt es auf rassismusundkirche.de zum Download; für Gruppenleitungen werden begleitende Webinare angeboten. Vorkenntnisse aus Veceras erstem Buch sind nicht nötig.
Die Beispiele bleiben nah am Gemeindealltag: Jemand sagt beim Geburtstagskaffee abwertend „die Ausländer“, in einer Konfirmand*innengruppe kursiert eine rassistische Karikatur als Meme. Dann geht es nicht nur um die Frage, was objektiv passiert ist. Leserinnen und Leser sollen auch prüfen: Wie reagiere ich zuerst? Was braucht eine Person, die verstummt? Und welche Veränderung verhindert, dass sich die Szene wiederholt?
Keine vollkommen geschützten Räume
Ein Schwerpunkt liegt auf Haltung und Atmosphäre. Das Buch verspricht keinen vollständig geschützten Raum, sondern beschreibt, wie Räume möglichst sicher gestaltet und Verletzungen bearbeitet werden können. Freiwilligkeit und Vertraulichkeit gehören dazu, ebenso benannte Awareness-Personen. Die Konzepte Safer Spaces und Awareness stammen aus Schwarzen und queeren Bewegungen.
Mit Therapie ist die Kursarbeit ausdrücklich nicht gleichzusetzen. Vecera sagt: Alle Menschen seien rassistisch sozialisiert, sie selbst eingeschlossen. Beschämende Situationen könnten dazu führen, dass sich Menschen verschließen. Gemeinden müssten deshalb Gelegenheiten schaffen, in denen ehrlich gesprochen werden kann, ohne jemanden vorzuführen.
Rassismus und Kirche passen für Vecera insofern zusammen, als die Kirche Teil der Gesellschaft ist. Vollständig rassismusfreie Räume gibt es nicht. Dazu kommt eine belastete Geschichte: Während der Kolonialzeit habe die Kirche Rassenideologien geistlich mitbegründet und legitimiert. An der Entstehung der Ideologie von Menschenrassen habe sie aktiv mitgewirkt, obwohl es solche biologischen Menschenrassen nicht gibt.
Auch biblische Bilder, in denen Schwarz für das Böse und Weiß für das Göttliche steht, bezogen sich ursprünglich nicht auf Hautfarben. Später wurden sie jedoch genutzt, um die ungleiche Behandlung und Entmenschlichung von Menschen zu erklären. In der Kirche zeigt sich Hierarchie laut Vecera außerdem ganz praktisch: Wer auf der Kanzel steht und wer im Gemeindehaus die Toiletten putzt, ist häufig unterschiedlich. Kirchliche Räume seien klar hierarchisch und sozial verteilt.
Wer sichtbar ist – und wer nicht
Vecera war die erste deutsche Frau of Colour im Talar, die sie selbst gesehen hat. Heute kennt sie mehrere Frauen of Colour im Talar, was sie als positive Entwicklung beschreibt. In ihrer Kindheit und Jugend fehlten ihr solche Repräsentationsfiguren. Für sie ist das kein Nebenschauplatz, sondern ein strukturelles Problem in einer vielfältigen Gesellschaft.
Die Kirche müsse sich fragen, wie sie ihrem Anspruch als einladende und offene Institution gerecht werden könne. Dafür müsse sie sich mit Rassismus auseinandersetzen. An vielen Stellen positioniert sie sich bereits gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck und gegen Rassismus. Die theoretische Grundlage sei vorhanden, sagt Vecera; sie müsse nur stärker in praktische Maßnahmen übersetzt werden. Genau dort setzt ihr Buch an.
Gemeinden können schon jetzt Kurse für die Internationalen Wochen gegen Rassismus vom 5. bis 21. März 2027 planen. Im VEM-Podcast „Stachel & Herz“ spricht Vecera mit Thea Hummel über das Buch, in Folge 143. Außerdem gestaltet sie den Podcast selbst und ist auf Instagram unter @moyo.me aktiv.
Vom Bestseller zum Arbeitsbuch
Vecera ist ausgebildete Antirassismus- und Empowermenttrainerin bei Phoenix e.V. Ihr erstes Buch „Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus“ erschien 2022 und wurde zum Bestseller. Im neuen Band beschreibt sie rassistische Strukturen innerhalb der Kirche, die weißen Menschen häufig nicht auffallen, und zeigt, wie Einzelne dazu beitragen können, diese Strukturen abzubauen.
Ihr Ziel bleibt eine Kirche, in der Menschen unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder Zuschreibung willkommen und angenommen sind. Dazu liest Vecera auch aus „Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus“ vor. Die Lesungen finden an mehreren Terminen in Deutschland statt; eine Übersicht der Termine und Veranstaltungsorte wird angekündigt.
Bibliografische Angaben: Sarah Vecera: „Wie ist Jesus weiß geworden? Das Praxisbuch“. Patmos Verlag, 2026. 144 Seiten, Paperback, durchgehend vierfarbig. Preis: 19 Euro in Deutschland, 19,60 Euro in Österreich. ISBN: 978-3-8436-1678-2.
In Dresden, wo das Polarisierungsbarometer der TU Dresden die gesellschaftliche Spaltung vermisst, klingt das Thema nicht nach fernem Kirchentag. Es steckt in ganz normalen Gruppenräumen. Ein Stuhlkreis, ein Kaffee, ein Satz, der plötzlich im Raum liegt – und die Frage, wer jetzt den Mut hat, nicht einfach weiterzumachen.
